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250. Geburtstag von Hegel:Der Zeitgenosse

Hegel 250

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, geboren am 27. August 1770 in Stuttgart, gestorben am 14. November 1831 in Berlin.

(Foto: imago/Stefan Dimitrov)

Was an Hegels Denken ist schockierend, was heute noch gegenwärtig? Ein Essay zum Geburtstag des Philosophen der Moderne.

Von Jens Bisky

Wenn der Sturm auf die Bastille sich jährte, erhob Georg Wilhelm Friedrich Hegel das Glas, gern mit Champagner gefüllt, auf den 14. Juli 1789 und feierte die Französische Revolution. Er begriff sie als das zentrale Ereignis seiner Zeit, erhob sie zum Prinzip seiner Philosophie. Der Student feierte die Revolution mit Kommilitonen, darunter Hölderlin und Schelling, in Tübingen; er feierte sie auch, als die Jakobinerdiktatur die Schreckensherrschaft der Freiheit entfaltete, als Robespierre enthauptet wurde, die Stunde des Geschäftemachens wie des weißen Terrors schlug.

Hegel ehrte die Revolution auf allen Stationen seiner Laufbahn, als Haus- und Universitätslehrer, Gymnasialdirektor, Zeitungsredakteur, Philosophieprofessor in Heidelberg und Berlin. Die Ereignisse in Frankreich, die Erschütterung des gesamten Kontinents waren für sein Denken so wichtig wie die Lektüre von Immanuel Kant oder die Auseinandersetzung mit Fichte und Schelling. Er erhob das Glas auf den 14. Juli erst recht nach den Befreiungskriegen, "unserer geschehen-sein-sollenden Befreiung", in den Jahren der Restauration, an der jungen Berliner Universität, wo er seit 1818 Studenten für eine Laufbahn in der Reformverwaltung Preußens ausbildete. Das war eine provokante Geste, fehlte ihr doch das Deutschtümelnde, an das viele Gebildete damals ihren Veränderungsenthusiasmus verrieten.

Der Geist hat "einen Ruck getan": Man darf nicht am Vergangenen kleben!

Wie ein Traumbild, sagte er im Herbst 1806, falle die "ganze Masse der bisherigen Vorstellungen und Begriffe" in sich zusammen. Die "Bande der Welt" seien aufgelöst. Die Philosophie habe beides und ihren Zusammenhang anzuerkennen, sie dürfe nicht am Vergangenen kleben. Aus der Einsicht, dass "der Geist einen Ruck getan" hat, beschrieb Hegel wesentliche Elemente der modernen Welt und brachte sie auf den Begriff: die Dreieinigkeit von Demokratie, Rechtsstaat und warenproduzierender Gesellschaft. Dabei sah er auch jene Desintegrationstendenzen, an denen moderne Gesellschaften bis heute laborieren.

Für Jürgen Habermas beginnt mit Hegel der philosophische Diskurs der Moderne. Wer über diese, über die Verschwisterung von Freiheit und Vernunft nachdenkt, kommt an Hegel ebenso wenig vorbei wie an der Einsicht, dass wir, nicht aus individueller Schwäche, sondern aus philosophischen und historischen Gründen, kaum mehr so denken können wie er.

Einige Motive der Philosophie Hegels, der am 27. August 1770 in Stuttgart geboren wurde, stellen wir in diesem Feuilleton vor. Genaueres über sein Denken und die Begleitumstände findet man in den neu erschienenen Büchern, die hier nachfolgend besprochen werden: Sie räumen mit den Klischees auf, die den Zugang zu Hegel verstellen und immer wieder aufgewärmt werden, weil er mit seinem begrifflich gezügelten Enthusiasmus für die Vernunft, mit seinem historischen Denken und seinem Zugriff aufs Ganze heute der anstößigste Denker des 19. Jahrhunderts geworden ist. Er setzt Leserinnen und Leser den Schocks der vermeintlichen Vertrautheit und der Fremdheit zugleich aus, er ist nicht erbaulich und taugt nicht dazu, das eigene Ich, die Singularität der individuellen Existenz, aufzuhübschen. Er macht sie zum Problem, hilft ihre Unausweichlichkeit und Instabilität verstehen. Wer ihn liest, nimmt die Wahrheit nicht als Münze mit nach Hause.

Dem philosophischen Denken entgegen stehen "das Versenktsein des Geistes in die Interessen der Not und des Tages; andererseits aber die Eitelkeit der Meinungen". Und so ist es auch mit Hegel und der Revolution, seinem Thema, Antrieb und Prinzip, nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick aussieht. Habermas hat vor Jahrzehnten gegen Joachim Ritter, der Hegels Philosophie als "Philosophie der Revolution" charakterisierte, treffend argumentiert, Hegel habe die Französische Revolution und deren Kinder nicht weggescholten, sondern weggefeiert, weil er sie fürchtete. "Erst als er im klopfenden Herzen des Weltgeists selbst die Revolution festgemacht hatte, fühlte er sich vor ihr sicher."

"Der große Staatsrechtsrechtslehrer sitzt in Paris." Gemeint war Napoleon

Vielleicht hat gerade diese Furcht vor der entfesselten, der abstrakten Freiheit, unter der dem Tod, wie es in der "Phänomenologie des Geistes" heißt, nicht mehr Bedeutung zukommt als dem "Durchhauen eines Kohlhaupts", den Blick für das grundstürzend Neue der Moderne geschärft und Hegel davor bewahrt, wie Georg Forster, Hölderlin oder Fichte an den deutschen Zuständen zugrundezugehen.

Hegel klammerte sich nicht an eine der Stufen der Französischen Revolution, erst recht nicht an die damit verbundenen Illusionen. Während Johann Gottlieb Fichte das Ideal eines "geschlossenen Handelsstaats" der Wirklichkeit abstrakt gegenüberstellte, zog Hegel aus dem "fürchterlichen Ringen eines Volkes nach Freiheit" den Schluss, dass "die Begriffe über Freiheit eine Veränderung erlitten und sich aus ihrer vorherigen Leerheit und Unbestimmtheit geläutert haben". Der Begriff bildete sich am und im Geschehen fort.

Im August 1807 schrieb er einem Freund: "Die deutschen Staatsrechtslehrer unterlassen nicht eine Menge Schriften über den Begriff der Souveränität und den Sinn der Bundesakte zu schreiben. Der große Staatsrechtsrechtslehrer sitzt in Paris." Gemeint war Napoleon, der deutsche Fürsten im Rheinbund zusammengefasst hatte, ihre Länder ausplünderte, ihnen die fortschrittliche Gesetzgebung des Code Napoléon aufzwang.

Nach den Revolutionskriegen beriefen sich die Siegermächte in der "Heiligen Allianz" auf "erhabene Wahrheiten", welche die "unvergängliche Religion des göttlichen Erlösers" lehre. Hegel aber erklärte seinen Berliner Studenten die bleibende Bedeutung der Französischen Revolution: "Solange die Sonne am Firmamente steht und die Planeten um sie herumkreisen, war das nicht gesehen worden, daß der Mensch sich auf den Kopf, das ist, auf den Gedanken stellt und die Wirklichkeit nach diesem erbaut. (...) Es war dieses somit ein herrlicher Sonnenaufgang. Alle denkenden Wesen haben diese Epoche mitgefeiert. Eine erhabene Rührung hat in jener Zeit geherrscht, ein Enthusiasmus des Geistes hat die Welt durchschauert, als sei es zur wirklichen Versöhnung des Göttlichen mit der Welt nun erst gekommen."

Der Gedanke, der sich auf die Wirklichkeit einlässt, sie zu begreifen beginnt, verändert diese und dabei sich. Das Stehende und Starre der Kategorien verdampft, sie gewinnen neuen Inhalt, werden reicher, konkreter. Doch während er einerseits seine Gegenwart mit einem "herrlichen Sonnenaufgang" beginnen ließ, hat Hegel andererseits das Leben eines vernünftig freien Individuums als Desillusionierungsroman erzählt. Es steht einer festen Ordnung der bürgerlichen Gesellschaft und des Staates gegenüber, erlebt, wie sich nicht seine Ideale realisieren, kämpft mit dem Weltlauf. Diese Kämpfe machen seine Lehrjahre aus, an deren Ende sich "das Subjekt die Hörner abgelaufen" hat. Es bildet sich mit seinen Wünschen und Meinungen "in die bestehenden Verhältnisse und die Vernünftigkeit derselben hinein", findet seinen Standpunkt und begrüßt als Philister in seinem Dasein "den ganzen Katzenjammer der übrigen".

Im bürgerlichen "System der Bedürfnisse" erkannte er die selbstzerstörerische Dynamik

Hegel polemisiert hier wie an vielen anderen Stellen gegen das bloße Meinen, Wünschen, Dafürhalten, gegen eine aufgespreizte Subjektivität, die zur Wirklichkeit nur zu sagen weiß, dass sie sich nicht nach dem Ich richtet, und die sich darüber empört. Diese Polemik geht einher mit einer seiner großen Einsichten: dass in Institutionen, Praktiken, Gewohnheiten, dass in Gesellschaft, Geschichte und Kultur Vernunft steckt. Wer das ignoriert, blamiert sich vor der Wirklichkeit.

Alles muss sich vor der Vernunft rechtfertigen, aber dazu gehört Einsicht, freier Vernunftgebrauch. Obwohl Hegel auf der kritischen Kraft des Gedankens und der Verneinung beharrte, hat er - zumal in seiner Berliner Zeit - auf heute irritierende Weise dem Allgemeinen, dem Bestehenden den Vorrang zugesprochen, dem die Einzelnen sich aus Einsicht zu fügen hätten. Gewiss, er lässt sich so deuten, dass die Irritation verschwindet; besser wäre es wohl, sie festzuhalten und nach ihrem historischen Index zu fragen.

Dazu gehört, dass die Revolution eine stabile politische und soziale Ordnung nicht hervorbrachte. Die Unruhe endete nicht, das "Wanken der Dinge" hörte nicht auf. In seiner Analyse der bürgerlichen Gesellschaft erkannte er die selbstzerstörerische Dynamik des "Systems der Bedürfnisse", die Gefahr, die gesellschaftlichem Zusammenhalt durch Atomisierung der aus den tradierten Bindungen freigesetzten Individuen drohte.

Er hoffte, dass die preußische Beamtenschaft den Zusammenhalt des Ganzen herstellen und gesellschaftliche Lernprozesse organisieren würde, aber schon seine Schüler, Heine, Marx, Arnold Ruge und andere mehr, erlebten, wie der Geist aus diesem Staatsgebilde entwich. Das Problem blieb: Was hält in einer Gesellschaft der autodestruktiven Vereinzelungsdynamik das Ganze zusammen? Wie lernt sie? Hegel sperrte, mit Habermas gesprochen, die Vernunft nicht in den Schädel eines Einzelsubjekts ein, das sich als immer schon vermittelt erkennen muss. Er ließ es den Einzelnen nicht durchgehen, wenn sie sich blind zeigten gegenüber der Gesellschaft, die sie macht und die sie machen. Wer auf Autonomie der Subjekte und vernünftige Freiheit nicht verzichten und wissen will, was daraus folgt, kommt an Hegel nicht vorbei.

© SZ vom 27.08.2020/khil

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