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Hauptstadtbauprojekt:Unser Dorf soll schöner werden

Berlin

Neu: Haupteingang als „Innenraum im Außenraum“, der Baum im Haus, der Sicherheitsabstand zur Kirche.

(Foto: Herzog & De meuron)

Neue Pläne für Berlins "Museum des 20. Jahrhunderts" vorgestellt: die "Scheune" soll sich zur Stadt öffnen. Aber was wird das kosten?

Von Peter Richter

Die Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron haben gestern in Berlin überarbeitete Entwürfe für das "Museum des 20. Jahrhunderts" am Kulturforum vorgestellt. "Die vielen Reaktionen auf den Wettbewerbsentwurf", ließen sie verlauten, seien ihnen "ein Ansporn" gewesen. Diese Reaktionen bestanden nämlich nur zur Hälfte aus zähnetropfender Vorfreude auf die gehobene Materialkulinarik, für die das Baseler Büro zuverlässig steht, zur anderen aber aus Besorgnis über die Massivität, den Hermetismus, die Bierzelthaftigkeit des Ganzen. Von einer Scheune war schnell die Rede, was an sich nicht schlimm wäre, da Herzog und de Meuron mit dem Parrish Art Museum auf Long Island bewiesen haben, wie mondän Scheunen für die Kunst aussehen können, und Berlins Versuch, besonders "groszstädtisch" zu bauen, nebenan auf dem Potsdamer Platz nun einmal eher etwas provinziell ausgegangen ist - wie generell das Land inzwischen oft von urbanerer Modernität ist als die biedermeierlich gestimmten Zentren.

Mit solchen Inversionen muss ein Museumsneubau heute erst einmal zurecht kommen. Denn die Kritik betraf auch die Tempelmetaphorik der Architekten, weil das klassische Museion, wenn überhaupt, ja ursprünglich mal einen ganzen Tempelbezirk meinte: ein Dorf in der Stadt. In diesem Sinne hatte etwa Rem Koolhaas seinen unberücksichtigt gebliebenen Entwurf aufgefasst - und etliche dieser Gesten, das Museum mit der Stadt zu verstricken, tauchen jetzt auch in der Überarbeitung von Herzog und de Meuron wieder auf.

Es gibt auch andere wichtige Änderungen: Der Abstand zur Matthäus-Kirche wurde von acht auf 14 Meter vergrößert, was ihr immerhin so viel Umraum gebe wie sie vor dem Krieg mal hatte. Und um eine prächtige alte Platane, die erhalten werden muss, macht die Westfassade jetzt einfach einen Bogen, als wäre es ein Zitat der Apsiden von St. Matthäus, nur als Negativform. Diese Verkleinerungen des Umfangs mussten durch größere Tiefe ausgeglichen werden, denn die 9000 Quadratmeter Ausstellungsfläche, dafür musste sich Nationalgaleriedirektor Udo Kittelmann selber noch mal die Schulter klopfen, waren von Beginn an einsparungssicher festgeschrieben. Es bleibt bei einem fließenden Innenraum, der von "Boulevards" durchkreuzt wird, bei unterirdischen Verbindungen zu den benachbarten Museen und bei den perforierten Backsteinmauern, die sanft das Licht sieben werden, sofern in Berlin mal die Sonne scheint. In den Renderings wird eher von ewigem Winter ausgegangen, in dem das Museum die Stadt beleuchtet. Hier werden nun die vielen neuen Öffnungen wichtig: gläserne Fronten, eine Freitreppe im Außenraum und große verschiebbare Wände wie die Tore von Flugzeug-Hangars, von denen die Praxis allerdings erst zeigen muss, ob sie das Haus wirklich zu einer Art Bühnenturm von Schauspielen machen können, die zwischen Stadt und Museum stattfinden, oder ob sie als rhetorischer Offenheits-Kitsch osmotische Verhältnisse nur vorgaukeln, wo Konservatoren und Wachschutz ganz andere Interessen haben.

Nur dass das alles nicht für die ursprünglich verlautbarten 200 Millionen zu haben sein wird, sondern nach den aktuellen Kalkulationen mehr als das Doppelte kosten wird (SZ vom Dienstag), beschäftigte in Berlin so recht keinen. Bundeskulturstaatsministerin Monika Grütters wollte erst nach Abschluss der Detailplanungen verlässliche Zahlen nennen - ungefähr im Sommer 2019.

© SZ vom 10.10.2018
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