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Heinrich George im Porträt:Innerlich zerrissener Koloss

Heinrich George und Berta Drews in dem Theatersück "Götz von Berlichingen", 1937

Götz Georges Eltern Heinrich George und Berta Drews, im Götz von Berlichingen von 1937 am Berliner Schillertheater.

(Foto: SCHERL)

Wäre Heinrich George nicht früh gestorben, den Schauspieler Götz George hätte es wohl nie gegeben. Der charakterstarke Vater wäre eine zu große Hypothek für den Sohn gewesen. Nun verkörpert ausgerechnet Sohn Götz seinen Vater im Film - und muss sich mit dessen widersprüchlicher Verbindung zu den Nazis auseinandersetzen.

"Er brauchte Applaus, er fraß Applaus, gierig wie ein Raubtier." Wenn Heinrich George auf der Bühne stand, nahm er sie für sich ein. Die Bühne war sein Terrain. Und die Gunst des Publikums war sein täglich Brot, laut der Äußerung von Regisseur Jürgen Fehling.

Aber sein schauspielerisches Talent ist nicht der Grund, warum das Leben des Schauspielers nun mit seinem Sohn in der Titelrolle verfilmt worden ist. Vielmehr ist es sein zweifelhafter Ruf, zu dem der renommierte Schauspieler während der Nazi-Zeit kam, und seine innerlich zerrissene Persönlichkeit.

Schon früh entdeckte Heinrich George das Schauspiel für sich. Als Kind sollen seine jüngeren Geschwister und Nachbarskinder unter seiner Anleitung Märchen gespielt haben. In den zwanziger Jahren avancierte der 1893 in Stettin geborene George zu einem der renommiertesten Schauspieler der Weimarer Republik. Mit seinem Auftreten füllte er Rollen in Werken Schillers, Shakespeares und Ibsens aus, war der gruselige Wächter der Herz-Maschine in Fritz Langs Metropolis und Franz Biberkopf in der Literaturverfilmung Berlin Alexanderplatz. Als "Koloss, dabei elastisch, jung, vital" schildert ihn der Schriftsteller Arnolt Bronnen. Mit voller Wucht warf sich George in seine Rollen, ob Faust, Macbeth oder Falstaff. Aber Goethes Götz von Berlichingen, den Ritter mit der eisernen Hand, spielte er am liebsten. Seine Paraderolle genoss George so sehr, dass er seinen zweiten Sohn Götz nannte.

Als "kontrollierte Trance" bezeichnete er selbst sein Spiel. Auch wenn er im Hintergrund trank, auf der Bühne wusste er stets, sein Publikum nicht zu enttäuschen, wie sein Sohn Götz in einem Interview mit dem Stern erzählt.

Aus Heinrich George wurde "der große George", er spielte Maxim Gorki und Bert Brecht und galt als politisch links orientiert. Aber dann kam Hitler an die Macht und der Schauspieler arrangierte sich mit den Nazis. Joseph Goebbels verpflichtete ihn bald als Intendant des Berliner Schillertheaters, im Radio las George Propagandatexte, im Berliner Sportpalast jubelte er 1943 Goebbels bei dessen berühmter Rede zu. Als Generalintendant der Berliner Bühnen hatte er bald seinen festen Platz im nationalsozialistischen Kulturbetrieb.

Offen gegen das Regime wandte er sich nicht: Zu wichtig soll ihm das Schauspielen gewesen sein. "George wollte immer spielen", betont sein Sohn Götz in dem Interview. Und dass sein Vater kein politischer Mensch gewesen sei. 1938 fragte ein Reporter den damaligen Intendanten des Schillertheaters, wie es denn um die Kultur im Reich stehe. Und Heinrich George antwortete, dass der Führer alle Schwierigkeiten beseitigt habe.

Ironischerweise spielte George in dem Nazi-Propagandafilm Hitlerjunge Quex eine Figur, die er für viele Kritiker auch im wahren Leben verkörperte: einen zum Nationalsozialismus bekehrten Kommunisten. Hauptrollen in Veit Harlans Hetzfilmen Jud Süß und Kolberg verstärkten diesen Eindruck. "Er war ein emotionaler Mensch, der wahrscheinlich gar nicht gemerkt hat, was er da anrichtet", verteidigt ihn Götz George.

Auswandern stand für Heinrich George außer Frage, er wollte immer in Deutschland bleiben. Aber obwohl er ignorierte, wer da an der Macht war, folgte er auf der anderen Seite nicht immer den Nazi-Idealen: Jüdischen Schauspielern und Kommunisten verschaffte er Engagements. In die NSDAP trat er nie ein. Zeitgenossen halten ihn für einen Mitläufer, weder Held noch ausgeprägten Nazi.

Seine Nähe zum Regime wurde ihm nach Kriegsende zum Verhängnis. Das sowjetische Militärregime verhaftete ihn 1945, in den Akten der Sowjets zufolge als "einer der angesehensten faschistischen Künstler Deutschlands". Im ehemaligen KZ Sachsenhausen kam er in Haft - und spielte auch dort. Zusammen mit Mitgefangenen inszenierte er Faust und spielte Puschkins Postmeister auf Russisch. Am 25. September 1946 starb George in Haft an den Folgen einer Blinddarmentzündung, sein Sohn Götz war damals acht Jahre alt.

Es ist ein Abschied nicht nur vom Vater, sondern von einer Instanz, dem "genialischen Monstrum", wie sein Sohn ihn nennt. Von da an stellt sich Götz George in den Schatten des Vaters, ergreift den Beruf nur, weil es Heinrich George nicht mehr gibt. Als Elfjähriger fragt er seine Mutter nach der Premiere in seiner ersten großen Rolle: "War ich besser als Heinrich?" Was er geworden wäre, wenn sein Vater überlebt hätte? "Kein Schauspieler. 'Ein Genie in der Familie reicht', hat Vater gesagt", so Götz George im Stern.

Auch nach seinem Tod bleibt Heinrich George präsent. Ihrem Mann widmet seine Witwe Berta Drews, selbst eine große Berliner Schauspielerin, ihre Memoiren. Und für Götz wird Heinrich George zum Idol. Dieser wurde 1998 zwar rehabilitiert, weil er kein Mitglied der NSDAP war - aber seine beiden Söhne kämpfen bis heute darum, seinen Ruf wiederherzustellen. Nicht zuletzt mit der ARD-Verfilmung von Joachim Lang.

George läuft am Mittwoch um 21.45 Uhr in der ARD