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Umbaupläne für das Haus der Kunst:Kunst ist stärker als NS-Geschichte

Haus der Kunst in München, 2015

Die Kontroverse über das Haus der Kunst zeigt: Geschichte formt Gesellschaften, sie lässt sich erzählen, aber nicht übertragen.

(Foto: lukasbarth.com)

Mit dem Haus der Kunst soll nicht zum ersten Mal ein Nazi-Ort mit den Mitteln der Architektur quasi neutralisiert werden. Aber der Bau in München steht vor einer ganz besonderen Aufgabe.

Kommentar von Sonja Zekri

Man muss ihnen dankbar sein, schon jetzt: dem Architekten David Chipperfield, der das Münchner Haus der Kunst renovieren und umbauen soll, und dem Hausherrn Okwui Enwezor, der in dem einstigen Nazi-Bau als Direktor amtiert. Ersterer hat jüngst im Landtag seinen Entwurf erläutert, der Letztere hat am Samstag in der SZ dargelegt, was er sich von einem umgebauten Haus erhofft. Chipperfield will einen Parkplatz verlegen, das Innere sanieren, hinter dem Bau und womöglich auch davor Bäume fällen, kurz: die Architektur sichtbarer machen.

Dieser Plan wirft Fragen auf, die nur scheinbar auf München beschränkt sind. In Wahrheit betreffen sie mindestens Deutschland, wenn nicht alle Länder, in denen noch Unrechtsarchitektur steht, und das sind eine ganze Menge. Wer wäre da nicht dankbar?

Es wird nicht mehr lange dauern, dann dürften die steinernen Zeugnisse der Nazi-Zeit in ihrer dahinbröselnden Monumentalität eine neue, weit größere Bedeutung bekommen. Die letzten Zeitzeugen sterben. Sie allein konnten mit ihren Erzählungen die Verbindung zwischen der moralisch neutralen Dingwelt der Diktatur und der menschlichen Qual, die sich darin abspielte, herstellen. Die nächste Generation Jugendlicher wird sie nicht mehr erleben. Sie wird angewiesen sein auf Dokumente, Objekte, Orte, sie wird die emotionale Dimension mithilfe von Tagebüchern oder Filmaufnahmen rekonstruieren müssen.

Sie hat es schwerer. Wie kann es ihnen das Haus der Kunst leichter machen? Ein Bau, der Hitler ganz besonders am Herzen lag, der nicht als Ort des Opfergedenkens Empathie auslösen kann - wie Dachau oder andere KZ-Gedenkstätten- , sondern der, wie so viele Gebäude in diesem Bezirk Münchens, ein Täter-Ort ist, zumal einer, der ausgerechnet die Kunst in den Dienst eines Menschheitsverbrechens stellte? Das Umbau-Projekt nun betrachtet das Haus der Kunst - die Linden, die Treppen, die "Ehrenhalle" - als eine Art Hülle, während die Kunst ihren Missbrauch durch die Nazis umkehrt und nun emanzipatorisch wirkt: Kunst ist stärker als NS-Geschichte.

Nicht zum ersten Mal soll ein Nazi-Ort neutralisiert werden

Es ist, das muss man einräumen, nicht das erste Mal, dass ein belasteter Ort durch ideologische Umwidmung neutralisiert werden soll. In Nürnberg erfüllen die Autorennen und Konzerte auf dem Reichsparteitagsgelände eine ähnliche Funktion. Es sei ihm ein Bedürfnis gewesen, das Gelände zu "entweihen", sagte Bob Dylan 1978 dort. Nur: Wer beurteilt, ob die Entweihung gelungen ist? Experten? Anwohner? Touristen? Solche Fragen haben sich nie eindeutig beantworten lassen, und ihre Komplexität, das zeigt das Haus der Kunst, steigt mit jedem Jahr.

Chipperfield und Enwezor - Brite der eine, gebürtiger Nigerianer der andere - werfen in gewisser Hinsicht einen Blick von außen auf das Haus und seine Geschichte, und das ist sehr aufschlussreich. Ohnehin empfinden Außenstehende oft deutlicher, dass manche Gedenkrituale nicht mehr die nötige historische Vermittlung leisten. In einer Zeit, in der die hechelnde Rechte die Kultur der Erinnerung gern ganz entsorgen will, sollte man solche Hinweise ernst nehmen.

Denn nicht nur nachfolgende Generationen leben mit der wachsenden Distanz zur NS-Zeit. Viele Migranten und Flüchtlinge haben bestenfalls lückenhafte, schlimmstenfalls bizarr verzerrte Vorstellungen von jenen Jahren. Zugleich bringen Syrer, Iraker, Afghanen eigene Erinnerungen mit, Erfahrungen von kollektivem Leid oder gemeinsamer Schuld, Erzählungen von Massakern und Verrat. Auch sie sind Außenstehende, auch sie müssen sich mit einer Geschichte auseinandersetzen, die nicht die ihre ist, deren emotionale Dimension sie bestenfalls rekonstruieren können.

So rührt die Abwehr von Chipperfields Entwurf auch daher, dass sich Erinnerung eben doch nur historisch faktisch vermitteln lässt - aber nicht mit ihren Widersprüchen aus Schuld und Scham, zeigen und verbergen. Eine Ausnahme ist Deutschland dabei im Ausmaß des Verbrechens, doch nicht nur hier werden unterschiedliche Menschen der Untaten unterschiedlich gedenken. Ein weißer Europäer wird den Besuch von Nelson Mandelas Zelle auf Robben Island immer anders empfinden als ein schwarzer Afrikaner.

Jeder Plan für das Haus der Kunst, der auch nur im mindesten nahelegt, dass es Hitlers Absichten mit dem Bau vollendet, ist für ein Land, eine Stadt mit dieser Geschichte unannehmbar. Das gilt auch für Chipperfield. Geschichte formt die Menschen, sie formt Gesellschaften, sie lässt sich erzählen und begreifen, aber nicht übertragen. Sie ist, und an dieser Stelle dürfen die Rechten ruhig aufheulen, der Kern der Identität.

© SZ vom 31.01.2017
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