Heilige Nacht - politisch korrekt "Und die Weisheit wurde Materie"

Geht nicht fremd! Verletzt keine Lebenspartnerschaft!: Über Gesinnungsterror und die Weihnachtsgeschichte in der Übersetzung der ,,Bibel in gerechter Sprache''.

Von Johan Schloeman

Wenn an diesem Sonntag, an Heiligabend, Millionen Deutsche in die Kirchen strömen, nicht wenige unter ihnen ohne sonstigen Bezug zum kirchlichen Leben, dann könnten einige von ihnen so richtig Pech haben. Gemeint ist nicht das Problem, dass sie möglicherweise keinen Sitzplatz mehr bekommen auf den Bänken, wo übers Jahr hin meist mehr als genug Platz ist. Gemeint ist auch nicht das Ungemach, das hier und da an Weihnachten ein Prediger verbreitet, wenn er mahnend den kommerziellen Charakter des Festes und die Ungerechtigkeit des Wohlstands rügt und so den Leuten die iPods, die Spielekonsolen und die dreifädigen Kaschmirpullover vermiest, die sie anschließend auspacken werden.

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Nein, es kann noch viel schlimmer kommen: Man könnte in einer evangelischen Kirche an einen scheinbar besonders aufgeweckten Pfarrer geraten, und in unserem Zusammenhang ist es unabdingbar hinzuzufügen: oder an eine scheinbar besonders aufgeweckte Pfarrerin. Und dieser, oder diese, wird dann die allseits bekannte Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium nicht in der allseits bekannten Form lesen. Sondern in der neuen Übersetzung der ,,Bibel in gerechter Sprache''.

Und dann wird es den weihevoll Gestimmten so ergehen: Der Engel verkündigt nicht mehr, wie in Martin Luthers tief eingeprägten Worten, große Freude, ,,die allem Volke widerfahren wird'', sondern wie ein Bekanntgeber einer Gesundheitsreform eine solche, ,,die das ganze Volk betreffen wird''. Der Grund dieser Freude ist nicht mehr dieser: ,,Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids'', vielmehr heißt es nun im Bürokratenperfekt: ,,Heute ist euch der Gesalbte der Lebendigen, der Retter, geboren worden.''

Mit dem Begriff ,,die Lebendige'' ist Gott gemeint: Die neue Übersetzung verwendet dafür, nach Quote wechselnd, vom hebräischen ,,Adonaj'' über ,,Ich-bin-da'' bis eben zu ,,die Lebendige'' alle möglichen Wörter, nur nicht das Wort ,,Herr'', das im griechischen Original des Neuen Testaments, griechisch kýrios, durchgängig steht. Und wenn jenes Kind erwachsen sein wird, das jetzt nicht einfach in der Krippe, sondern in der ,,Futterkrippe'' liegt (ist das nicht eine Berliner Imbissbude?), dann wird es im Garten Gethsemane nicht wie im Urtext seinen Vater anrufen, sondern beten: ,,Mein Gott, Vater und Mutter, wenn es möglich ist, soll dieser Becher an mir vorübergehen.''

Unwillkürlich gehen da die Gedanken von der Kirchenbank an Heinrich Bölls Doktor Murke, jenen Rundfunkredakteur, der überall das Wort ,,Gott'' herausschneiden und es ersetzen musste durch ,,jenes höhere Wesen, das wir verehren''. Und nicht genug der Zumutung: Es begab sich nicht mehr zu der Zeit, die Welt wird nicht mehr geschätzt, sondern ,,registriert'', zu den Hirten sind ,,Hirtinnen'' dazugekommen, und Maria und Josef haben nicht mehr keinen Raum in der Herberge, sondern ,,keine Unterkunft'' - so dass man sich fragt, ob die beiden nicht gleich eine Hotelsuchmaschine im Internet anschmeißen werden.

Was ist da passiert? Über Jahre haben einschlägig gutmeinende Theologen, unterstützt von gleichgesinnten Gemeindeleuten und protestantischen Funktionären, unter dem offiziellen Schirm der hessischen Landeskirche die neue Gesamtübersetzung der Bibel angefertigt. Die Gerechtigkeit, die sie im Titel führt, ist ihr das ,,Grundthema der Bibel'', und daraus leitet sie eine dreifaltige Ausformung derselben ab. Zum einen ist das eine ,,geschlechtergerechte Sprache'': So kommt es zur unhistorischen Verschleierung der patriarchalischen Ordnung der Gesellschaft im Altertum, in der die Bücher der Bibel geschrieben sind. Das sechste Gebot, ,,Du sollst nicht ehebrechen'', heißt dann etwa: ,,Geh nicht fremd'' oder, in der Wiederholung der Gebote im 5.Buch Mose: ,,Verletze keine Lebenspartnerschaft!'' Sic!

Das zweite ist ,,Gerechtigkeit im Hinblick auf den christlich-jüdischen Dialog'': So wird die aus schlechtem Gewissen betriebene, anbiedernde Judaisierung des Christentums auf die Spitze getrieben; zum Beispiel sagt Jesus dort, wo er sich vom ,,Auge um Auge, Zahn um Zahn'' abgrenzt, nicht mehr wörtlich übersetzt ,,Ich aber sage euch'', sondern allen Ernstes: ,,Ich lege euch das heute so aus: ...''

Und drittens wollen die Herausgeber ,,soziale Gerechtigkeit'': eine Absicht, die offenbar in der Weihnachtsgeschichte die Entmilitarisierung des Himmels gebracht hat. Denn die ,,Menge der himmlischen Heerscharen'' (griechisch: pléthos stratiás ouraníou) ist in der Übersetzung zur ,,großen Schar des himmlischen Chores'' abgerüstet - obwohl das vertraute kriegerische Bild schon im Psalm 103 des Alten Testaments vorkommt.

Das Ergebnis dieses gewaltigen Ideologieprojekts beraubt nicht einfach nur die Festtagskirchgänger der erhebenden Wiederkehr schöner alter Worte. Es ist auch in zweifacher Hinsicht ein trauriger Rückschritt für unsere Kultur. Zum einen nämlich ist der ,,gerechte'' Text ein erneuter Versuch, die einzigartig sprachmächtige Übersetzung Martin Luthers, die erstmals 1534 vollständig erschien, zu verdrängen, in diesem Fall zugunsten einer auch stilistisch katastrophalen Fassung.Die Lutherbibel ist ein Urtext nicht nur der Kirchengeschichte, sondern der deutschen Sprache und Literatur insgesamt. Und sie ist - etwa in der recht behutsamen Revision von 1984 - kraftvoll, lesbar, verständlich. Warum sollte man die Reste kollektiven Gedächtnisses, die Texte deutscher Sprache überhaupt noch hinterlassen haben, durch irgendwelche Befreiungstheologen und Kirchentags-Jünger auslöschen lassen? Das wäre der Fall, wenn man am Anfang des Johannesevangeliums, das traditionell am 2.Weihnachtstag gelesen wird, anstelle von ,,Und das Wort ward Fleisch'' den jetzt vorgeschlagenen Satz ,,Und die Weisheit wurde Materie'' (!) gelten ließe.

Darüberhinaus aber ist die politisch korrekte Bibel auch ein Rückschritt hinter die Maßstäbe der historisch-kritischen Methode. Dabei handelt es sich um eine der auch für die weltliche Wissenschaft und Kultur folgenreichsten Errungenschaften gerade des deutschen Protestantismus. Luthers Ernstnehmen des Textes gegen die Deutungshoheit der kirchlichen Hierarchie, sein Schriftprinzip, hat in Einheit mit dem humanistischen Bildungsimpuls der Reformation, für den Philipp Melanchthon steht, eine gigantische Bewegung ausgelöst: Jahrhunderte der rastlosen Gelehrsamkeit, der Sprachforschung, der geschichtlichen Erklärung, aber auch der Philosophie und der Literatur. Ein Prozess, der spätestens seit der Zeit der Aufklärung - ob gewollt oder nicht - jenen ,,garstigen Graben'' zwischen der Bibel und den späteren Lesern, von dem Lessing sprach, immer spürbarer gemacht hat. ,,Aus der Sicht der neuzeitlichen Bibelwissenschaft'', heißt es in einem Standardnachschlagewerk der evangelischen Theologie, ,,ergibt sich bei jeder Auslegung von Texten die fundamentale Polarität von ursprünglichem Sinn und jeweiliger Gegenwartsbedeutung.''

In diese Tradition gehört auch die protestantische Bemühung, eine möglichst historische Textgestalt der Bibel herzustellen, indem man die Varianten möglichst vieler Abschriften - und nur in solchen ist das Buch der Bücher ja überliefert - zum Vergleich heranzog und kritisch kommentierte. Das ist eine Arbeit, die am Koran bekanntlich noch nicht recht vollzogen wurde. Erasmus brachte eine Edition des griechischen Neuen Testaments heraus, die Luther sogleich für seine Übersetzung heranzog. Von den Vorarbeiten des englischen kritischen Genies Richard Bentley im frühen 18.Jahrhundert geht dieser Weg weiter zu der Pionierleistung des deutschen Philologen, Germanisten und Pfarrerssohns Karl Lachmann, dessen wissenschaftliche Ausgabe des Neuen Testaments 1831 zum ersten Mal gedruckt wurde. Und von dort zur heute maßgeblichen Edition, zum vielfach erneuerten sogenannten ,,Nestle-Aland''.

So war also schon lange nicht etwa bloß bei Zweiflern, sondern im Kern der evangelischen Theologie diese Sichtweise etabliert: Der Bibeltext ist nicht bis ins Einzelne als wörtliche Offenbarung zu verstehen, er ist in einer konkreten geschichtlichen Zeit aufgeschrieben worden. Geist und Buchstabe - das alte Problem. Weswegen man auch nicht die Realitäten der Entstehungszeit - die Benachteiligung der Frauen etwa - durch unhistorische Texteingriffe wegretuschieren muss. So dumm sollte heute kein Leser mehr sein. Es ist erbärmlich, wie die gesinnungsterroristische Gerechtigkeitsbibel diesen Klugheitsgewinn der eigenen Konfession zurückweist.

Das zu Ende gehende Jahr 2006 war von religiösen Auseinandersetzungen geprägt: Karikaturenstreit, päpstliche Provokation der Muslime und anschließend kompensierende Versöhnungsgesten in Istanbul, Islamkonferenz und Idomeneo. In all diesen Kulturkonflikten, die uns erhalten bleiben werden, hört man häufig eine Standardweisheit: Nur wenn man die eigenen Traditionen kenne, wahre und pflege, heißt es, könne es einen ,,Dialog'' der Kulturen und Religionen geben.

Falsch an diesem Gedanken ist, dass er die Asymmetrie der hier und dort unterschiedlichen Weisen der Säkularisierung geflissentlich übersieht und gegen alles Wissen so tut, als könne etwa der Papst in irgendeiner sinnvollen Weise ,,den Westen'' vertreten. Richtig daran aber ist, dass ein leichtfertiger Ausverkauf der hergebrachten Texte wie der Lutherbibel sowie der dazugehörigen historisch-kritischen Tradition - ob in der Kirche oder in der Schule oder sonstwo - eine große Schwäche schafft: Das ist die Unfähigkeit, seinen Glauben anderen verständlich zu machen, weil man dessen Voraussetzungen in der eigenen Kultur ausblendet.

Deswegen ist es jedem zu gönnen, von der ,,Bibel in gerechter Sprache'' verschont zu werden.Jeder Kirchenferne, der darauf mit dem Gefühl reagierte: ,,Dann lieber gar keine Religion'', hätte den richtigen Instinkt. Martin Hertz, ein früher Biograph Karl Lachmanns, schrieb im Jahre 1851 bilanzierend über dessen Philologie des Neuen Testaments: ,,So darf man hoffen, dass das jüngere Geschlecht auf diesem Wege bescheidener und wahrhaftiger Forschung ernsten Sinnes voranschreitend, den Funken der echten Kritik nicht werde verglimmen lassen, sondern dass es ihn zu einem hellen Lichte anzünden werde für alle Zeiten.''

Die Feuilletonredaktion der Süddeutschen Zeitung wünscht ihren Lesern viel Festfreude zu Weihnachten - und zugleich für die Zukunft die Vertreibung all dessen, was das helle Licht der echten Kritik zu verdunkeln droht.