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"Erste Person Singular" von Haruki Murakami:Tricks, Tricks, Tricks

Haruki Murakami helps earthquake stricken area

Der Haruki-Murakami-Humor: Der Erzähler ist erst mal von der eigenen Stimme irritiert, bevor er über das ganz und gar andere staunt.

(Foto: Toshito Kubo/AP)

In seinem neuen Erzählband "Erste Person Singular" erweist sich Haruki Murakami als Großmeister des kurzweiligen surrealen Schauders.

Von Alex Rühle

In einem Essay über den Einfluss des Jazz auf sein Schreiben zitierte der japanische Schriftsteller Haruki Murakami einmal Thelonious Monk, der auf die Frage nach dem Geheimnis seines Klangs gesagt habe: "Eine neue Note kann es nicht sein. Die Noten sind alle festgelegt, wie Sie an der Klaviatur sehen. Aber wenn es Ihnen auf eine Note wirklich ankommt, klingt sie anders." Murakami ergänzte: "An diese Worte erinnere ich mich oft, wenn ich schreibe. Es ist wahr. Es gibt keine neuen Worte. Unser Job als Schriftsteller ist es, gewöhnlichen Worten eine neue Bedeutung und spezielle Untertöne zu geben." Damit hat er an der Besonderheit seiner eigenen Texte etwas vorbeigeredet.

In Murakamis Romanen können Menschen plötzlich durch Wände gehen. Ein zweiter, grüner Mond steht am Himmel, Geister tauchen auf oder ein Junge kommt in einer Bibliothek mit einem Mann ins Gespräch, der ein Schafskostüm trägt. All das passiert stets leise, so als sei es nun mal so. Und es wird in der allergewöhnlichsten Alltagssprache davon erzählt: "Vor etwa fünf Jahren machte ich in einem kleinen Ryokan im Badeort M. in der Präfektur Gumma die Bekanntschaft eines älteren Affen. Es war bloßer Zufall, dass ich in der abgelegenen oder, besser gesagt, heruntergekommenen Herberge abstieg."

So beginnt "Bekenntnis des Affen von Shinagawa", eine Erzählung aus Murakamis neuem Band "Erste Person Singular". Der Mann, der da auf Reisen durch die japanische Provinz ist, ähnelt insofern den meisten Erzählern aus Murakamis Kosmos, als er völlig durchschnittlich ist, Musik liebt und sich gerade durchs Leben treiben lässt. Er entspannt sich abends in der heißen Thermalquelle des Hotels, "als der Affe klappernd die Glastür aufschob und mit einem leisen ,Entschuldigen Sie' das Bad betrat". Dieser Affe hantiert nun so professionell und geübt mit den herumliegenden Gerätschaften, dass schnell klar ist: Der ist hier der Bademeister.

",Wie ist das Wasser?', fragte mich der Affe. ,Ausgezeichnet, danke.' Meine Stimme klang dumpf und weich in all dem Dampf. Sie hatte sogar etwas Mythisches, hörte sich nicht an wie meine, sondern wie ein Echo aus der Vergangenheit, das aus einem tiefen Wald hallte. Und dieses Echo ... Halt, Moment mal, warum war hier ein Affe, und wieso konnte er sprechen wie ein Mensch?"

Das ist so der Murakami-Humor. Der Erzähler ist erst mal von der eigenen Stimme irritiert, bevor er über das ganz und gar andere staunt. Ähnlich wie in einem Traum, in dem die Regeln des Alltags aufgehoben sind.

Die irrsten Vorkommnisse werden zwar verwundert, aber auch mit sofortiger Akzeptanz zur Kenntnis genommen

Die Begegnung in der dunklen Kellerquelle ist aber auch sonst eine mustergültige Murakami-Situation. Die irrsten Vorkommnisse werden zwar verwundert, aber auch mit sofortiger Akzeptanz zur Kenntnis genommen, gleichzeitig strahlen diese Vorkommnisse von dem Moment an zurück auf alles vermeintlich so Normale, in diesem Fall die eigene Stimme, die plötzlich anders, fremd, aus fernen Zeiten klingt. Um Monks Zitat zu variieren: Der Zauber entsteht bei Murakami nicht daraus, dass er gewöhnlichen Worten eine neue Bedeutung und spezielle Untertöne gibt, sondern daraus, dass er ganz gewöhnlichen Szenen und Situationen ein surreales Moment beimischt, wodurch dann alles andere auch in einen seltsamen Schwebezustand gerät.

"Erste Person Singular" enthält neun Erzählungen, die jeweils in Ich-Form von solch einer seltsamen Begegnung oder Begebenheit erzählen. Mal lädt sich eine junge Frau bei einem Studenten zum Übernachten ein, verschwindet danach und schickt ihm eine Sammlung wunderschöner eigener Gedichte, die aber niemals irgendwo veröffentlicht werden. Oder die Fiktion greift aus in die Realität (wurde schon mal untersucht, welches magische Verwandtschaftsverhältnis zwischen Murakami und Borges besteht?): In "Charlie Parker Plays Bossa Nova" erinnert sich der Erzähler daran, wie er in einer Unizeitung mal ein von ihm selbst erfundenes Parker-Album besprochen hat. Parker, der 1955 gestorben ist, hat darin angeblich 1963 mit Carlos Jobim wunderschöne Songs aufgenommen. Der Witz ist nun, dass der Erzähler Jahre später in einem Laden für gebrauchte Schallplatten auf diese Aufnahme stößt, weißes Cover, darauf nur der Plattentitel und die Songtitel. "Zu meiner größten Verblüffung stimmten die Titel ebenso wie die aufgeführten Musiker exakt mit jenen überein, die ich mir als Student ausgedacht hatte."

Murakami schreibt in seinem lesenswerten Werkstattbuch "Von Beruf Schriftsteller", die Grundideen für seine Bücher würden ihn immer "von der anderen Seite" erreichen. Er ist überzeugt, dass es neben der realen eine oder mehrere irreale Welten gibt, die einander wechselseitig durchdringen, und er sagt, wenn er sich konzentriere, gelinge es ihm zuweilen, "die Seiten zu wechseln". Man kann ihn also mit Fug und Recht einen parapsychologischen Pageturner nennen.

Mit anderen Worten: Die spezifische Sogwirkung der Romane erwächst daraus, dass die eine seltsame Begebenheit, die alles zum Zittern oder ins Schweben bringt, sich aus der Mitte des Geschehens heraus in konzentrischen Kreisen und wie in Zeitlupe über die ganze Welt zu ziehen scheint. Wenn sich das stille Wunder erst mal mitten im Alltag ereignet hat, kann es dort die erstaunlichsten Blüten treiben. So wie im Horrorfilm hinter wirklich jeder Ecke das Grauen lauert, können hier alle physikalischen Gesetze aufgehoben werden.

Haruki Murakami: Erste Person Singular. Erzählungen. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. DuMont, Köln 2021. 224 Seiten, 22 Euro.

(Foto: Dumont)

So auch in diesem Sammelband: Der Erzähler im Thermalbad unterhält sich irgendwann aufs Prächtigste mit dem Affen, der erstaunlich kultiviert ist (beim gemeinsamen Bier spricht er von seiner tiefen Liebe zu Bruckner und Richard Strauss. "Sie mögen Bruckner?" - "Ja, seine siebte Sinfonie, besonders den dritten Satz, finde ich immer sehr inspirierend"). All das ist merkwürdig genug. Im Verlauf des Abends gesteht der Affe aber dann, dass er menschliche Weibchen begehrt. Da er nicht mit ihnen schlafen kann, stiehlt er ihnen den Namen, wodurch die von ihm begehrten Frauen an einer winzigen, aber natürlich außerordentlich verstörenden Erinnerungslücke leiden: Immer wieder fällt ihnen ihr eigener Name nicht ein. - Die Charlie-Parker-Geschichte potenziert den surrealen Schauder nach dem Fund im Plattenladen, indem Jahre später Parker nachts im Traum des Erzählers auftaucht und für diesen nicht nur "Corcovado", den zentralen Song des fiktiven Albums, spielt, sondern sich danach auch explizit für die Erfindung dieser Platte bedankt: Sei doch wunderbar, als Toter noch mal eine ganz neue Musikrichtung kennenzulernen.

Der Punkt ist nun nur, dass die Erzählungen in dem Moment, in dem sich alles mit dieser suggestiven Kraft aufgesaugt hat, enden. Ein bisschen so, als würde sich ein Jongleur, der sieben Bälle in die Luft geworfen hat, plötzlich mitten in der Nummer umdrehen, weggehen und die Bälle achtlos zu Boden plumpsen lassen. Wobei, oh, Moment, während wir hier in unserer kleinen Feuilletonklause noch stolz sind über dieses vermeintlich gelungene Bild, kommt der Magier Murakami zurück, zeigt alle sieben Bälle und sagt, es sei ja wohl seine Sache, wie lange die jeweilige Nummer und Geschichte dauere, Hauptsache, der Trick funktioniert.

Sagen wir es also vorsichtiger: Murakami zeigt auch hier sein volles Können. Wer aber die weitflächige Trance erleben will, in die einen Bücher wie "Mister Aufziehvogel" oder "IQ84" führen können, der warte einfach bis zum nächsten Roman. Wer hingegen sehen will, wie viel immer neue Imaginationskraft in Murakami steckt, und wen es nicht stört, dass alle paar Seiten eine andere unerhörte Begebenheit die gerade erst durchlesene Geschichte ablöst, der sollte sich "Erste Person Singular" vielleicht doch nicht entgehen lassen.

© SZ/crab
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