Heavy-Metal-Band:Gegen gute Geschäfte hat im Metal niemand etwas

Der Metallica-Schlagzeuger Lars Ulrich war stets derjenige, der derartigen akribischen Vorgaben am wenigsten entsprach. Er gilt als wenig Timing-fest und insgesamt nicht hart genug. Ulrich sammelt Kunst und entstammt einer europäischen Bildungsbürgerhippietennisfamilie. Nicht unbedingt ein Umstand, der geeignet ist, die Skepsis ihm gegenüber zu zerstreuen. Zu seinen Gunsten wird sein ausgeprägter Geschäftssinn angeführt, dem Metallica überhaupt erst ihre aberwitzige Karriere verdanken. Gegen gute Geschäfte hat im Metal niemand etwas. Trotzdem würden viele Fans Lars Ulrich gerne gegen eine Maschine austauschen.

Über jeden Zweifel erhaben ist in der Kernzielgruppe hingegen Sänger und Weglacher Hetfield. Er stammt aus einer zerrütteten Familie, die er früh verließ, er musste sich durchkämpfen, trank bis vor einigen Jahren täglich literweise Schnaps, und natürlich beherrscht er den einmaligen Hetfield-Growl. Diesen ganz speziellen, gutturalen Laut, mit dem er besonders markante Songzeilen abzuschließen pflegt. Vor allem aber lackiert er sich im Gegensatz zu dem zweiten Gitarristen Kirk Hammett nicht die Fingernägel und ist zudem eine Art wandelndes Uhrwerk. Metallica sind vielleicht die einzige Band, die ausschließlich der Rhythmusgitarre folgt. Auch bei "Halligalli" sind alle Augen stets auf Hetfield gerichtet, er gibt den Takt vor.

Und natürlich kennt James Hetfield die Vorbehalte gegen Ulrich und weiß sie zu kontern: "Wir denken darüber nach, ob wir Lars durch einen besseren Drummer ersetzen sollten", sagt er. Jetzt kommt zum Lachen noch ein Augenzwinkern hinzu. Noch mehr als die Musik dieser Band wirkt Hetfield wie ein aus der Zeit gefallenes Beispiel ungebrochener, weißer Virilität. Allerdings hat unter anderem die Wahl von Donald Trump gezeigt, dass dieses Modell eventuell doch nicht so überholt ist, wie es in der linken Kulturblase bisweilen den Eindruck macht.

Die Texte des Albums befriedigen das genretypische Bedürfnis nach Apokalypse

Überhaupt ist nichts so einfach, wie es scheint: Aufgrund seiner Jagdleidenschaft wird Hetfield gerne als Redneck bezeichnet, tatsächlich ist er eher eine Art unpolitischer Nihilist. Lars Ulrich hatte vor der Trump-Wahl bekannt gegeben, er gedenke im Falle eines Wahlsiegs zurück in seine dänische Heimat zu gehen. Kopenhagen sei eine schöne Stadt, sagt nun Hetfield, höchstens der Arbeitsweg sei dann wohl ein bisschen zu weit.

Aus den in "Some Kind Of Monster" demonstrierten Gegensätzen der beiden Männer bezieht die Band ihre Kraft. Ulrich ist der Netzwerker, der Hansdampf in allen Gassen, der für jeden immer das richtige Wort hat und auch jetzt zur Begrüßung sämtliche Hände schüttelt. Hetfield hingegen nimmt die medialen Begleiterscheinungen des Ruhms eher hin, als sie zu begrüßen. Er hat gelernt, professionell mit Situationen wie der heutigen umzugehen, aber man spürt einen Rest Unbehagen. "Ich habe immer das Gefühlt, mich schützen zu müssen", sagt er. Er wisse nie, wem er vertrauen könne.

James Hetfield ist ein optimistischer Pessimist. Zwar geht er aus Prinzip vom denkbar Schlechtesten aus. Auf lange Sicht jedoch hat er ein Grundvertrauen in die Menschheit, die ja allen Katastrophen zum Trotz noch immer auf diesem Planeten verweile. Die Texte auf "Hardwired ..." befriedigen einerseits das genretypische Bedürfnis nach Apokalypse und männerbündlerischen Treuebekenntnissen. Sie entstammen aber auch der Gedankenwelt eines Mannes, der durch einen Reifeprozess gegangen ist. Hetfield wirkt nach zahlreichen Therapien selbstreflektiert. Als Antwort auf die Fragen der Zeit empfiehlt er eine ausgewogene Balance und spricht sich deutlich gegen Extreme aus.

Es gibt jetzt wieder ein paar Songs für die Konzerte

Auch musikalisch sind Metallica um Balance bemüht. Sie führen die losen Fäden der frühen Thrash-Metal-Tage mit jenen der Mainstream-Alben zusammen, versöhnen also ihr komplettes Werk miteinander. Tatsächlich ist "Hardwired ..." das beste Metallica-Album seit über 20 Jahren. Produktionstechnisch hat die Band die misslungenen Experimente der Vergangenheit hinter sich gelassen und mit "Atlas, Rise!" oder "Moth To Flame" einige der stärksten Songs seit einer gefühlten Ewigkeit geschrieben. Allerdings ist das meiste zu lang. Eine ordnende Hand, der Verzicht auf die dritte Wendung, den vierten Break, das 25. Riff hätten mehr Klarheit gebracht.

Ob die Mühe belohnt wird, ist ohnehin fraglich. "Hardwired ... To Self-Destruct" eröffnet Metallica keine neuen Wege. Es ist aber ein überaus gelungener Verwaltungsakt. Und es gibt jetzt wieder ein paar Songs für die Konzerte. Danach wird man wieder "Master Of Puppets" auflegen.

© SZ vom 18.11.2016/jobr
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