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Hassrede:Mensch Meier

Katja Meier, Buendnis 90/Die Gruenen Brandenburg. Berlin, 02.09.2019. Berlin Deutschland *** Katja Meier, Alliance 90 T

Vor der rechten Refrainpolizei eingeknickt: Sachsens Justizministerin Katja Meier.

(Foto: Thomas Trutschel/imago)

Erst das Omalied, dann Sachsens Justizministerin: Sobald sich ein Lied skandalisieren lässt, sind die Rechten zur Stelle. Und es geht ihnen nicht um Rücksichtnahme.

Kommentar von Felix Stephan

Die letzten Tage des Jahres 2019 waren gänzlich einem restaurativen Projekt gewidmet, der Rettung des Weltkulturerbes "Deutsche Oma". Nachdem im WDR ein Kinderchor die Zeile "Meine Oma ist 'ne alte Umweltsau" gesungen hatte, distanzierten sich Intendanten, protestierten Abgeordnete, versammelten sich dünnhäutige Stiernacken vor der Wohnung eines Journalisten und sortierte der zuständige Ministerpräsident Armin Laschet in einem Gastbeitrag in der Zeit diese offensichtliche Albernheit gedankenhubernd in den "politischen Diskurs der Konfrontation" ein.

Das ist natürlich, wenn man kurz nachrechnet, alles nicht ganz ehrlich. Die Sänger des Kinderchors waren im Schnitt acht Jahre alt. Wenn man eine Generationsspanne von 30 Jahren zugrunde legt, sind ihre Omas im Jahr 1950 zur Welt gekommen, gehören also zu der Generation, die heute auf dem Père Lachaise beflissen an Balzacs Grab vorbei direkt zur Ruhestätte von Jim Morrisson geht, um sich dort an ihre eigene Jugend zu erinnern, in diesem Fall also die Jahre ab 1968. Wenn sich die westdeutsche Oma mit etwas wirklich gründlich auskennt, dann ist es, erstens, das sorgsame Abräumen von Generationen, zweitens die Bloßstellung autoritärer Selbstherrlichkeit anhand von Liedzeilen, und drittens, das unbekleidete Wandeln durch Alpentäler. Insofern könnte man sich auf die deutsche Oma durchaus einigen.

Dass es bei all der Aufregung aber um die Oma nie gegangen ist, sondern um eine bestimmte Art des Sprechens, die aus der Öffentlichkeit entfernt werden soll, zeigt jetzt eine Geschichte aus Dresden. Dort hat sich, nachdem sich die rechte Refrainpolizei schon wieder in ihrer Empfindsamkeit berührt fühlte, soeben die Justizministerin Katja Meier von einer Liedzeile distanziert, die sie im Alter von 16 Jahren auf dem Bass begleitet hatte: "Advent, Advent, ein Bulle brennt". Auch hier ist der pophistorische Kontext nicht ganz unerheblich. Meier ist Jahrgang 1979, da war es kulturhistorisch noch nicht lange her, dass der Slime-Sänger Michael "Elf" Mayer die Punk-Hymne "Wir wollen keine Bullenschweine" komponiert hatte und Rio Reiser seinen "Mensch Meier" die damalige Berliner Mietendebatte so kommentieren ließ: "Sag mir eins, ham die da oben, Stroh oder Scheiße in ihrem Kopf/Die wohnen in den schärfsten Villen, unsereins im letzten Loch/Wenn die das Rauch-Haus wirklich räumen, bin ich aber mit dabei/und haue den ersten Bullen, die da auftauchen/ihre Köppe ein".

Der Literaturwissenschaftler Karl-Heinz Bohrer, einst selbst so etwas wie der Rio Reiser seines Faches, hat gerade eine Studie über diese Form der Hassrede veröffentlicht, in der er zwei Formen des Hasses scharf voneinander trennt: den politischen Hass einerseits und den literarisch-imaginativen Hass andererseits. Wenn Baudelaire, Sartre, Bernhard, Goetz ihre jeweiligen Zeitgenossen mit Hass und Verachtung überhäufen, geht es nicht um Hetze, sondern um Selbstidentifizierung und Erkenntnis, um, so Bohrer, "spirituelle Vertiefung von Subjektivität aufgrund radikaler Isolation". Oder, anders gesagt: Um die Grundbedingung für Mündigkeit und eine gelingende Republik. Auffällig ist in dem Zusammenhang, dass es in der Regel dieselben sind, die den politischen Hass streuen und den literarischen skandalisieren.

Daran, die Unterschiede zwischen diesen beiden Formen der Hassrede zu verwischen, kann nur Interesse haben, wer Mündigkeit fürchtet und Kontrolle durch Angst ausüben will. Die Methoden führt die deutsche Rechte tagtäglich vor. Wer lächerlich macht, was den Rechten heilig ist, muss mit Prügeln rechnen. Dabei ist in einer Öffentlichkeit, in der sich Rechtsradikale nicht ausreichend berücksichtigt fühlen, in erster Linie alles in bester Ordnung.

© SZ vom 04.01.2020/cag
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