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Essays von Harry Martinson:Gegen die moderne Welt

Wooden hut in traditional red at the Archipelago near Stockholm Sweden PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxH

Zeitlose Schönheit: Nach seinen Wanderjahren ließ sich Harry Martinson in einer Hütte bei Stockholm nieder.

(Foto: A. Tamboly; via www.imago-images.de/imago images / Westend61)

Die Naturessays des Literaturnobelpreisträgers Harry Martinson gehören zu den besten, die je geschrieben wurden.

Von Christoph Schröder

Das Echo des Ziegenmelkers zieht sich durch dieses Buch. Im letzten Text hört das durch die Sommernacht streunende Ich ein schwaches Schnurren, das über den See tönt. Knapp 30 Jahre später schreibt Harry Martinson über dieses Panorama, Naturzerstörung und Motorboote, "die an breite Cabriolets erinnern, mit einem Autolenker" machten es unmöglich, der Landschaft zu lauschen: "Der Ziegenmelker ist nur noch selten zu hören, da fast immer ein Motor läuft."

Jener "Brief", so der schlichte Titel des auf 1963 datierten Essays, der sich nicht an einen bestimmten Adressaten richtet, ist auch Ausdruck eines sich verdüsternden Bewusstseins. 1974 erhielt Harry Martinson gemeinsam mit Eyvind Johnson den Literatur-Nobelpreis. Eine umstrittene Auszeichnung, da Martinson zu diesem Zeitpunkt selbst Mitglied der Schwedischen Akademie war. Er sei ein Autor, so die offizielle Begründung, der in seinem Werk "den Tautropfen einfängt und das Weltall spiegelt."

So aus der Zeit gefallen in ihrem Pathos die Begründung auch anmuten mag, so einleuchtend erscheint sie angesichts der rund 40 Texte in diesem stillen, funkelnden Buch. Herausgeber und Übersetzer Klaus-Jürgen Liedtke hat für die Ausgabe im Guggolz Verlag die überwiegend kurzen, aber sprachlich verdichteten Betrachtungen aus drei im Original zwischen 1937 und 1939 erschienenen Büchern ausgewählt und durch einige spätere Essays Martinsons ergänzt.

Der Pessismismus der Zwischenkriegszeit führte zu einer kindlichen Begeisterung für die Natur

Harry Martinson lebte zu dieser Zeit, in der Europa sich für den Ausbruch eines weiteren Krieges rüstete, gemeinsam mit seiner Ehefrau in einer Hütte südlich von Stockholm, inmitten von Wald, Seen und Stechmücken. Kein Einzelfall, wie Herausgeber Liedtke in seinem Nachwort betont: Das pessimistische Grundgefühl, sich in einer Zwischenkriegszeit zu befinden, habe mehrere Schriftsteller aus Martinsons Generation in eine geradezu kindliche Begeisterung für die Natur hineingetrieben.

Martinsons Leben allerdings war bis dahin alles andere als behütet: Der Vater starb 1910, als Martinson sechs Jahre alt war; die Mutter wanderte in die USA aus und gründete eine neue Familie, nachdem sie ihre Kinder in Schweden auf Bauernhöfen untergebracht hatte. Mit 16 fuhr Martinson zur See, kam mit einer Lungenerkrankung zurück und ließ sich schließlich nach weiteren Wanderjahren auf dem Land nieder.

Harry Martinson: Schwärmer und Schnaken. Naturessays. Aus dem Schwedischen von Klaus-Jürgen Liedtke. Guggolz Verlag, Berlin 2021. 220 Seiten, 22 Euro.

Seine Naturbetrachtungen sind beseelt von der Vorstellung des schreibenden Ichs, in der Umgebung aufzugehen, also keine Deutungshoheit und auch keine Herrschaft über den Betrachtungsgegenstand zu gewinnen, sondern Natur als eigenen Text zu entziffern. Wer so schreiben will, muss genau wissen, worüber er schreibt. In dem Essay "Über Naturschilderung" benennt Martinson drei Grundlagen des gelingenden Nature Writing, wie er es definiert: Grundlagenwissen, Präzision und eigenes Erleben verbinden sich im Idealfall zu einer Perspektive auf die Welt, die sie neu erscheinen lässt, obgleich jeder den Zugang zu den Objekten haben könnte. Die Literatur, die einer solchen Poetik entspringt, ist in ihrem Vokabelreichtum, den die Übersetzung ganz offensichtlich ins Deutsche hineintragen konnte, und in ihrer zeitlosen Schönheit beglückend.

Brillante Naturbeschreibungen, dichte Atmosphäre, frei von Manierismen

Ganz gleich, ob Martinson einen See im Sommer mitsamt seiner schwirrenden Fauna und Flora beschreibt oder eine alte Zeche, die von der Pflanzenwelt nach und nach zurückerobert wird; ob er eine Staude in den Blick nimmt, eine Mohnkapsel oder einen Käfer: Man kann dieses Buch an jeder beliebigen Stelle aufschlagen und wird stets auf überraschende Beobachtungen, originelle Bilder und Betrachtungen stoßen, die frei sind von Manierismen und doch aufgeladen mit einnehmender Atmosphäre: "Eisginster. Feuergoldenes, zitronensaures Blendwerk, während die Kälte in den Wäldern knarrt und die Luft wie eiskalte, wochenalte Wintermagermilch erscheint, ungenießbar wie der Schnee, nährstoffarm wie der Winter und mit einem todesstummen hohen Ton erklingend wie ein Vibrato von Eisnadeln."

Den Übergang in die Nachkriegswelt, in "die Bedrohung durch Wasserstoffbomben und andere Totalformen einer gigantischen Erpressung", in der ihm der Blick verstellt und das Sensorium für die Feinheiten überdröhnt war, hat Martinson nicht verkraftet: 1978 erstach er sich selbst während eines Krankenhausaufenthaltes mit einer Schere.

© SZ/fxs
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