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Hate Poetry:Lachen über die eigene Machtlosigkeit

Doch wie wirkt dieser Humor? Wie erklärt sich, dass die Menschen trotz der beschämenden Prosa lachen - allein die Bühnenpräsenz der Journalisten, die eben keine Schauspieler, sondern Journalisten sind, kann es nicht sein.

Dass der Humor eine Tugend sein kann, hat nicht zuletzt Martin Seel festgestellt. Seel lehrt Philosophie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt und hat sich immer wieder mit dem Thema beschäftigt. "Zunächst dachte ich, das ist das bloße Verlachen dieser Idioten, die solche Briefe schreiben", sagt er über die Hate Poetry. "Doch ich glaube, es ist mehr. Die Journalisten nehmen ja die rassistischen Kommentare genau dadurch ernst, dass sie sie nicht zu ernst nehmen. Sie versuchen, den Ernst der Gegenseite stets ins Gegenteil zu verkehren: ins Komische. Je fanatischer der Ernst der Gegenseite, desto ernster ihr Versuch."

Die Recherche zu Toleranz

"Vielfalt und Vorurteile: Wie tolerant ist Deutschland?" - Diese Frage hat unsere Leser in der siebten Abstimmungsrunde unseres Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Das folgende Dossier soll sie beantworten.

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    Geschlecht ist immer eindeutig und Intersexualität eine Krankheit: Es gibt viele Vorurteile gegenüber Menschen, die nicht dem klassischen Mann-Frau-Schema entsprechen. SZ.de widerlegt die fünf häufigsten.

  • Düstere Aussichten

    Etwa die Hälfte der Deutschen meint, in Deutschland gebe es zu viele Ausländer. Was wäre, wenn es weniger wären? Oder sagen wir: gar keine? Ein Szenario gegen Stammtischparolen.

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    Wer Mohammad, Phuong oder Dhakiya heißt, bekommt die Frage "Wo kommst du her?" dauernd zu hören. Warum sich darin Rassismus versteckt und welche Erfahrungen unsere Leser mit noch schlimmeren Sätzen gemacht haben.

  • Die Macht der Toleranten

    In unserer Toleranzgesellschaft herrscht ein gewisser Überdruss der politischen Korrektheit. Trotzdem stecken die Stacheln von Rassismus und Antisemitismus fest im Unterbewusstsein. Denn in Deutschland ist Toleranz auch eine Form der Demütigung.

Für den Psychologen Willibald Ruch, der an der Universität Zürich Humor erforscht, zieht die Veranstaltung ihre Wirkung auch aus der Anordnung: "Wir lachen gern über Dinge, die unstimmig sind und seltsam anmuten." Hier würden sprachlich geschickte Journalisten mit weniger geschliffenen Mitteln angegriffen. "Diese Asymmetrie kann man als sehr lustig sehen." Maximalen Effekt aber erziele dieser Widerspruch, weil starke Emotionen im Spiel sind, die sich mit dem lustigen Kontext - das bewusst alberne Bühnenbild, das Overacting der Vortragsweise - die Waage halten.

In seinem Aufsatz "Humor als Laster und als Tugend", den Martin Seel im Jahr nach 9/11 verfasste und der sich dem Humor in nicht fassbaren Momenten annähert, schreibt er davon, wie im Lachen "die Wahrheit der Unmöglichkeit" liegen kann, "auf ein solches Ereignis überhaupt angemessen zu reagieren. Ein solches Lachen schließt die Erkenntnis der eigenen Unfähigkeit mit ein, zu dem Schrecklichen eine schlüssige Einstellung zu gewinnen." Für Seel ein Quellgrund des Komischen in nahezu allen Bereichen.

Legitim ist es, wenn man über sich selbst lacht

Vielleicht also lachen die Zuschauer auch deshalb, weil sie sich mutmaßlich erstmals mit einer Machtlosigkeit konfrontiert sehen, die sie, so sei es ihnen gewünscht, in ihrem Leben nie erleben werden. Also lachen sie angesichts der Machtlosigkeit gegen solche Angriffe - und weil sie merken: Sie wüssten auch nicht, was tun gegen so viel Dummheit, Perfidie und Verleumdung.

Festmachen ließe sich das auch daran, dass das Publikum oftmals mehrere Stadien durchschreitet, ehe die Stimmung ausgelassen ist: vom beinahe ungläubigen über das staunende hin zum lauten, befreiten Loslachen nach jedem vorgelesenen Satz. Ein legitimes Lachen, sofern die Lachenden auch über sich selbst lachen, sagt Seel: über ihre Unsicherheit und ihre eigene Ratlosigkeit ob der Leserbriefe.

Den Journalisten also dient der Humor sehr wohl als Waffe gegen die Intoleranz, die ihnen entgegengebracht wird. Özlem Topcu ist zufrieden mit der guten Resonanz auf die Veranstaltungen. Die Leute, die zu den Hate-Poetry-Abenden kommen, müssten sie ohnehin nicht mehr gewinnen, sagt die Zeit-Journalistin. "Aber wir haben auch ein paar hinzugewonnen, die nicht jeder zu den sogenannten Gutmenschen zählen würde." Aber entfaltet sich auch eine Wirkung bei den Briefeschreibern, also bei den eigentlichen Adressaten? "Vielleicht ist es ja auch gut zu wissen, man hat eine Waffe", sagt Psychologe Ruch, "selbst wenn sie nicht tauglich ist".

© SZ.de/sebi
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