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Mütter und Söhne in der Literatur:"Wenn du meinen Rat annehmen willst, dann bleib ledig"

Fest eingeschnürt in ihr standesgemäßes Kleid: Johanna Christiana Hölderlin, porträtiert im Jahr 1767, noch keine zwanzig Jahre alt.

(Foto: public domain)
  • Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Ludwig van Beethoven, Friedrich Hölderlin und Paul Celan sind die Jubilare des Jahres 2020.
  • Wer waren ihre Mütter? Wissenswertes über Maria Magdalena Louisa Hegel, Maria Magdalena van Beethoven, Johanna Christiana Hölderlin und Friederike Antschel.

Maria Magdalena Louisa Hegel

Das 18. Jahrhundert, in dem die Kindheit als eigenständige Lebensphase und Welt mit eigenen Gesetzen entdeckt und ausfantasiert, einer neuen Pädagogik und neuen Ordnungsrastern unterworfen wurde, entwarf zugleich in seinen Romanen, Gedichten, moralischen Wochenschriften und Erziehungsratgebern mit großer Hingabe das Bild der bürgerlichen Mutter. Früh spielte darin die Bildung eine Schlüsselrolle. Auf den Kupferstichen, die Mütter beim Vorlesen zeigen, stehen die Stimme der Mutter und das Ohr des Kindes im Dienst der Alphabetisierung. Beim Hören bildet sich der Wunsch heraus, die Buchstaben selber lesen zu können.

Von dem Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel stammt ein Schlüsselsatz der Epoche: "Die Mutter ist der Genius des Kindes." Hegels Mutter, Maria Magdalena Louisa Hegel, geborene Fromm, entstammte einer Juristenfamilie und war laut den Aufzeichnungen ihrer Tochter Christiane "für die damalige Zeit eine Frau von vieler Bildung". Ihren Mann, den württembergischen Rentkammersekretär Georg Ludwig Hegel, heiratete sie Ende September 1769, kurz zuvor war sie 28 Jahre alt geworden.

Der spätere Philosoph, in der Familie "Wilhelm" gerufen, kam am 27. August 1770 als der Erstgeborene zur Welt. Karl Rosenkranz, Schüler Hegels und sein erster Biograf, der sich auf die Familienüberlieferung stützen konnte, berichtet, dass die Mutter "den ältesten Sohn, weil er gar so gut lernte, sehr zärtlich hielt und ihm im fünften Jahre selbst die erste Deklination beibrachte". Sie konnte also - bis zu welchem Grad, ist ungewiss - Latein. Man kann davon ausgehen, dass sie die frühkindliche Bildung ihres Sohnes - sie war Pflicht in württembergischen Beamtenfamilien - begleitete. Mit drei Jahren schon wurde er in die deutsche, mit fünf Jahren in die Lateinschule geschickt, mit dem sechsten Geburtstag wechselte er auf das Gymnasium. In diesem Jahr, 1776, wurde sein Bruder Georg Ludwig geboren.

Die zeittypische Koppelung von Zärtlichkeit und Bildungserfolg hatte ein dunkles Gegenüber, das Geschwader der Krankheitsdrohungen, ein Hauptfeld der mütterlichen Sorge und Fürsorge. In seinem sechsten Jahr erkrankte Hegel schwer an den Blattern und erblindete für einige Tage, man rechnete mit seinem Tod. Ansteckende Krankheiten erfassten nicht selten ganze Familien. So war es auch im Hause Hegel, als im Herbst 1783 der Vater, die Mutter, die Schwester und Wilhelm selbst an einem Gallenfieber erkrankten. Am 20. September 1783 starb die Mutter, wenige Tage nach ihrem 42. Geburtstag. Hegel, damals dreizehn Jahre alt, hat wie Schwester und Vater die Krankheit überlebt. Den Todestag der Mutter scheint er innerlich noch Jahrzehnte später begangen zu haben. Am 20. September 1825 schrieb er an seine Schwester: "Heute ist der Jahrestag des Todes unserer Mutter, den ich immer im Gedächtnis behalte."

Es gibt von Hegel keine vergleichbaren Äußerungen über seinen Vater, der im Jahr 1799 starb. Viele Briefe, die Hegel an Christiane schrieb, eine sehr interessante, gebildete, politisch wache Frau, wie man in Alexandra Birkerts Biografie "Hegels Schwester" (2008) erfahren kann, wurden vernichtet. Gut möglich, dass darin weitere Erinnerungen Hegels an seine Mutter enthalten waren. Sein Satz, die Mutter sei der Genius des Kindes, findet sich in der "Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften", in dem hinreißenden Abschnitt "Die fühlende Seele in ihrer Unmittelbarkeit", dort, wo Hegel das Verhältnis des Kindes als Embryo im Mutterleib zur Mutter in die Begriffe seiner Philosophie übersetzt Als noch ganz passives Wesen denkt sich Hegel den Embryo und den Mutterleib als Ort, "worin das Kind so Krankheits- als die weiteren Anlagen der Gestalt, Sinnesart, Charakters, Talents, Idiosynkrasien usf. nicht lediglich mitgeteilt bekommt, sondern ursprünglich in sich empfangen hat". Lothar Müller

Maria Magdalena van Beethoven

Der Stammbaum der weiblichen Vorfahren Ludwig van Beethovens zählt mehrere schwere Frauenschicksale. Neben zwei Großmüttern, die in ihren letzten Jahren in Irrenanstalten eingewiesen wurden, gab es eine Ahnin auf Seiten seines Vaters, die im 17. Jahrhundert eine auffallend emanzipierte Frau gewesen sein muss, von Nachbarn der Hexerei geziehen und, nach einem unter Folter abgepressten Geständnis, auf dem Grote Markt in Brüssel verbrannt wurde. Ein Trauma, das die Familie wohl über Generationen verfolgte. Auch die Mutter des Komponisten wird, nach allem was man weiß und das ist nicht viel, kein einfaches Leben gehabt haben.

Als Maria Magdalena, geborene Keverich, Johann van Beethoven mit 21 Jahren heiratete war sie bereits verwitwet. Binnen weniger Tage waren ihr Mann, der kurfürstliche Kammerherr Johann Leym, den sie mit sechzehn geheiratet hatte, und ihr erster Sohn gestorben. Der neue Schwiegervater Ludwig van Beethoven der Ältere war gegen diese Verbindung. Wobei als standesgemäß, urteilt der Beethoven-Biograf Jan Caeyers, hätte man ihre Herkunft doch ansehen müssen: Ihr Vater sei als Oberhofkoch des Trierer Kurfürsten mindestens so viel gewesen, wie der Bonner Hofkapellmeister Beethoven.

Bonn, Grabmal Maria Magdalena Beethovens, Foto - -

Grabstele für Beethovens Mutter.

(Foto: picture alliance / akg-images)

Von sieben Kindern des Ehepaars überlebten drei Söhne, von denen Ludwig der Älteste war. Es gibt von Maria Magdalena van Beethoven kein Bild und keine Selbstzeugnisse. Ein wenig weiß man vom Familienleben aus den im rheinischen Dialekt aufgezeichneten Erinnerungen der Kinder des Bäckermeisters Fischer, in dessen Haus die Beethovens lange Jahre wohnten. Die Mutter sei, heißt es da, eine häusliche Frau gewesen, die sowohl mit höher als auch niedriger stehenden Personen habe reden und klug antworten können, wofür sie geachtet und beliebt gewesen sei.

Cäcilie Fischer, die Beethovens Mutter nie will haben lächeln sehen, erinnert sich an eine Gelegenheit, bei der sie ihr von der Ehe ausdrücklich abgeraten habe: "Wenn du meinen Rat annehmen willst, dann bleib ledig", soll Frau Beethoven gesagt haben: "Dann hast du das schönste, ruhigste und fröhlichste Leben, das wirst du dann zu schätzen wissen! Denn das Heiraten bereitet dir ein wenig Freude, aber dann eine Kette von Leiden." Vielleicht weil er früh unter dem Einfluss dieser Reden seiner Mutter stand, mutmaßen die Fischers, habe Ludwig van Beethoven nie geheiratet.

Im Jahr 1787, der junge Künstler kam gerade von einer Reise nach Wien, wo er sich unter anderem bei Wolfgang Amadeus Mozart vorgestellt hatte, starb seine Mutter an der Schwindsucht. Nach ihrem Tod verfiel der Vater endgültig dem Alkoholismus. Als ältester Sohn musste Ludwig für die Familie sorgen, trat sozusagen an die Stelle von Vater und Mutter zugleich. Weil er nur sehr kurz die Schule besucht hatte, war Beethoven in der Schriftsprache lebenslang eher chaotisch expressiv. Trotzdem schrieb er wunderbare Briefe, einen der schönsten und berühmtesten davon voller Trauer: "Sie war mir eine so gute liebenswürdige Mutter, meine beste Freundin; O! Wer war glücklicher als ich, da ich noch den süßen Namen Mutter aussprechen konnte, und er wurde gehört, und wem kann ich ihn jetzt sagen".

Aufnahme fand er dann im Haushalt der Hofratswitwe Helene von Breuning, die eine Art Salon unterhielt. Dort lernte Beethoven, sich in besserer Gesellschaft zu bewegen. Helene von Breuning, heißt es, habe den jungen Beethoven neben ihren drei Kindern wie einen Sohn aufgenommen. Marie Schmidt

Johanna Christiana Hölderlin

Wenn der schwäbische Pietismus das Gegenteil des Überquellens und Aus-der-Form-Gehens ist, das Gegenteil von Opulenz und Offenheit wie auch von Liederlichkeit und Laissez-faire, dann wäre die junge Johanna Christiana Hölderlin gut getroffen auf dem einzigen von ihr bekannten Bild: eine entschlossen dreinblickende, formbewusste Frau, fest eingeschnürt in ihr standesgemäßes Kleid - feingliedrig, hartleibig, beherrscht. Man hätte dann allerdings sowohl dem Pietismus als auch der jungen Frau sehr unrecht getan, denn beide kennen auch das zärtliche Überfließen, ob es nun um Gott geht oder um die eigenen Kinder. Wer in Hölderlins Mutter also bloß eine Frühform des schwäbischen Pietcong sieht, eine religiöse Tiger Mum und beinharte Vollstreckerin theologischer Zukunftspläne, der wird nicht schlau aus diesem Mutter-Sohn-Gespann.

Johanna Christiana Heyn wurde 1748 in eine wohlsituierte Pfarrerdynastie hineingeboren, über ihre Mutter ist sie mit Regina Bardili verwandt, der "schwäbischen Geistesmutter", von der Dichter und Denker wie Uhland, Hauff, Hegel und Schelling abstammen. Mit 18 Jahren heiratete die Pfarrerstochter den Klosterhofmeister Heinrich Friedrich Hölderlin und zog zu ihm nach Lauffen; 1770 kam ihr erster Sohn Friedrich zur Welt. Der Ehemann starb schon zwei Jahre später; bald darauf heiratete die junge Mutter den Weinhändler und späteren Bürgermeister Johann Christoph Gok und wechselte neckaraufwärts nach Nürtingen. Auch dieser Mann starb früh, und mit nur dreißig Jahren war "die Gokin" zweifache Witwe. In acht Jahren hatte sie sieben Kinder geboren, von denen drei überlebten.

Fest eingeschnürt in ihr standesgemäßes Kleid: Johanna Christiana Hölderlin, porträtiert im Jahr 1767, noch keine zwanzig Jahre alt.

(Foto: public domain)

Für ihren ältesten Sohn hatte die leidgeprüfte, aber geschäftstüchtig-pragmatische Mutter das Pfarramt vorgesehen; sie wollte ihn versorgt wissen in einer Lebenswelt, die ihr vertraut war. Deshalb besucht Friedrich die Lateinschule in Nürtingen, die Klosterschulen Denkendorf und Maulbronn und dann das Tübinger Stift, wo er auf Hegel und Schelling trifft. Das Theologiestudium schließt er ab, aber Pfarrer will Hölderlin beim besten Willen nicht werden; er weicht aus, indem er verschiedene Erzieherposten annimmt und seine Mutter wieder und wieder vertröstet. Ständig muss dieser Dauerbesorgten irgendetwas schonend beigebracht werden, sie wiederum traktiert den Sohn mit Hinweisen auf mögliche Pfarrämter. Dazu kommt das Geld: Das ansehnliche Erbe wird von der Mutter verwaltet, Hölderlin bittet um einzelne Beträge, fordert seinen Anteil aber auch nie richtig ein. Seine Mutter ist sein Kreditinstitut. Diesen weitverzweigten Zusammenhang von Kredit und Glauben, Rechtfertigung und Renitenz erklärt Karl-Heinz Ott in seinem Buch über "Hölderlins Geister" (SZ vom 15.11.2019); und er führt unübertrefflich aus, warum der Dichter mit der realen Welt nichts zu tun haben will: sie ist ihm zu klein.

Vielleicht weiß man auch deshalb wenig über Hölderlins Kindheit und über die Mutter als konkrete Alphabetisierungsinstanz. "Mich erzog der Wohllaut / Des säuselnden Hains / Und lieben lernt' ich / Unter den Blumen. / Im Arme der Götter wuchs ich groß", dichtet er. Als Brief-Adressatin ist die Mutter dagegen über Jahrzehnte präsent: Hölderlins Briefe lesen sich oft wie ein einziger Tanz aus Entschuldigungen, Beteuerungen und subtilen Absagen. Er will ihre Wünsche erfüllen - und sehnt sich nach einer Dichterexistenz, die sie ihm verweigert. Von der Mutter ist nur ein einziger Brief an den Sohn erhalten, geschrieben 1805, im Jahr, bevor Hölderlin endgültig wahnsinnig wurde, um dann die zweite Lebenshälfte im Tübinger Turmzimmer zu verbringen (wo sie ihn nie besucht hat).

Wie sehr würde es sie freuen, heißt es in diesem Brief, wenn er wieder einmal schreiben wollte, dass "Du die L. Deinige noch liebst, u. an uns denckest". Sie schickt dem 35-jährigen außerdem "ein Wämesle und 4 Paar Strümpf u 1 Paar Handschu als einen Beweis meiner Liebe" - die Wollstrümpfe solle er aber auch wirklich tragen. So viel zur doch auch anrührenden Innigkeit einer älteren Frau, die nie aufhört, sich Sorgen zu machen. Vor allem aber bittet sie ihn herzlich, "die Pflichten gegen unsern l. Gott" nicht zu versäumen. Ihren lieben Gott hat Hölderlin vervielfacht, aus dem christlichen werden griechische Götter, ferne Sehnsuchtshelden und poetische Klangkörper - auch eine Form des Überfließens und des hoch verzinsten Zurückzahlens, vielleicht sogar aus pietistischer Quelle. Jutta Person

Friederike Antschel

Der junge Paul Celan verehrte von allen Dichtern am meisten Rainer Maria Rilke, und er identifizierte sich sicher auch mit dem Ausruf von dessen Figur Malte Laurids Brigge: "O Mutter: o du Einzige". Seine Mutter blieb für Celan immer ein Inbild und ein Gegensatz zu seinem Vater. Sie, die geborene Friederike Schrager, stand für die Literatur, Leo Antschel hingegen für eine autoritäre, orthodoxe jüdische Erziehung. Das war eine Spannung, die den Lyriker Paul Celan Zeit seines Lebens prägte. Sein Vater schlug sich im bukowinischen Czernowitz mehr schlecht als recht als Makler im Brennholzhandel durch, und die dreiköpfige Familie wohnte mit mehreren Verwandten in einer engen, dunklen Dreizimmerwohnung im Erdgeschoss.

Das auffällige Jugendstilhaus, das heute als das Geburtshaus Celans mit Gedenktafel und Skulptur vorgezeigt wird, ist mit ziemlicher Sicherheit nicht das Haus, in dem Celan aufgewachsen ist. Es handelt sich vielmehr um das unscheinbare Haus daneben, mit einem düsteren Hinterhof - das schmucke Nachbarhaus scheint aber fast sinnbildlich das darzustellen, wohin die Mutter ihren einzigen Sohn führen wollte: in die Welt der Kunst und der Schönheit.

Als Celan 13 Jahre alt war, nahm er noch an der jüdischen Konfirmation, der Bar-Mizwa teil, dies war sein letzter Gottesdienst. Gegen den Willen des Vaters beendete er danach auch seine Hebräischstunden. Seine Mutter jedoch, die aus einer nicht sonderlich erfolgreichen Kaufmannsfamilie stammte, verbrachte von früh an jeden freien Augenblick mit Büchern und legte großen Wert auf ein akzentfreies Schriftdeutsch. Sie hatte nach der Volksschule nur einen kurzen Handelskursus besucht, arbeitete als Kinderpflegerin und in einem kaufmännischen Büro und musste zum Lebensunterhalt der Familie beitragen, die sie eh in Beschlag nahm. Bei alldem liebte sie in erster Linie die deutschen Klassiker. Mit ihrem Sohn Paul soll es zu regelrechten Zitier-Wettbewerben gekommen sein.

Paul Celan verachtete in seinen letzten Schuljahren den als kleinbürgerlich empfundenen Zionismus seines Vaters und dessen niedrige Maklertätigkeit, mit der Mutter hingegen eroberte er das Reich der Literatur. In der mütterlichen Familie fanden sich etliche solcher Spuren: Selma Meerbaum, die empfindsame Gedichte schrieb und als Achtzehnjährige in einem Nazilager starb, war Celans Großcousine, und sein Onkel Bruno begann eine Karriere als Rezitator und ging nach Paris.

Celans Mutterbindung war äußerst eng, und es finden sich dafür in seinen Gedichten bis zuletzt direkte Hinweise. Sein Vater taucht dagegen kaum noch auf. Als 15-Jähriger begann Celan, Rilke zu rezitieren und einen Kreis von Mädchen um sich zu scharen - dies war offenkundig etwas, das der Liebe zu seiner Mutter entsprach, auch wenn der Vater dabei noch so "raste", wie es eine Freundin Celans später formulierte. Diese Auftritte schienen für ihn das wahre Lebenselixier zu sein. Sein Onkel Bruno hatte ihn schon als Zwölfjährigen ins Czernowitzer Theater mitgenommen, und eine Ausgabe des "Faust", die er parallel zur Bar-Mizwa von Freunden seiner Eltern geschenkt bekommen hatte, nahm auf seinem Tischchen in der elterlichen Wohnung etwas Symbolisches an und stand für einen geheimen Pakt mit seiner Mutter. Ihr dickes, goldblondes Haar, von dem Verwandte später berichteten, spielte eine nicht unerhebliche Rolle für die Chiffren, die Celan in seiner Lyrik suchte.

Antschel-Teitler, Friederike (Spitzname: "Fritzi") geb. Schrager (* 1895 in Sadagora), Mutter von Paul Celan

(Foto: Israel Chalfen/Eine Biografie seiner Jugend/Suhrkamp)

An der Schwelle zum Erwachsenwerden trat in dieses Leben dann plötzlich die barbarische Wucht der Zeitgeschichte. Celans Eltern wurden von Nazischergen in einem ukrainischen Lager umgebracht, und diese Erfahrung prägte von nun an auch seine Gedichte, die das hohe Ideal der Dichtung mit diesem unvorstellbaren Zivilisationsbruch, dem deutschen Massenmord an den Juden, konfrontierten.

Im Sommer 1944 kam Celan im Rahmen einer Arbeitstätigkeit in die Nähe des südlichen Bug, wo seine Eltern ermordet worden waren, und schrieb das Gedicht "Nähe der Gräber": "Kennt noch das Wasser des südlichen Bug, / Mutter, die Welle, die Wunden dir schlug?" Und es endet mit den Versen: "Und duldest du, Mutter, wie einst, ach, daheim, / den leisen, den deutschen, den schmerzlichen Reim?" Die Literatur war die Sprache von Celans Mutter, und seine Muttersprache war Deutsch. Der "schmerzliche Reim", von dem der 24-Jährige spricht, zieht sich von dieser einschneidenden Erfahrung her, also reimlos, durch sein lyrisches Werk. Celan suchte die Sprache dafür, und er ging dabei über die berühmte "Todesfuge" weiter bis tief hinein in eine "grauere Sprache" und eine immer radikalere Infragestellung aller "Kunst". In einem nicht zu Lebzeiten veröffentlichten Gedicht erklärt er diese Entwicklung so: "Mutter, wessen / Hand hab ich gedrückt, / da ich mit deinen / Worten ging nach / Deutschland?" Helmut Böttiger

© SZ vom 31.12.2019/tmh

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