Süddeutsche Zeitung

Heidi und die Supermodels:"Damit könnte man einen ganzen Sender füllen"

"Das ist eine Art Durchlauferhitzer": TV-Produzent Seidel über die Entdeckung Heidi Klums im Unschuldsjahr 1992 und "Germany´s Next Top Model" im Hier und Heute.

Hans-Jürgen Jakobs

April 1992: Heidi Klum siegte beim von Thomas Gottschalk moderierten RTL-Wettbewerb Model "92. Diese frühe Casting-Show wurde damals von Christian Seidel organisiert. Am heutigen Mittwoch kürt Klum selbst bei Pro Sieben Germany"s Next Top-Model. "Heidi", erinnert sich Seidel, "war im positiven Sinn anders."

SZ: War die Karriere von Heidi Klum 1992 bei RTL zu erahnen?

Christian Seidel: Ganz ehrlich: Da war mehr Hoffnung als Glaube. Die Model-Ideale waren anders als Heidi Klum - eher internationale Typen wie Cindy Crawford oder Claudia Schiffer. Heidi war auf positive Weise anders.

SZ: Was war der Haupt-Unterschied zu Heidi Klums heutiger Show Germany"s Next Topmodel auf Pro Sieben?

Seidel: Man hat uns nicht ständig die Einschaltquoten vor die Nase gehalten. Der Moderator Gottschalk stemmte das Projekt mit seiner Sendung. Ohne ihn würde es heute wahrscheinlich keine Heidi Klum und keine Castingshow bei Pro Sieben geben. Heidi Klum bekam einen Garantie-Arbeitsvertrag im Wert von 350 000 Dollar, heute ist die siegreiche Teilnehmerin sofort berühmt.

SZ: Warum hat es 14 Jahre bis zur nächsten Model-TV-Show gedauert.

Seidel: Das Privatfernsehen war damals noch nicht so weit entwickelt. Und die deutschen TV-Manager kopierten nur aus dem Ausland.

SZ: Ist das Thema Casting-Wettbewerb inzwischen nicht ausgereizt?

Seidel: Im Gegenteil. Da scheint sich eine neue Formatgattung zu etablieren. Das könnte sogar einen ganzen Sender füllen. Die Talente werden schon während der Shows in den Klatschspalten zu Prominenten werden - das kann aber ihre künstlerische Entwicklung hemmen. Kaum ein Castingshow-Star kommt über eine Fastfood-Berühmtheit hinaus. Aber es gibt Ausnahmen wie Christina Stürmer, die Gewinnerin von Starmania in Österreich. Oder Kelly Clarkson in den USA (American Idol), die jüngst die Grammys abgeräumt hat.

SZ: Früher feierte Deutschland Stars wie Romy Schneider.

Seidel: Echte Stars sind unverwechselbar. Heute ist jeder ein Star, der kurz den Finger vor der Kamera krümmt. Der Begriff ¸¸Star" wird derart inflationär gebraucht, dass er bedeutungslos geworden ist. Das Voyeur-Bedürfnis der Castingshows lenkt von der Suche nach Lebensinhalten ab.

SZ: Welchen Sinn hat es, im Fernsehen Models zu küren?

Seidel: Eine Castingshow ist wie ein Durchlauferhitzer. Die Pro-Sieben-Show bietet aber etwas Neues - man kann charmant hinter die Kulissen blicken. Heidi Klum entdeckt sich darin selber, sie ist eine talentierte Moderatorin. Manchmal ist ihre Show etwas Mädchen-lastig. Und insgesamt ist bei vielen Castingshows das Ergebnis, worum gekämpft wird, nicht klar definiert.

SZ: Die Klum-Show ist in der Presse gleich von Beginn an sehr intensiv begleitet worden - unter anderem auch mit einer Debatte über Magersucht bei jungen Mädchen.

Seidel: Die öffentliche Debatte war wichtig. Man sieht im Fernsehen recht genau, dass die Mädchen bei Pro Sieben sozusagen naturschlank sind. Magersucht und Bulimie werden nicht durch TV-Sendungen gefördert. Es fehlt in Deutschland generell an Esskultur.

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Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr.68, Mittwoch, den 22. März 2006
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