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Helen Mirren:Sie hasst die Siebzigerjahre

Helen Mirren

Helen Mirren spielte die Queen und bekam dafür einen Oscar. Danach wurde sie von der echten Queen zur Dame ernannt.

(Foto: AP)

Am Anfang ihrer Karriere wurde ihr vor allem auf den Busen gestarrt. Heute gibt es nichts mehr, was Frauen nicht können, sagt Schauspielerin Helen Mirren. Eine Begegnung.

Was den internationalen Ruhm betrifft, war Helen Mirren ziemlich spät dran. Auf der Bühne war sie schnell etabliert, als die Royal Shakespeare Company sie engagierte, war sie erst 21 Jahre alt. Gelegentlich spielte sie in Filmen mit, und dann machte eine Fernsehserie sie zu einem echten, wenn auch ungewöhnlichen Star.

1991 lief "Prime Suspect" an, eine Krimiserie, die in London spielt, wo es damals noch ein bisschen schmuddeliger und normaler war als heute. In der ersten Folge versemmelt ein Haufen großmäuliger Typen einen Mordfall, während Detective Jane Tennison zu Büroarbeit verdonnert wird. Aber dann darf sie übernehmen, Weisung von oben, es soll eine Frau befördert werden, und das Department gerät in Aufruhr, während sie sich an die Arbeit macht.

Jane Tennison war damals, vor 27 Jahren, als kinderlose, weibliche Workaholics höchstens zur Abschreckung auf die Bildschirme und Leinwände fanden, eine sehr ungewöhnliche Figur, sie ist die Mutter aller modernen Fernsehkommissarinnen. Und selbst Helen Mirren beteuert, eine solche Figur sei ihr nie begegnet, bevor sie das Drehbuch las. Sie spielte Jane als positive Figur, die sich mit kühler Rationalität in der Londoner Polizei hocharbeitet. Helen Mirren hatte davor schon einen Darstellerpreis in Cannes gewonnen, aber nun war sie eine internationale Größe, mit der man rechnen musste. 15 Mal hat sie Tennison bis 2006 gespielt. Im Sommer desselben Jahres hatte bei den Filmfestspielen in Venedig "The Queen" von Stephen Frears Premiere - Helen Mirren spielte Elizabeth II. und bekam einen Oscar.

Die Siebziger waren für sie der traurige Höhepunkt des Sexismus

Dort hatte kürzlich auch ihr neuer Film Premiere, "Das Leuchten der Erinnerung", der seit dieser Woche in den deutschen Kinos läuft. Mirren spielt gemeinsam mit Donald Sutherland ein altes Ehepaar auf einer letzten Reise. Beide sind krank, er ist ihr, von wenigen Momenten abgesehen, in die Demenz entglitten. Ella und John fahren quer durch Amerika, und manchmal weiß John gar nicht, wo es hingeht. Dann erzählt er, ganz plötzlich, von Hemingway und von vergangenen Zeiten; und in diesen Augenblicken macht sich tatsächlich ein bisschen Glück breit in dieser traurigen Geschichte, die sich hinter den humorvollen Momenten versteckt.

Beim Treffen anlässlich der Premiere wirft das natürlich die Frage auf, ob so eine Altersrolle ihr auch Angst vor der eigenen Zukunft macht? Helen Mirren ist 72 Jahre alt.

Der Antwort geht sie aus dem Weg und verweist lieber darauf, dass sie ja kein Method Acting betreibe. Das soll wahrscheinlich heißen, dass sie Ella, diese alte Dame aus dem Film, nur überstreift. Sie muss sich nicht mit ihr identifizieren, um sie darstellen zu können. Wenn man so fröhlich ist wie Mirren, gibt es für Angst vor dem Alter ja auch wenig Grund. Sie scheint fast alles komisch zu finden und wirkt so, als ginge es ihr rundum gut. Wenn Helen Mirren, von der echten Queen inzwischen zur Dame Helen Mirren geadelt, vor einem sitzt, sieht sie ungefähr zwanzig Jahre jünger aus als die Ella, die sie auf der Leinwand spielt.

Helen Mirren zum 70.

"Ich bin ganz gut in Schuss"

Umso erstaunlicher, wie viel diese Frau schon erlebt hat. Zum Beispiel hackt sie leidenschaftlich gern auf den Siebzigerjahren herum, denn sie war und ist immer schon eine laute Feministin. Und dieses Jahrzehnt, erzählt sie, war unter feministischen Gesichtspunkten der größte anzunehmende Unfall. Sexismus war auf dem Höhepunkt - "schlimmer als in den Vierzigern und Fünfzigern" - und komplett normal. Heute verlangt Helen Mirren nach mehr Regisseurinnen, damals wäre sie wahrscheinlich schon froh gewesen, hätte eine Frau eine Talkshow gehabt. Mirren, damals eine Bühnenberühmtheit, war 1975 in die Sendung von Michael Parkinson eingeladen worden, in Großbritannien ein Straßenfeger. Parkinson quatschte von der "nuttigen Erotik", die sie der Royal Shakespeare Company verleihe, starrte ihr in den Ausschnitt und frage dann, ganz im Ernst, ob ihr Busen nicht von ihren Auftritten ablenke.

Trotz unterschiedlicher Ansichten ist Margaret Thatcher für sie eine Heldin

Es hat sich, sagt sie, viel verändert seither: "Ich würde sagen, da ist irgendwann mal der Damm gebrochen, der damals höchstens ein paar Risse hatte. Mir gefällt das sehr, wenn ich heute CNN anschaue, irgendwo ist eine Katastrophe passiert, und der wichtigste Geologe der Welt wird befragt oder ein Spezialist für den IWF - und es sind Frauen."

Wann dieser Damm gebrochen ist? "Ich habe immer schon gesagt: Margaret Thatcher ist meine Heldin. Nicht, weil mir ihre politischen Ansichten gefallen hätten, das haben sie nicht, sondern weil jedes kleine Mädchen vor dem Fernseher, wenn es seine Mutter fragte, zur Antwort bekam: Das ist die Premierministerin von England. Und dann weiß das kleine Mädchen, dass alles möglich ist. Dass man etwas nicht machen kann, das gibt es ja kaum noch."

Was nicht heißt, dass sie sich jetzt nicht Sorgen macht, wie es weitergeht. Sie ist mit dem amerikanischen Regisseur Taylor Hackford ("Ein Offizier und Gentleman") verheiratet, sie lebt seit mehr als zwanzig Jahren überwiegend in Amerika. Ivanka Trumps Buch über arbeitende Frauen nahm Mirren im Sommer auseinander ("Nimm dir Zeit für eine Masage"), Trumps Präsidentschaft fasst sie so zusammen: "Es ist ein bisschen, als ob man einem Autounfall zusieht."

In "Das Leuchten der Erinnerung" kommt Trumps Wahlkampf vor, und wenn Mirren davon erzählt, merkt man tatsächlich, dass die Erinnerung an diese unschuldigen Zeiten für sie leuchtet. Ella und ihr Mann laufen auf ihrer Reise in eine Kundgebung hinein. "Wir dachten, wenn der Film dann fertig ist, wird man dasitzen und sagen: Ach ja, den Typen gab es ja damals auch noch!" Hat nicht gestimmt. Aber wenn man so oft richtig gelegen hat wie Helen Mirren, darf man sich auch mal irren.

© SZ vom 05.01.2018/kel
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