Helga Schuberts Erzählung "Der heutige Tag":Niemand stirbt für sich allein

Lesezeit: 4 min

"Der, den ich liebe", so nennt Helga Schubert, 83, ihren an Demenz erkrankten Mann, den sie seit Jahren pflegt, in ihrem bei dtv erschienen Buch "Der heutige Tag". (Foto: Renate von Mangoldt)

Was passiert mit der Liebe, wenn einen der Geliebte nicht mehr erkennt? Helga Schuberts zärtliches, hartes Buch über die Pflege ihres Mannes.

Von Barbara Vorsamer

"In genau diesem Moment bleiben" wird einem in jeder Yogastunde geraten, es ist modernes Achtsamkeitsblabla für all diejenigen, die versuchen, den Rush-Hour-Alltag zu überstehen. Für die Erzählerin in Helga Schuberts neuem Buch "Der heutige Tag" ist es Lebensmotto. Die 83-jährige Erzählerin pflegt ihren 96-jährigen, schwer dementen Ehemann und freut sich an jeder gemeinsamen Sekunde.

Ganz richtig gelesen. Sie freut sich über jede Sekunde, obwohl in diesen Sekunden auch herausgerissene Blasenkatheter vorkommen, umgekippte Rollstühle, Dutzende Tabletten täglich, aber manchmal kein gegenseitiges Erkennen. Lieber sterben, sagen da viele, für die der Tod noch einige Jahrzehnte entfernt ist. Werden Menschen gefragt, wie sie sich das eigene Ableben vorstellen, sagen die meisten: schnell, schmerzlos. Am liebsten einfach umkippen. Oder einschlafen und nie wieder erwachen.

Niemand will krank und pflegebedürftig werden, am Ende des Lebens "dahinsiechen", wie es oft heißt, ein Wort, das man in Schuberts Buch nicht finden wird. Und doch kommt es für die allermeisten Menschen am Lebensende genau so. Sich damit auseinanderzusetzen ist daher nicht die dümmste Idee und die Lektüre von "Der heutige Tag" nicht der dümmste Start.

Die Erzählerin ist, unschwer zu erkennen, Helga Schubert selbst, die auch im wahren Leben ihren Mann pflegt, den Maler und Psychologieprofessor Johannes Helm. Im Buch heißt er Derden, das soll für "der, den ich liebe" stehen. Dann beschreibt sie ihren Tag, ihre Tage, kleinteilig bis hin zum "Sahnejoghurt im Schatten, eine Amsel singt, Stille". Derlei sind die letzten kleinen Freuden, die ihrem Mann noch geblieben sind, doch Helga Schubert schreibt darüber zärtlich: "So darf ein Leben doch ausatmen."

Helga Schubert: Der heutige Tag. Ein Stundenbuch der Liebe. Dtv, München 2023. 272 Seiten, 24 Euro. (Foto: Dtv)

Bei genauerem Hinspüren ist es ein hartes Buch, das einem zwischen den weichen, liebevollen, poetischen Sätzen Kinnhaken versetzt. Jede Seite erinnert daran: Auch du wirst nicht einfach tot umfallen, höchstwahrscheinlich. Auch du wirst in deinen letzten Lebensjahren gewickelt werden müssen und niemanden mehr erkennen, du wirst halluzinieren und sabbern, hilflos sein, verwirrt.

Kann man so ein Leben dann lieben? Von so einem Wesen noch zurückgeliebt werden? Das wird die Erzählerin von so vielen Menschen gefragt, dass man es sich irgendwann auch fragt. Ab wann wird der Preis zu hoch, wann ist man zu alt, wann übersteigt der Schmerz und der Aufwand die Liebe, und war es überhaupt je Liebe, wenn das irgendwann passiert?

Schubert beantwortet diese Fragen auch mit vielen Rückblenden auf ihr gemeinsames Leben, das Kennenlernen am Lehrstuhl für Psychologie, das gemeinsame Leben in der DDR, die sie schon damals ihm zuliebe, der Liebe zuliebe, nicht verließ. Heute lässt sie sich wieder ein auf seine Welt, die nicht die ihre ist, lässt sich verwechseln ("Wer weiß, vielleicht bestehe ich ja aus drei Frauen. Vielleicht hat er das gerade erkannt. Nur ich wusste es noch nicht.") und feiert Weihnachten im Februar, weil er eben glaubt, es sei der 24. Dezember, und andernfalls traurig wäre. Als sie digital an einer Sitzung des Schriftstellerverbands PEN teilnimmt, fährt Derden mit dem Rollstuhl die Auffahrt hinunter, kippt um, verletzt sich, ist verwirrt.

Die bitteren, traurigen, harten Momente der Pflege lässt Schubert nicht aus

Auch das eine Irritation, dass eine Frau so geradeheraus schreibt, wie viel sie für ihren Mann aufgegeben hat, und gleichzeitig, wie glücklich sie das gemeinsame Leben macht, immer noch, auch wenn es eines ist, das viele Menschen für keins mehr halten. Es ist ein grundsätzliches Dilemma des Schreibens und der öffentlichen Debatte, dass die, die es tun und daran teilnehmen, oft nur indirekte Kenntnisse haben. Wer pflegt, schreibt nicht, spricht nicht - keine Zeit für so was.

Helga Schubert ist da eine Ausnahme. Die Geschichte, die "Der heutige Tag" erzählt, hat sie - teilweise wortgleich - in den vergangenen Jahren auch in vielen Interviews erzählt, die sie gegeben hat, nachdem sie im Alter von 80 Jahren den Bachmann-Preis gewonnen hat. Der westdeutschen Öffentlichkeit ist sie erst seitdem so richtig ein Begriff, obwohl sie schon seit vielen Jahrzehnten Romane schreibt und veröffentlicht.

So viel Liebe auch vorkommt (schon im Untertitel, der lautet "Ein Stundenbuch der Liebe"), die bitteren, traurigen, harten Momente, die die Pflege eines schwer kranken Menschen mit sich bringt, lässt Schubert nicht aus: Menschen, die ihr vorschlagen, dem Mann Morphium zu geben oder ihn mit einem kalten Waschlappen im Gesicht morgens zu wecken; die Unmöglichkeit, mal wegzufahren, weil es niemanden gibt, der sie in der Pflege ersetzen kann; ihr inneres Verbot, darüber nachzudenken, was sein nahender Tod für sie auch für Vorteile hat.

Schon ihr Glaube verbietet den Gedanken daran, einem anderen Leben ein Ende zu setzen

Am stärksten ist Schuberts Erzählung, wenn sie in den Details bleibt, minutiös ihren Alltag beschreibt und ihre Gefühle dazu aufs Papier legt. Seltsam steht dagegen so manche Begegnung mit anderen Sterbenden und Pflegenden. Gerade noch war man so unglaublich nah an Derden und der Erzählerin, dann kommt ein Kapitel über den Tod eines Mannes 1994, dessen Frau sich kurz danach umbrachte, und ja, vermutlich soll diese Episode auch noch mal unterstreichen, wie stark eine Verbindung zwischen zwei Menschen sein kann. Aber das hat man an der Stelle schon längst verstanden.

Dem Buch vorangestellt hat Helga Schubert ein Zitat aus dem Matthäus-Evangelium. Sie ist gläubig, weswegen sich alle Gedanken daran, einem anderen Leben ein Ende zu setzen, und sei es nur durch ein bisschen weniger Hingabe, für sie komplett verbieten. Dort steht: "Darum sorgt nicht für den andern Morgen; denn der morgende Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe." Jederzeit im Moment zu leben, sich auf Sonnenstrahlen und Sahnejoghurt zu konzentrieren, ist vielleicht die einzige Möglichkeit, ihre Situation auszuhalten.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

SZ PlusBachmannpreisträgerin 2020
:"Man muss die Widersprüche in sich annehmen"

Bachmannpreisträgerin Helga Schubert spricht über das Trauma der Diktatur, die Frage, ob die DDR Glück bereit hielt und die blinden Flecken im westlichen Blick.

Interview von Felix Stephan

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: