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Hörbuch: Heinrich Heines "Matratzengruft":Marter seiner Nächte

Heinrich Heine Dusseldorf 1797 Paris 1856 German writer Engraving by Weger and Singer 1885 C

Selbst- und Fremdbeschreibung eines vom Tode gezeichneten: Heinrich Heine starb nach langer Krankheit im Jahr 1856.

(Foto: imago stock&people/imago/Danita Delimont)

Großes Kapitel in der Geschichte des öffentlichen Sprechens über Krankheit, Sterben und Tod: Zeitgenossen und der Dichter selbst über Heinrich Heine in der Matratzengruft.

Von Lothar Müller

Vor Heine gab es das Wort "Matratzengruft" nicht. Er hat es im Nachwort zur Gedichtsammlung "Romanzero" (1851) auf die Bühne treten lassen und mit seinem öffentlichen Ich verschmolzen: "kein grünes Blatt rauscht herein in meine Matratzengruft zu Paris". Da war er schon seit drei Jahren auf Bett und Lehnsessel zurückgeworfen. Was man so kerngesund nennt, war er nie gewesen, schon in den 1830er-Jahren hatten die Lähmungserscheinungen begonnen, die Lidparalyse am linken Auge schritt voran. Als sich 1846 die Kreislaufprobleme verstärkten, hatten die Lähmungen zugleich die rechte Gesichtshälfte befallen. Ende Mai 1848 begann das Leben in der Matratzengruft, mit Opium und Morphium in immer höheren Dosen. Als Heine im Februar 1856 starb, hatte er sich in den Jahren zuvor hundertfach als lebender Toter porträtiert.

Aus zwei Gründen ist das Hörbuch "Matratzengruft. Heinrich Heine" des kleinen Vocalbar-Verlags empfehlenswert. Es stellt den Auszügen aus dem Werk Heines die Berichte seiner Zeitgenossen an die Seite, in denen der Schwerkranke und Sterbende auf berührende Weise Gestalt gewinnt und zugleich der Spötter und Sprachvirtuose, der nach wie vor in ihm steckt. Und es bringt durch die rhetorische Darbietung den Facettenreichtum der Ich-Figur des Dichters in der Matratzengruft zu Gehör.

Die Schauspielerin Anette Daugardt spricht vor allem die Berichte der Zeitgenossen und kann dabei auf jedes Pathos verzichten. Der pure Verlauf der Krankheit ist drastisch genug. Ob Caroline Jaubert vom letzten Besuch berichtet, den Heine Anfang 1848 bei ihr macht, auf dem Rücken des Dieners vom Wagen zur Wohnung im zweiten Stock getragen, oder sein langjähriger Arzt David Gruby den "fast blinden Paralytiker" diagnostiziert, den er auf dem Teppich liegend vorfindet.

Vom souveränen Ich zum demütigen Schmerzensmann

Aber dieser vom Tod Gezeichnete, der seinem publizistischen Gehilfen Alfred Meissner von den "unablässig wütenden Schmerzen", den "martervollen Nächten", der "Hiobspein" berichtet, erzählt im nächsten Moment witzige Anekdoten oder spottet mit lautem Gelächter über die Deutschen nach der Revolution von 1848. Und wie eh und je verbindet er die Selbstironisierung seines Judentums mit schneidender Kritik am Antisemitismus. In der Matratzengruft geht auch das Gespenst des jungen Heine um, auf die letzten Jahre ist die Textauswahl nicht beschränkt, sie wird gerahmt von den Versen "Anfangs wollt ich fast verzagen..." aus dem "Buch der Lieder", dessen Zyklus "Junge Leiden" die späten Leiden in sich aufnimmt.

Dieser Leidende war, was wir heute einen "Prominenten" nennen. Er zog Besucher an, viele Berichte der Zeitgenossen wurden zu seinen Lebzeiten gedruckt. Und was er selbst in den Druck gab, ist bis heute nicht nur für Literaturliebhaber von Belang. Es ist auch ein großes Kapitel in der Geschichte des öffentlichen Sprechens über Krankheit, Sterben und Tod.

Uwe Neumann, der die Briefe Heines spricht sowie die meisten Gedichte und Prosastücke, hat dafür ein feines Gespür. Bei Anette Daugardt färbt der Prosaton auch den Gedichtvortrag, Neumann spannt, vor allem in der Poesie, aber auch in der Prosa, durchgängig das Hochseil der klassischen Rezitation. Das ist Heine sehr angemessen. Denn er hat sein Leiden, seine Krankheit zum Entwurf der letzten großen Ich-Figur genutzt und dabei sein Verschwinden in der Matratzengruft als große Zäsur inszeniert, als Abdankung des souveränen, von der Philosophie Hegels zu höchstem Selbstbewusstsein verführten, über den Himmel spottenden Ich zugunsten des demütigen Schmerzensmannes, der zum persönlichen Gott seiner Jugend zurückfindet.

Heinrich Heine: Matratzengruft. Sprecher: Anette Daugardt und Uwe Neumann. 75 Minuten, 15 Euro. Vocalbar-Verlag, Berlin 2021.

Der Autor Heine aber war zur Demut nicht sonderlich begabt, und so kann Uwe Neumann die Prosa der "Geständnisse" oder die Gedichte des "Romanzero" so rezitieren, dass in der Schwebe bleibt, ob die Stimme aus der Matratzengruft ihrer einstigen Souveränität entsagt - oder ob sie ihre Abdankung trotz aller unerhörten Ostentation der Schmerzen und des Leidens überlebt hat. Wer in "Maria Antoinette" den kopflosen Gestalten des Ancien Régime begegnet, die zu aktuellen Spukgestalten der Restauration geworden sind, oder im Gedicht "Morphine" dem ultimativ ausgeblichenen klassischen Duo von Schlaf und Tod, der wird zur zweiten Version neigen.

Leider sind die Quellenangaben dieses Hörbuchs, vor allem, was die Stimmen der Zeitgenossen betrifft, allzu karg geraten. Es lohnt sich, ihnen in den digitalen oder sonstigen Enzyklopädien nachzuspüren, nicht zuletzt der Besucherin der letzten Lebensmonate, Elise Krinitz, die Heine nach der auf ihrem Siegel eingravierten Fliege "Mouche" nannte. In ihrer Lebensgeschichte steckt ein Balzac'scher Roman samt Zwangsheirat, Irrenhaus und Autorschaft unter Pseudonym.

© SZ/masc
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