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Heidelberger Stückemarkt:Hinter dem Warentrenner

Eine Schicht ist lang, der Lohn mittelprächtig. Zehn Kassiererinnen berichten aus ihrem Alltag - singend.

(Foto: Modestas Endriuska)

Die fulminante litauische Musik-Performance "Have a good day" widmet sich ganz den oft übersehenen Supermarkt-Kassiererinnen.

Von Christiane Lutz

Es gab eine kurze Zeit im vergangenen Jahr, da waren sie sichtbar. Da lächelten die Menschen plötzlich die Kassiererinnen und Kassierer in den Supermärkten an, manche wünschten "Alles Gute" und bedankten sich sogar bei ihnen. Dafür, dass die Kassiererinnen Stellung hielten, dass sie mit wildgewordenen Klopapier-Hamstern stritten. Diese Kassiererinnen seien systemrelevant und verdienten mehr Anerkennung und mehr Geld, forderten einige, weil sie das Überleben aller sicherten. Allgemeine Zustimmung. Heute muss man feststellen: So richtig geklappt hat weder das eine noch das andere. Kassiererinnen sind wieder verschwunden, jetzt hinter schweren Plexiglasscheiben.

Umso passender und aktueller ist die Musik-Performance "Have a good day", die beim Heidelberger Stückemarkt per Stream zu sehen ist. Ein einstündiger Choral der Monotonie, vorgetragen von zehn Kassiererinnen. Die Produktion stammt aus Litauen, dem Gastland des diesjährigen Stückemarkts. Entwickelt haben sie die Regisseurin Rugilė Barzdžiukaitė, die Autorin Vaiva Grainytė und die Komponistin und Performancekünstlerin Lina Lapelytė schon im Jahr 2013. "Have a good day" war dann aber so erfolgreich, dass das Stück seitdem durch die Lande tourt und mit etlichen Preisen ausgezeichnet wurde.

Das Künstlerinnen-Trio ist auch für die Arbeit "Sun and the Sea" bekannt, jene Installation auf der Kunstbiennale in Venedig 2019. Damals konnte man in einer Halle Strandszenen von Balkonen aus betrachten, dabei zuschauen, wie sich Menschen im Sand eincremten, Ball spielten, Bücher lasen und in Endlosschleife sangen. Das brachte den Künstlerinnen gar den Goldenen Löwen ein.

Aus dem Chor sticht ein grelles "Beep" hervor, das Geräusch des Warenscanners

Bei "Have a good day" sitzen zehn Kassiererinnen (keine echten, sondern Sängerinnen) in einer Reihe auf Stühlen, in blauen Schürzen. Sie scannen ununterbrochen Barcodes und singen im Wechsel über die Avocados und den teuren Wein in den Regalen, die sie sich nicht leisten können. Über verpasste Busse am frühen Morgen, über volle Blasen und mangelnde Rückzugsmöglichkeiten bei langen Schichten: "Ich möchte in einer Baumhöhle sitzen und eine Eule kneifen, stattdessen kneifen mich Münzen und Geldscheine", singen sie. Sie tun das in einem eigenwilligen, monotonen Rhythmus, ohne dabei emotional zu werden. Das den Kunden mitgegebene "have a good day", hört ohnehin niemand, auf Litauisch sagt man "Geros Dienos" - hört aber auch niemand. Aus dem Chor sticht immer wieder ein grelles "Beep" hervor, das ewige Geräusch des Warenscanners, das Metronom ihres Arbeitstages. Ein Security-Mann begleitet sie am Klavier.

Die Idee ist bei beiden Performances ähnlich. Die Künstlerinnen ästhetisieren alltägliche Situationen, indem sie die Beteiligten auf die Bühne stellen und nicht dokumentarisch über ihr Tun berichten, sondern darüber singen lassen. Die sphärische, dissonante Musik der Komponistin Lina Lapelytė erinnert mal an Arbeiterlieder und Gospel, dann an sakrale oder gar liturgische Klänge. Nur nicht an das, was einem in den Sinn kommt, wenn man an sommerliche Strände oder Supermarkt-Gedudel denkt. Es ist diese Musik, die den Kassiererinnen in "Have a good day" ihre Struktur gibt, eine Art Marschtempo festlegt, dem sie sich unterordnen können, müssen.

Gleichzeitig verändert dieser Choral der Banalitäten die Wahrnehmung der Supermarkt-Situation. Er wirft ein Schlaglicht auf die Biografien der Frauen hinter den Warenscannern und macht sie für ein paar Momente sichtbar, ehe der Kunde weiterzieht und sie vergisst. Das Ganze läuft ohne Einordnung ab, ohne Verortung, ohne Zeit oder Kommentar. Sprachfetzen an Sprachfetzen, ein fließender Brei an Klängen, eine einzige lange Schicht. Das Erstaunliche ist, dass einem die Kassiererinnen trotz der großen Künstlichkeit nahe kommen, dass man in den kurzen Begegnungen mit ihnen auch eine Not spürt, die sie aber gar nicht ausdrücken wollen. Die Performance ist frei von Larmoyanz und Gejammer, es geht nicht um die Verbesserung von Arbeitsverhältnissen, gerade deshalb funktioniert es umso besser als Kritik an Arbeitsverhältnissen.

"Have a good day" im analogen Raum zu hören, muss ein fulminantes Erlebnis sein, im Stream schon ist es beeindruckend. Am Ende der feste Vorsatz, den Kassiererinnen und Kassierern im eigenen Supermarkt beim nächsten Einkauf bewusst freundlich zu danken. Wenigstens das.

© SZ/mob
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