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Hellmut Flashar:Wie man die Antike inszeniert

Der Klassische Philologe Hellmut Flashar, geboren 1929, lehrte in Bochum und - bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1997 - an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

(Foto: Privat)

Der Klassische Philologe Hellmut Flashar wird neunzig Jahre alt und publiziert wie eh und je. Gerade sind zwei neue Bücher erschienen, sie handeln vom antiken Drama und dem geglückten Leben.

Man kann nicht behaupten, dass sich der Philologe Hellmut Flashar, der an diesem Dienstag 90 Jahre alt wird, in eine gelehrte Komfortzone zurückgezogen hätte. Sein jüngstes Buch heißt "Lust und Pflicht. Wege zum geglückten Leben", es ist ein ideengeschichtlicher Durchgang durch das Verhältnis der beiden Konzepte im Denken seit der Antike. Steht dieses Buch für den einen Schwerpunkt seines großen Werkes, die Forschungen zur Philosophiegeschichte, so widmet Flashar sich auch im hohen Alter weiterhin seinem zweiten Schwerpunkt, der griechischen Tragödie und ihrer Nachwirkung im modernen Theater. Noch bis zuletzt hat Flashar sich diverse Inszenierungen und Adaptionen antiker Stücke angeschaut und dabei keine Stadttheater-Erfahrung gescheut. So schreibt er über einen Euripides-Abend in Düsseldorf 2017: "Die Aufführung steht und fällt mit der herausragenden Jana Schulz als Medea, in hautengen Leggins und lockerem T-Shirt, aber mit der Verwendung starker körperlicher Ausdrucksmittel, mit unruhigen Blicken und Gliedern, Schaum vor dem Mund, zu schreiender Rockmusik." Das ist - wie auch eine Elektra in Koblenz als "Terroristin mit roten Haaren und schwarzer Lederjacke, bereit zum Muttermord" - nur eine von unzähligen theaterkritischen Skizzen zur Aktualität der Tragödie. Diese Beobachtungen machen fast 100 Seiten von Nachträgen zu einem Standardwerk Flashars aus, das 2009 in zweiter Auflage erschienen war: "Die Inszenierung der Antike". Außerdem enthält sein Band "Antikes Drama - moderne Bühne" Studien über Wolfgang Rihms "Dionysos", über Felix Mendelssohn Bartholdy, Hölderlins Übersetzungen, die antiken Quellen zu Mozarts "Idomeneo" und vieles mehr.

Beneidenswert frisch hat Helmut Flashar im Alter die Ernte eines Forscherlebens eingefahren, auch für Nicht-Experten genießbar. Seine vielgelobte Aristoteles-Biografie erschien 2013, die über Hippokrates, den Pionier der Medizin und des naturwissenschaftlichen Rationalismus, drei Jahre später, 2017 wiederum seine lesenswerte Autobiografie "Halbes Vergessen, sanftes Erinnern". All das feiert an diesem Mittwoch ein Festakt an der Ruhr-Universität Bochum, dem Ort seines ersten gräzistischen Lehrstuhls, an den Flashar nach seiner einflussreichen Münchner Zeit (von 1982 bis 2012) zurückgekehrt ist - natürlich mit mehreren wissenschaftlichen Vorträgen, man will sich ja nicht nur mit Grußworten langweilen.

Ein Schüler des Epikur, so ist überliefert, verfasste eine heute verlorene Schrift mit dem Titel "Nach der Lehre der anderen Philosophen kann man nicht leben." Hellmut Flashar schreibt dazu lakonisch: "Das hat jede Philosophenschule behauptet." Wer sich wie er so lange und gründlich mit dem Streit der Philosophen seit den Vorsokratikern befasst hat, der strahlt auch selber keinen Dogmatismus aus, sondern freundliche Neugier, verbunden mit einer gewissen produktiven Ungeduld. So gut kann ein Philologe leben - aus Lust und Pflicht eben.

Hellmut Flashar: Antikes Drama - Moderne Bühne. Rombach Verlag, Freiburg/Berlin/Wien 2018. 269 Seiten, 38 Euro. Hellmut Flashar: Lust und Pflicht. Wege zum geglückten Leben. Passagen Verlag, Wien 2019. 123 Seiten, 13,90 Euro.

© SZ vom 03.12.2019

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