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Hegel-Ausstellung in Marbach:Idealistentreff

Die Ausstellung "Hegel und seine Freunde" im Literaturmuseum der Moderne läutet das kommende Hegel-Jahr ein. Zur Eröffnung verbreitete die Philosophin Judith Butler Hoffnung auf die Zukunft, trotz allem.

Die amerikanische Philosophin Judith Butler, bekannt besonders als Gender-Theoretikerin, reiht sich bereitwillig in eine Männer-WG ein. Am Sonntag hielt sie am Deutschen Literaturarchiv Marbach den Eröffnungsvortrag zu der Ausstellung "Hegel und seine Freunde". Es war lange nicht mehr so voll auf der Schillerhöhe in Marbach, viele wollten die weltberühmte Denkerin sehen und hören; sie sprach freundlicherweise auf Deutsch. Ihr Vortrag lief auf die Botschaft hinaus, im Rückgriff auf das Werk von Georg Wilhelm Friedrich Hegel, dessen Geburtstag sich im kommenden Jahr zum 250. Mal jährt, könne und müsse man zuversichtlich in die Zukunft schauen, trotz aller begründeten Krisengefühle unserer Gegenwart. Es war ein zum Teil anspruchsvoller, zum Teil ernsthaft rührender Vortrag.

Vorher aber kam Judith Butler mit auf einen Rundgang durch die Ausstellung im dazugehörigen Literaturmuseum der Moderne. Diese Hegel-Schau ist aus zwei Gründen als - systematisch unaufgeräumte - Wohngemeinschaft konzipiert: Erstens hat Hegel einst mit dem gleichaltrigen Friedrich Hölderlin (der ebenfalls als Jubilar nächstes Jahr groß gefeiert wird) und dem fünf Jahre jüngeren Friedrich Wilhelm Joseph Schelling ein Studentenzimmer geteilt, ab dem Wintersemester 1790/91 im Evangelischen Stift in Tübingen. Dies war eine Urszene des deutschen Idealismus: Die drei jungen Herren, die der Theologie entliefen, berauschten sich dort an einem jugendlichen Manifest zur Verbindung von Vernunft und Schönheit.

Übungen in Dialektik: „Theke, Antitheke, Syntheke“ - Robert Gernhardts Zeichnung „Im Hegel-Stübchen“, 1984.

(Foto: DLA Marbach)

Und zweitens arbeitet man in Marbach mit dem Bild der WG, weil das dortige Archiv nur wenige Hegel-Originale besitzt (das Meiste liegt in Berlin), dafür aber viele Zeugnisse von Schülern und späteren Schriftstellern, die sich auf Hegel beziehen und gleichsam in seine Wohnung des Geistes eingezogen sind, zumindest auf Zeit. Darum läuft man nun in der Ausstellung durch ein spielerisch möbliertes Durcheinander mit diversen Mitmach-Elementen, um in eine Art Küchengespräch über die Jahrhunderte einzutreten, soweit man überhaupt in der Küche über einen Philosophen reden kann, der Sätze geschrieben hat wie: "Bei einem Begriffe ist nichts weiter zu denken als der Begriff selbst."

Adorno kam als Napoleon verkleidet zur dialektischen Kostümparty

So stößt man bei der Begehung etwa auf ein vielsagendes handschriftliches Kreuz: Der "Junghegelianer" David Friedrich Strauß, der bald mit seiner kritischen Jesus-Geschichte Furore und Ärger machen sollte, setzte das Zeichen auf die letzte Seite seiner Mitschrift der Berliner Vorlesungen Hegels, als der Meister 1831 starb. Einen Tisch weiter sieht man die Einladung des Theologen und Philosophen Paul Tillich zu einer dialektischen Kostümparty in Frankfurt aus dem Februar 1933, kurz nach der Machtergreifung der Nazis und wenige Monate vor Tillichs Abschied ins amerikanische Exil. Die Gäste dieser Party sollten sich unter dem Motto "Durch Spruch und Widerspruch zur Einheit" als Gegenteil dessen verkleiden, als was sie sich selbst sahen. Als die Kuratorin Heike Gfrereis erzählt: "Adorno kam als Napoleon", da muss Judith Butler laut lachen.

Und dann steht Butler, die seit längerem an der Universität von Kalifornien in Berkeley lehrt, vor einem Exponat ihrer selbst. Es ist eine Seminararbeit in englischer Sprache über das Wort "ist" in Hegels Logik aus dem Jahr 1981, die Butler damals als 25-jährige Gaststudentin in Heidelberg geschrieben hat, bei dem nicht minder bedeutenden Philosophen Hans-Georg Gadamer. Dessen handschriftliche Bemerkungen sind gut zu erkennen: good, schreibt Gadamer einmal lobend an den Rand. Wie es sich anfühlt, derart als Teil der Geistesgeschichte musealisiert zu werden, darüber schweigt Judith Butler lieber.

Die Philosophin Judith Butler bei ihrem Eröffnungsvortrag zur Ausstellung "Hegel und seine Freunde" am Sonntag am Deutschen Literaturarchiv Marbach.

(Foto: Jens Tremmel, DLA Marbach)

Dafür sagt sie dann in ihrem Vortrag, der gute Hegel wäre womöglich mit manchem, was sie heute vertrete, nicht einverstanden, etwa zur Überwindung nationaler und biologischer Grenzen. Aber er bleibe "der Ausgangspunkt meines Denkens". Mit Hegel, so Butler, könne man weiterhin, jetzt erst recht, geschichtsphilosophische Überlegungen gegen den Fatalismus anstellen. Sie wolle die "Desorientierung", ja den "Schock" über eine politische Regression der Gegenwart, über eine Krise der Demokratie nicht kleinreden. Sie empfinde auch so. Aber man könne doch von Hegel her Hoffnung schöpfen, nicht unbedingt mehr direkt anhand seiner historisch-politischen Überlegungen zum "Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit", sondern mit seiner Entfaltung der Selbsterkenntnis in der "Phänomenologie des Geistes".

Am Ende von Butlers Vortrag stand die "Verheißung, durch das Fremde verändert zu werden"

Daraus nämlich, sagt Judith Butler, könne man (um ihr Argument - wie immer, wenn es um Hegel geht, ungebührlich - abzukürzen), die Erkenntnis gewinnen: "Das da drüben ist auch mein Leben." Gegen die kantianische Weiterentwicklung der Hegelschen Vorstellung von Anerkennung, wie sie der Philosoph Axel Honneth vertritt - also reziproke normative Achtung des Anderen -, wendet Butler ein, dies sei schon viel zu erwachsen gedacht: "Man kann nicht von Anfang an auf eigenen Beinen stehen." Mit Hegel erkenne man eher, "dass wir schon vor der Anerkennung zueinander gehören." Schon aus dieser Einsicht in die wechselseitige Abhängigkeit der Menschen, die auch die Möglichkeit der Aggression nicht ausschließt, folge dann der ständige Auftrag zur Organisation von Gleichheit, Sozialstaat, Umweltschutz und ähnlichen Verbesserungen. Darin liegt also gewissermaßen eine anthropologische Grundierung vor allen Identitätskämpfen, mit denen man den Namen Judith Butler schlagwortartig verbindet. Am Ende ihres Vortrags stand dann die "Verheißung, durch das Fremde verändert zu werden".

Kehrt man nach so großen Worten wieder zurück in die Hegel-WG (die übrigens ohne Karl Marx auskommen muss), kann einem die Marbacher Ausstellung etwas läppisch vorkommen. Aber das herausfordernde Abenteuer der Hegel-Lektüre kann uns eine Ausstellung ohnehin nicht abnehmen, dafür bietet das kommende Jubiläumsjahr hoffentlich (wieder) Gelegenheit; bald erscheint auch eine neue, 800-seitige Biografie.

Bis dahin wird man durch vieles neugierig gemacht und erfährt auch Entlastung durch typischen WG-Humor, wie ihn die philosophische Lektüre immer wieder angeregt hat: Robert Gernhardt suchte die Dialektik im "Hegel-Stübchen" (unser Bild). Und der Philosoph Odo Marquard dichtete in den Fünfzigern in Münster diese Arie, die ein Kollege singen musste: "Und wir streichen nicht die Segel, / selbst in noch so dürft'ger Zeit, denn wir haben ja den Hegel, / und der Hegel weiß Bescheid. / Herkunft kann zusammenstehen / Mit der Zukunft ohne Krach. / Hegel hat das scharf gesehen, / und wir sehen es ihm nach: (...) / Und die Zeit ist in den Fugen, / und die Welt ist wunderschön. / Und wir alle sind ja Bürger, / die am Freitag hegeln gehen."

Hegel und seine Freunde. Eine WG-Ausstellung. Literaturmuseum der Moderne, Marbach. Bis 16. Februar 2020. Info: www.dla-marbach.de.