Heinz StrunkBiss mit stumpfen Zähnchen

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Was macht Heinz Strunk aus Draculas Nachfahren? Der Hamburger Schriftsteller hat Krach mit der Kinderbuchszene.
Was macht Heinz Strunk aus Draculas Nachfahren? Der Hamburger Schriftsteller hat Krach mit der Kinderbuchszene. (Foto: Dennis Dirksen)
  • Heinz Strunk behauptet, Kinderbücher könne er nebenbei aus dem Ärmel schütteln, was in der Kinder- und Jugendliteratur-Szene für Empörung sorgt.
  • Sein neues Kinderbuch „Graf Fauchi und das verschwundene Gebiss“ über einen alternden Vampir zeigt, dass ihn wenig interessiert, was Kinder berührt
  • Als Gegenbeispiel beweist Ayse Klinges Comic „Der Zahn“, wie man sich Zeit nehmen und sich mit Kinderleben und dem Großwerden beschäftigen kann.
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Heinz Strunk prahlt, Bücher für junge Leser schüttele er nebenbei aus dem Ärmel. Dass an der These etwas nicht stimmt, zeigen sein neuestes Produkt, die Vampirgeschichte „Graf Fauchi“ – und ein gutes Gegenbeispiel.

Von Christine Knödler

Es ist wieder passiert: Die Kinder- und Jugendliteratur wird der mangelnden Qualität bezichtigt. Sprachlich unterkomplex, Ideen: null – der Vorwurf ist hinlänglich bekannt. Politiker hauen sich um die Ohren, Kinderbücher zu schreiben, sei was für Dummies. Das kann jeder, heißt es. Welch ein Irrtum.

Ein Kinderbuch schüttle er aus dem Ärmel, hat Heinz Strunk gerade in einem Interview in der ZEIT gesagt. Er schreibe es schon allein deswegen einfach so runter, weil Kinderbücher so dünn seien. Der Autor von Romanen wie „Der Goldene Handschuh“ über einen Frauenmörder von St. Pauli wirft seinen Handschuh in den Ring und die Kinder- und Jugendliteratur-Szene faucht erbost zurück. Was dann geschieht, ist programmiert. Strunk legt im Spiegel nach, sein Argument: Getroffene Hunde bellen. Die Empörungswelle geht in die nächste Runde.

Heinz Strunk: Fauchi und das verschwundene Gebiss. Illustrationen von André Breinbauer. Lappan, Oldenburg 2025. 45 Seiten, 15 Euro.
Heinz Strunk: Fauchi und das verschwundene Gebiss. Illustrationen von André Breinbauer. Lappan, Oldenburg 2025. 45 Seiten, 15 Euro. (Foto: Lappan)

Das wäre nun nicht nötig: Das beste Mittel gegen solche Anwürfe ist, mit guten Kinderbüchern dagegenzuhalten. Die gibt es. Aber gehört Strunks neues Kinderbuch „Graf Fauchi und das verschwundene Gebiss“ dazu? In seinen Büchern für Erwachsene schreibt Strunk über Trostlosigkeit, Verelendung, Rausch, Sex, Verbrechen, über verkorkste Leben, das Böse im Menschen. Den Kindern legt er jetzt ein Vampirbuch vor. Neu ist das nicht. Schon die berühmte Buchreihe „Der kleine Vampir“ von Angela Sommer-Bodenburg, von 1979 an erschienen, erzählt die Geschichte einer Mensch-Vampir-Freundschaft. Vampire sind die beliebtesten Untoten der Kunst und Popkultur. Was macht Strunk aus Draculas Nachfahren?

Seine Idee betrifft die Schwachstelle eines alternden Vampirs: die Zähne. Die wurden ihm geklaut. Fauchi kann nur noch fauchen, ohne seine Zähne ist er verloren. Vor tausend Jahren war er noch wer, jetzt nimmt ihn keiner mehr ernst: „Das muss man selbst für einen Vampir ein biblisches (hat da jemand biblisch gesagt, kotz, würg?) Alter nennen. Und mit den Jahren kommen eben unweigerlich die Zipperlein.“

Finden Zehnjährige Witze über Greenwashing lustig? Sprechen sie die Eltern an?

Die Zipperlein eines Tausendjährigen sind nichts, was Kinder berührt, vielleicht auch nur: interessiert. Sie lernen außerdem, dass es statt schwer zu öffnender Särge heute die „Peace-Box“ gibt. „So heißen die modernen, aus Papier und Pappe in Leichtbauweise gefertigten Falt- und Klappsärge, die zudem die Umwelt schonen, recycelbar, rückstandsfrei, emissionsarm.“ Was heißt „emissionsarm“? Wissen das Zehnjährige, für die das Buch angeblich geschrieben ist? Finden sie einen Seitenhieb auf Greenwashing der Begräbniskultur lustig? Einen Strunk interessiert nicht, was Kinder interessieren könnte. Er schreibt nicht für Kinder, seine Kinderbücher nennt er ein „Nebenprodukt“. Genau so lesen sie sich. Die Illustrationen von André Breinbauer reißen es auch nicht raus. Ob die Nackte mit hängenden Brüsten wenigstens Erwachsene anspricht, ist fraglich.

Ayse Klinge: Der Zahn. Kibitz, Hamburg 2025. 208 Seiten, 24 Euro.
Ayse Klinge: Der Zahn. Kibitz, Hamburg 2025. 208 Seiten, 24 Euro. (Foto: Kibitz)

Zum Vergleich: Gerade ist mit dem Comic-Debüt der Autorin und Zeichnerin Ayse Klinge ebenfalls eine Vampirgeschichte für Kinder ab sechs Jahren erschienen. Auch sie erzählt eine Freundschaftsgeschichte, hier zwischen zwei Mädchen. Dass die eine, Mila, Vampire fürchtet und die andere, Karla, feststellt, dass sie selbst Vampirin ist, macht die Sache so aufregend wie schräg. Hier geht es um Kinderleben, Kinderalltag, ums Großwerden: Karla wächst ein auffällig spitzer Eckzahn. Ayse Klinge erzählt souverän im Strich, schnell in den Dialogen, warm und lebendig in der Farbigkeit, warmherzig in der Figurenzeichnung.

Damit gelingt ihr ein leichtfüßig-witziges Spiel mit Erwartungen und Vorurteilen, das nebenbei eine wichtige Wendung der Vampirdarstellung ermöglicht: Der Schwerpunkt des Erzählens liegt auf der Überwindung des Bösen – des vermeintlichen, des tatsächlichen –, aber nicht durch Stigmatisierung, sondern durch Integration. Das geht nur, wenn man einander kennenlernt, wie Mila und Alina das tun. Kurz: „Der Zahn“ ist ein gutes Kinderbuch.

Ayse Klinges Comic ist 220 Seiten stark, und sie hat zwei Jahre daran gearbeitet. Gute Literatur für junge Leser schüttelt man eben doch nicht einfach mal so aus dem Ärmel.

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