Nachruf:Der Universalgelehrte

Hartmut Geerken, 2019

Hartmut Geerken in seinem Haus am Ammersee.

(Foto: Catherina Hess/SZ Photo)

Hartmut Geerken war Künstler, Dichter, Nachlassverwalter - und fand in diesem Viele-Sein sein Glück. Nun ist er mit 82 Jahren gestorben.

Von Jörg Häntzschel

Besuchte man Hartmut Geerken und seine Frau Sigrid Hauff in ihrem Haus in Wartaweil am Ammersee, war es, als sei man zu Gast bei einem ganzen Kollektiv von Gelehrten, Künstlern, Sammlern, Nerds und Lebensvirtuosen. Wie schafft es ein Mensch, auf so mühelose Art, so viele zu sein?, fragte man sich. Ganz offensichtlich war dieses Viele-Sein für Geerken der Schlüssel zum Glück. Geerken war Industriekaufmann. Er gab im Verlag Text + Kritik frühe Avantgardetexte heraus. Er war Orientalist. Er schrieb Gedichte, Essays und Hörspiele. Er drehte Filme. Er studierte Pilze. Er experimentierte mit afrikanischen und asiatischen Musikinstrumenten und trat mit der Free-Jazz-Legende Sun Ra auf, von dem er das weltweit größte Archiv besaß. Er verwaltete eine riesige Sammlung selbst aufgenommener Konzertmitschnitte aus den Siebzigern. Und er war Nachlassverwalter des nur dank ihm nicht völlig vergessenen, 1946 im Pariser Exil gestorbenen Philosophen und Schriftstellers Salomo Friedlaender alias Mynona, dessen Werkausgabe er mit seiner Frau und Detlef Thiel herausbrachte.

Ein so reiches Leben hat viele Anfänge. Einer war der Tag, an dem Geerken in Istanbul das gesamte Material für seine Doktorarbeit aus dem Auto geklaut wurde. So wurde er statt Professor Deutschlehrer und später Institutsleiter an den Goethe-Instituten von Kairo, Kabul und Athen. In Kairo gründete er ein Jazz-Ensemble und spielte Theater. In Kabul organisierte er Poesiefestivals, in Athen zeigte er die Filme von Rosa von Praunheim. Doch nebenbei blieb immer noch Zeit für die Schriften von Mynona.

Auf den Kant-Exegeten und wilden Autoren war Geerken in den Sechzigern gestoßen und konnte kaum fassen, dass diesem aus Berlin geflohenen und in Paris in bitterer Armut gestorbenen jüdischen Denker durch kollektives Vergessen ein zweites Mal Unrecht angetan werden sollte. Also fuhr Geerken nach Paris und spürte dort Friedlaenders Witwe auf, die ihm den Nachlass ihres Mannes dankbar anvertraute. Einen Besseren hätte sie nicht finden können. Es war bitter für Geerken, dass es ihm nicht gelang, einen Verlag davon zu überzeugen, die Ausgabe zu veröffentlichten. Aber entmutigen ließ er sich davon nicht, er brachte sie im Selbstverlag heraus, jeden Brief, jeden Zettel des überaus produktiven Autors. Beinahe hätte er sein Großwerk auch vollendet, von den geplanten 39 Bänden fehlten nur noch sechs. Nun ist, zwei Jahre nach seiner Frau, auch Geerken gestorben, 82 Jahre alt, und doch viel jünger als die meisten.

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Seit einem halben Jahrhundert hat Hartmut Geerken ein Ziel: Er will den Schriftsteller Salomo Friedlaender vor dem Vergessen retten. Bislang interessiert sich kein Verlag für dessen Werk. Noch nicht, sagt Geerken. Von einem, der nicht aufgibt.

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