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Hauptwerk:"Gott hat alles, auch das Schlechteste gemacht"

Die Rechtsphilosophie ist Hegels zentrale politische Schrift. Darin erfasst er seine gesamte Epoche - und attackiert zugleich Fanatismus und Populismus.

Von Iwan-Michelangelo D'Aprile

Vor 200 Jahren erschienen zur Leipziger Herbstmesse 1820 Hegels "Grundlinien der Philosophie des Rechts oder Naturrecht und Staatswissenschaft im Grundrisse". Gedacht als begleitendes akademisches Studienbuch für seine Vorlesungen, stand das Buch nicht einmal im Messekatalog. Der gerade 50 Jahre alt gewordene und erst kurz zuvor als Philosophieprofessor an die Berliner Universität berufene Autor war nicht rechtzeitig fertig geworden.

Neben den üblichen Schreibschwierigkeiten war die Verzögerung in aktuellen politischen Entwicklungen begründet. Mitten in den Abschluss des Manuskripts fiel im April 1819 das Attentat des nationalistischen Burschenschaftlers Karl Sand auf den Erfolgsdichter August von Kotzebue (der nur als leicht erreichbarer Repräsentant von "denen da oben" zur Zielscheibe wurde), das der österreichische Staatskanzler Metternich unmittelbar darauf zur Verabschiedung der Karlsbader Dekrete nutzte. Mit ihnen wurden nicht nur umfassende Polizei- und Zensurmaßnahmen beschlossen, sondern auch das noch in der Wiener Schlussakte von 1815 verabschiedete Konstitutionalisierungsgebot für die Staaten des Deutschen Bundes infrage gestellt. Auch in Preußen gerieten damit die reformorientierten Kräfte aus dem Umfeld des Staatskanzlers Hardenberg weiter unter Druck. Das Verfassungsversprechen, das der preußische König seit 1810 mehrfach öffentlich verkündet hatte, lag immer noch auf Eis, der Staatskanzler wurde zunehmend entmachtet.

Das alles betraf unmittelbar den Kern von Hegels Buch, das sein Hauptwerk zur praktischen und politischen Philosophie werden sollte. Dessen Grundgedanke war: Recht, Politik und Moralität lassen sich immer nur relational zum jeweiligen zivilisatorischen Entwicklungsstand verstehen, zum ständigen ökonomisch-sozialen Wandel. Individuelles Handeln wie Staatsverfassungen begriff Hegel als "Verkörperungen" des "objektiven Geistes", zu dem Reproduktionsverhältnisse ("Familie") ebenso wie die "bürgerliche Gesellschaft" als "System der Bedürfnisse" innerhalb eines zunehmend globalen Verflechtungszusammenhangs ("Weltgeist", "Weltgeschichte") zählten. Dementsprechend bestimmt Hegel die Philosophie als eine Theorie ihrer jeweiligen Gegenwart. "Das Erfassen des Gegenwärtigen und Wirklichen", sei ihre Aufgabe, und nicht das "Aufstellen eines Jenseitigen, das Gott weiß wo sein sollte".

Der ehemalige Zeitungsredakteur nahm es mit dem Aktualitätsanspruch sehr ernst

So wie die Philosophie nichts anderes sei als "ihre Zeit in Gedanken erfaßt", so wird auch politisches Handeln bei Hegel konsequent verzeitlicht. Die seit der Französischen Revolution historische Möglichkeit, politische Institutionen nach den Maßgaben von Vernunft und Freiheit zu gestalten, oder wie er es auch ausdrückte, den "Übergange Deutschlands von früherer Unförmlichkeit und Barbarei zum vernünftigen Zustande eines Staatslebens", sah Hegel angesichts der aktuellen Tendenzen in Gefahr.

Der ehemalige Zeitungsredakteur Hegel nahm es mit der Gegenwartsdiagnose und dem Aktualitätsanspruch sehr ernst. Sein Manuskript, dessen Systematik bereits auf seinen früheren Heidelberger Vorlesungen beruhte, würzte er in der Vorrede und in Zusätzen und Anmerkungen mit Bezugnahmen auf aktuelle politische Debatten und Ereignisse, in denen er die Hauptwidersacher rationaler Staatsreformen namhaft machte. Auch das Benennen gehörte für ihn zur philosophischen Arbeit am Begriff.

Hegel mit Studenten, Lithografie von Franz Theodor Kugler von 1828.

(Foto: Mauritius Images/Stefan Dimitrov)

Auf der einen Seite waren dies Staatswissenschaftler und Juristen, die sich in den Dienst der Reaktion stellten. Karl Ludwig von Hallers "Restauration der Staats-Wissenschaft", in der dieser die Rückkehr zur vorrevolutionären Feudalordnung propagierte, wird als "aus einem Stücke gedankenlos" abgebügelt. Hallers blinder "Hass" auf vernünftige Gesetze offenbare dessen ganzen "Fanatismus, Schwachsinn und Heuchelei". Lediglich die juristischen Torwächter einer solchen Reaktion seien die Vertreter der "historischen Rechtsschule", die wie seine Kollegen Karl von Savigny oder Gustav von Hugo jedes bestehende Recht als Wert an sich darstellten, so als sei das Gewordene und Alte schon das Gerechtfertigte. Wie schon in seiner vorangegangenen Publikation macht Hegel auf den Unterschied zwischen bloßen überkommenen Privilegien und vernünftigen Rechten auf dem jeweils erreichten Stand der Zivilisation aufmerksam: "auch die Abschaffung des Menschenopfers, der Sklaverei, des Feudaldespotismus und unzähliger Infamien war immer ein Aufheben von etwas, das ein altes Recht war".

Dem preußischen König wiederum, der unter dem Druck der Ultras in Berlin, Wien und Petersburg immer noch zauderte, sein Verfassungsversprechen einzulösen (und es auch nie tun sollte), erklärte Hegel, dass die Funktion des Monarchen in einem modernen Staat lediglich sei, "Ja" zu sagen und "den Punkt auf das i" zu setzen. Auf dessen erwartbaren Einwand, was denn bei solcher funktionalen Reduktion von seinem Gottesgnadentum bleibe, schob er in der nächsten Fußnote nach: "Gott hat Alles, auch das Schlechteste gemacht."

Schon für die Generation seiner Schüler änderten sich die Problemlagen

Neben den Reaktionären zählt Hegel aber auch deren vermeintliche Gegner, die Vordenker der sich auf Volkes Stimme berufenden nationalistischen Burschenschaften, zu den Widersachern rationaler Politikgestaltung. Zu solchen gehören für ihn Jenenser Philosophieprofessor wie Jakob Friedrich Fries und Berliner Gefühlstheologen wie Friedrich Schleiermacher oder Wilhelm de Wette. Mit seiner Rede auf dem Wartburgfest von 1817, auf dem die studentischen Burschenschaftler einerseits "Volkssouveränität" gefordert hatten, aber zugleich mit dem Code Civil auch das in Hegels Augen fortschrittlichste Gesetzeswerk seiner Zeit verbrannt hatten, habe sich Fries als "Heerführer der Seichtigkeit" erwiesen und die Frage nach der vernünftigen Konstituierung eines Staates in einem "Brei des Herzens" aufgelöst.

Fries schwadronierte "Über die Gefährdung des Wohlstandes und des Charakters der Deutschen durch die Juden" und empfahl "das Judentum mit Stumpf und Stiel auszurotten" oder zumindest die Kennzeichnungspflicht mit einem gelben Wipfel einzuführen. Sind die Gedanken zu Brei gemacht, schlägt das Denken schnell in Ressentiment um, wird braun und ranzig - das sah Hegel früher als manche seiner zeitgenössischen Leser, die hier eine antiliberale Anbiederung Hegels an das Karlsbader Polizeisystem erkennen wollten.

Das Museum Hegel-Haus in Stuttgart wird am 250. Geburtstag des Philosophen am 27. August wiedereröffnet. Die neue Dauerausstellung widmet sich dem Leben und Werk von Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der 1770 in dem Haus zur Welt kam und 1831 in Berlin starb. Multimediale Installationen und interaktive Stationen sollen Hegel auch Besuchern ohne philosophische Vorkenntnisse näherbringen.

(Foto: S. Gollnow/dpa; Bearbeitung: Stefan Dimitrov)

Hegel, der Denker in Komplementär- und Beziehungsverhältnissen, verwies umgekehrt gerade auf die Gemeinsamkeiten zwischen den Sachwaltern der Reaktion und den von ihnen verfolgten "falschen Brüdern und Freunden des sogenannten Volkes". Beide konzipierten die Bevölkerung nicht als politisches Subjekt und Staatsbürger, sondern als einen bloßen "Haufen": die einen als Untertanen im Privatbesitz ihres Patriarchen, die anderen als Germanenhorden "aus dem gelobten Lande des Deutschdumms", wie Hegel für gewöhnlich deren Credo des "Deutschtums" ins Schwäbische verballhornte. Beide fielen damit hinter einen historischen Entwicklungsstand zurück, nach dem "der Mensch gilt, weil er Mensch, nicht weil er Jude, Katholik, Protestant, Deutscher, Italiener" ist. An die Stelle zeitgemäßer politischer Argumente tritt die "gedankenlose" Forderung, "daß die Gegenwart zur Vergangenheit, die Wirklichkeit zur Unwirklichkeit umgeformt werden solle".

Schon für die Generation nach Hegel änderten sich die Problemlagen. Dessen noch an Napoleonischen und postnapoleonischen Mustern gewonnenes Konzept einer "freien Monarchie" als Modell eines vernünftigen Staates konnte nun nicht mehr überzeugen. Dennoch wurde seine Bestimmung politischer Philosophie als Theorie der Gegenwart epochemachend. Hegels erster Schüler Eduard Gans veröffentlichte nach dessen Tod die zweite Auflage der "Philosophie des Rechts" mit Aktualisierungen aus den Mitschriften der Studierenden. Lange bevor es in Deutschland Parteien gab, differenzierten sich die politischen Strömungen in Linkshegelianer und Rechtshegelianer. Der bedeutendste unter den ersteren, Karl Marx, begann seine publizistische Laufbahn 1844 mit einer "Kritik der Hegel'schen Rechtsphilosophie" und wendete dessen Begriffe der "bürgerlichen Gesellschaft" und des "Weltgeists" auf die Widersprüche einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung und des Weltmarkts an.

"Wissenschaft von heute" nannte Eduard Gans treffend Hegels Verbindung von systematischer Theorie und politischem Argument. Auch wenn das "Heute", mit dem sich diese Wissenschaft beschäftigt, immer ein anderes ist, musste sich von nun an auch die Philosophie am Anspruch messen lassen, die aktuellen Herausforderungen einer sich wandelnden Welt auf der Höhe der Zeit zu begreifen. Hegel war 1820 noch lange nicht fertig.

© SZ vom 27.08.2020
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