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Entführung von Hella Mewis:Wen sie finden wollen - den finden sie

Hella Mewis

So groß die Erleichterung unter ihren Freunden ist, so unklar sind weiterhin die Gründe für die Entführung der Kulturvermittlerin Hella Mewis.

(Foto: Tower of Babel for Media Development/AP)

Nach vier Tagen ist die in Bagdad verschleppte Kulturmanagerin Hella Mewis wieder frei, aus diplomatischen Kreisen heißt es, es gehe ihr gut. Weiterhin unklar bleiben die Gründe für ihre Entführung.

Von Sonja Zekri

Nach vier Tagen ist die in Bagdad verschleppte deutsche Kuratorin Hella Mewis befreit und den deutschen Behörden übergeben worden. So groß die Erleichterung unter ihren Freunden ist, so unklar sind weiterhin die Gründe für ihre Entführung. Kurz nachdem ein irakischer Militärsprecher am Freitagmorgen Mewis' Befreiung durch irakische Sicherheitskräfte bekannt gegeben hatte, erklärte Bundesaußenminister Heiko Maas, er sei "sehr erleichtert". Mewis, 48, sei an die deutsche Botschaft in Bagdad übergeben worden. Aus diplomatischen Kreisen hieß es, es gehe ihr den Umständen entsprechend gut. Das irakische Innenministerium gab an, bei der Befreiung sei niemand verhaftet worden.

Hella Mewis war am Montagabend im Stadtteil Karada entführt worden, als sie von ihrem Büro im Kulturzentrums Beit Tarkib, das sie seit 2015 betrieb, auf dem Fahrrad unterwegs war. Bewaffnete in zwei Autos hatten sie in ihre Gewalt gebracht. Polizisten einer nahen Station schritten nicht ein. Zwar werden im Irak immer wieder auch Menschen für Lösegeld verschleppt, aber Beobachter werten die Verschleppung der deutschen Kunstmanagerin als politische Tat. Im Herbst hatten auf dem Tahrir-Platz im Zentrum der Stadt junge Iraker monatelang gegen Korruption, die Macht der schiitischen Milizen und den Einfluss Irans auf die irakische Politik protestiert. Die Kuratorin Hella Mewis, bis dahin konsequent politikfern, hatte ebenso wie viele befreundete Künstler an den Protesten Anteil genommen und war entsetzt über die Gewalt der Milizen gegen die Demonstranten, von denen sie Hunderte töteten.

Freunde berichteten, sie sei alarmiert gewesen

Die Wut der Proteste richtete sich unter anderem gegen die einflussreiche irantreue schiitische Miliz Kataib Hisbollah. Und so gilt sie ganz besonders als einer der möglichen Drahtzieher oder Täter von Mewis' Entführung. Die Miliz wiederum hatte die Verantwortung vorsorglich Ministerpräsident Mustafa al-Khadimi zugeschoben. Dieser versucht seit einiger Zeit, die Macht der Milizen einzuschränken.

Die Ermordung des prominenten Terrorismusexperten Haschim al-Haschimi vor wenigen Tagen lesen viele Iraker denn auch als Botschaft an die Regierung. Haschimi hatte sich für eine Entwaffnung der Milizen eingesetzt. Sein Tod auf offener Straße demonstrierte dem Land die Ohnmacht des Staates. Hella Mewis wusste von der demonstrativen Ermordung Haschimis und war alarmiert, so berichteten Freunde. Aber auch eine Beteiligung von Anhängern Khadimis an ihrer Entführung ist nicht ausgeschlossen - sie betrachteten die Protestierenden als Gegner. Die Terrormiliz Islamischer Staat ist im Irak ebenfalls nicht besiegt.

Mewis, geboren im damaligen Ostberlin, ist sowohl am Theater als auch in Betriebswirtschaft ausgebildet, kam 2013 für ein Theaterfestival nach Bagdad - und blieb. Jahrelang hatte sie sich im Irak nach eigenen Angaben sicherer gefühlt als irgendwo sonst - obwohl sie als Frau alleine lebte, auf den Straßen Bagdads Fahrrad fuhr und sich in Künstlerkreisen bewegte, die der Regierung und den Milizen kritisch gegenüberstanden. Sie habe sich in das Land verliebt, verbringe sie auch nur Stunden außerhalb des Irak, bekomme sie Heimweh, hat sie in einem Interview gesagt. Mit irakischen Künstlern gründete sie das Kollektiv Tarkib ("Montage, Konstruktion"), das in einem historischen Gebäude ein Zentrum für zeitgenössische Kunst - Theater, Musik, Fotografie - einrichtete. Sie arbeitete regelmäßig für Projekte des Goethe-Instituts und unterrichtete für das Goethe-Institut Deutsch.

Seit dem Sturz Saddam Husseins 2003 sind im Irak immer wieder Ausländer, auch Deutsche, entführt worden. Mit den Protesten im Herbst aber hatte die Zahl der Entführungen von Irakern und immer öfter auch Ausländern sehr zugenommen. Im Mai sprach ein UN-Bericht von Dutzenden irakischen Demonstranten, die während der Proteste im Herbst und Winter spurlos verschwanden. Der Bericht äußerte sich nicht konkret zu den Tätern, sprach allerdings von "bewaffneten Akteuren mit einem erheblichen Organisationsgrad und Zugang zu Ressourcen".

Hätte Hella Mewis sich schützen können? Hätte sie ein Leben geführt wie die meisten anderen Ausländer im Irak - hinter meterhohen Mauern mit bewaffneten Sicherheitsmännern vor den Toren -, vielleicht. Die Zahl der Entführungen von Ausländern und Irakern legt allerdings eher den Schluss nahe, dass das größte Risiko die schiere Präsenz im Irak ist. Wen die Täter finden wollen - den finden sie.

© SZ vom 25.07.2020/tmh
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