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Haustier-Ersatz "Pet Rock":Ein Stein zum Knuddeln

Sich um andere kümmern? Gerne, aber bitte nur, wenn man gerade Lust dazu hat: 1975 wurde ein Unternehmer reich, indem er den Amerikanern Steine als Haustiere verkaufte. Im Internet lebt der "Pet Rock" weiter.

Als in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre das Tamagotchi den deutschen Markt eroberte, verdrehten manche Eltern die Augen, wenn ihre Kinder die virtuellen Küken fütterten, streichelten oder verhungern ließen. Auch Psychologen sahen die Hysterie um das Pixelwesen mit Sorge. Der Mensch mag nicht alleine sein. Allerdings scheint er gleichzeitig seine Mitmenschen nur in geringer Dosis ertragen zu können.

Der Pet Rock kostete 3,95 US-Dollar und wurde in einer mit Holzwolle ausgelegten Box angeliefert. (x-entertainment.com)

(Foto: Screenshot: sueddeutsche.de)

Der Kompromiss: Ein steuerbares Spielzeug mit einem Hauch von eigenem Willen. Einige Forscher witterten in der Verbreitung des Tamagotchi schon eine "zivilisatorische Krankheit".

Eine ähnliche Epidemie war in den siebziger Jahren in den USA ausgebrochen. Und diese Erfolgsgeschichte ist gar noch wunderlicher als der Siegeszug des Tamagotchi.

An einem bierseligen Abend hatte der kalifornische Unternehmer Gary Dahl folgende Idee: Weil er die Meinung vertrat, dass Haustiere zwar ganz niedlich seien, aber vornehmlich nervten, wollte er ein "Tier" schaffen, das den Anschein eines echten Gefährten hat - jedoch ohne etwas von seinem Halter zu verlangen.

Das Endprodukt nannte sich Pet Rock - und wie der Name vermuten lässt, handelt es sich um Exemplare der Gattung Fels. Dieser hat zwar auch positive Konnotationen ("ein Fels in der Brandung sein"). Aber im Hinblick auf Beziehungen ist es eher kein Kompliment, wenn jemand sagt, man sei ein Stolperstein oder man habe ein Herz aus Stein. Auch entspricht so ein graues Ungetüm nicht unbedingt dem Kindchenschema, wie ein Welpe oder ein kleines Chinchilla.

Umso erstaunlicher, dass sich die anspruchslosen Mineralien auf Anhieb größter Beliebtheit erfreuten. Innerhalb von nur sechs Monaten verkaufte Gary Dahl fünf Millionen Exemplare und verdiente damit rund 15 Millionen Dollar.

Damit in Haltung, Fütterung und Pflege auch nichts daneben gehen konnte, wurde ein Handbuch mitgeliefert, das die Eigenschaften und Bedürfnisse des neuen Partners erläuterte: Wie man mit einen Pet Rock als Waffe benutzt, welche unterschiedlichen Rassen es gibt, wie man einen kranken von einem gesunden Pet Rock unterscheidet (im Handbuch sind hier zwei identische Steine nebeneinander abgebildet). Auch konnte man seinem Felstier bestimmte Befehle geben, wobei "sitz" und "bleib" einfach beizubringen waren. Dagegen gehörten "rollen" und "komm" schon zur hohen Kunst der Steindressur.

Böse Zungen behaupteten, das leblose Ding sei eine Art Simulacrum, also ein Gegenstand, der die Wirklichkeit nachahmt. Der Eindruck entstand vor allem, weil das Drumherum, zum Beispiel die Lieferung in einer Art Käfig, der Anschaffung eines richtigen Haustiers ähnelte.

Übertrieben war es allerdings in der Pet-Rock-Hysterie den Untergang des Abendlandes zu sehen. Denn es waren nicht etwa minderbemittelte Amerikaner auf einen Trick hereingefallen. Man wusste, worauf man sich einließ. Und für 3,95 Dollar und keine weiteren Haltungskosten war das Risiko auch nicht besonders hoch.

Gary Dahl wurde durch diese Idee in kürzester Zeit - sorry! - steinreich. Allerdings währt nichts ewig und so brach das Geschäft bereits sechs Monate später ein - auch durch die Einführung zahlreicher nachgeahmter Konkurrenzprodukte.

Dieses schnelle Auf und ebenso schnelle Ab des Pet Rock brachte ihm immerhin zwei Sprichworte für die Ewigkeit ein. Denn wenn etwas den Weg des Pet Rock gegangen ist ("gone the way of a pet rock") ist es in der Versenkung verschwunden und wenn etwas tot wie ein Pet Rock ist, dann ist eben tot wie ein Pet Rock.

Wer es allerdings schade findet, dass diese grandiose Idee so schnell wieder den Weg alles Irdenen ging, der kann sich einen virtuellen Pet Rock auf seinen Computer herunterladen (virtualpetrock.nl). Im Vergleich zum Original ist dieser Stein emotional regelrecht kompliziert: So wird er zum Beispiel eifersüchtig, wenn in dem Haushalt, in dem er "lebt", plötzlich Kinder auftauchen.

Ein Stein, der beleidigt sein kann? Das ist ja fast schon ein richtiges Tamagotchi.

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