Harry Dean Stanton Durchs Leben ohne Fett und Karriereträume

Dieser Blick war Harry Dean Stantons Markenzeichen, ein Blick der stets behauptete, dass alles Schreckliche unausweichlich ist.

(Foto: Studiocanal)

Die Kleidung, die er in seinen Filmen trug, schlackerte oft an seinem Körper, was sich ziemlich genau mit der Lebensmaxime des Schauspielphilosophen traf. Zum Tod von Harry Dean Stanton.

Nachruf von Tobias Kniebe

Es ist einer dieser Schauspielmomente, die man als Zuschauer eigentlich gar nicht bemerken kann, weil im Vordergrund viel zu Aufregendes passiert. In diesem Fall einer der größten Schocker der Filmgeschichte - ein Alienbaby durchstößt sehr blutig eine menschliche Bauchdecke von innen und bleckt dann seine tödlichen, messerscharfen Milchzähne. Einer der Zeugen dieses Horrors in Ridley Scotts "Alien" ist der Schauspieler Harry Dean Stanton, und seine Reaktion ist so entschieden anders als die der Schauspieler um ihn herum, dass sie tiefen Einblick in seinen Charakter erlaubt.

Während die Weltraumreisenden um ihn herum nämlich zurückzucken, die Augen weiten und die Münder zum Schreckens-O verzerren, bleibt Stanton völlig ruhig, nahezu unbewegt. Er starrt das schreckliche Geschehen nur einfach unverwandt an, mit einem unendlich traurigen, fatalistischen Ausdruck im Gesicht. Was soll mich das überraschen, scheint er zu sagen, alles ist sowieso unausweichlich, und wenn ich das nächste Opfer dieses Biests werden soll, wird es so sein. Seine Lebenszeit in diesem Film ist dann tatsächlich nicht mehr sehr lang.

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Er war prädestiniert zur Rolle des Außenseiters und Gangsters und spielte auch in "Alien" und Wim Wenders' "Paris, Texas" mit. Nun ist der Schauspieler Harry Dean Stanton gestorben.

Ein tiefer, aber niemals zynischer Fatalismus war tatsächlich die Lebensmaxime des Harry Dean Stanton, dieses Schauspiel-Philosophen, der 1926 in Kentucky geboren wurde und am Ende seines Lebens auf ein reiches Werk mit vielen der Großen des Kinos zurückblicken konnte. Es waren, zuzugeben, in den allermeisten Fällen Nebenrollen, viele davon aber mit unvergesslichen Momenten. Und in den Augenblicken, wo er dann doch einmal zur Hauptfigur erhoben wurde, am eindrucksvollsten sicher in Wim Wenders' Amerika-Elegie "Paris, Texas" von 1984, trug seine stille Intensität mühelos den ganzen Film.

Das Bild am Anfang von "Paris, Texas" ist ikonisch für ihn geworden

Das Bild am Anfang von "Paris, Texas", wo er staubbedeckt und entkräftet durch eine weite texanische Wüstenlandschaft stolpert, ist ikonisch für ihn geworden. Eine rote speckige Basecap, ein weißes offenes Hemd, ein viel zu großer, absurd unpassender brauner Anzug mit Nadelstreifen, dazu eingefallene Wangen, ein Jesusbart und der Blick eines traumatisierten Habichts. Die Kleidung in seinen Filmen schlackerte überhaupt oft um ihn herum, als sei er eine menschliche Vogelscheuche, und auch das entspricht einer inneren Überzeugung: durchs Leben zu gehen wie ein ewiger Fahrensmann, ohne ein Gramm Fett oder Ballast oder oberflächliche Karriereträume.

Mit dieser Einstellung kam er dann auch fast überall hin. Als junger Schauspieler hat er Alfred Hitchcock noch erlebt, für einen kurzen Moment im "Falschen Mann" von 1956. In einigen der letzten Western war er dabei, auch bei Sergio Leone in Italien, er hat Leute wie Paul Newman und Jack Nicholson, einst ein Zimmergenosse, groß werden sehen. New Hollywood hatte immer wieder Aufgaben für ihn, Francis Ford Coppola, Martin Scorsese, Arthur Penn.

Aber auch Horrormeister wie John Carpenter konnten ihn brauchen, und David Lynch hat ihn immer wieder geholt, erstmals für "Wild At Heart" und dann bis zuletzt, zum Abschluss des großen "Twin Peaks"-Rätsellabyrinths. Auch die aktuelle Ära des Wagnis-Fernsehens brachte ihm noch einmal neue Fans, als er für HBO in "Big Love" spielte, einen selbsternannten Propheten und Polygamisten mit vierzehn Frauen.

Selbst die "New York Times" wusste nicht, ob jemand besonders um ihn trauert

Aber am besten war er natürlich immer dann, wenn seine starke Persönlichkeit und seine Rollen zur Deckung kamen, wenn er der ruhelose Drifter sein durfte, der in schäbigen Bars auch mal zur Gitarre greift und dann schön und traurig singt. Das tat er auch jenseits der Leinwand mit der Harry Dean Stanton Band, und solche Aufritte bewiesen dann immer auch die Kraft der Tradition.

Denn dieser Drifter mit dem Hang zum Blues ist natürlich ein Stereotyp, eines der wirkmächtigsten, die die endlosen Highways Amerikas hervorgebracht haben. Aber es kann, wenn man es so lebt wie dieser Mann, eben auch die Wahrheit sein, und dann wird diese Wahrheit manchmal so stark, dass sie auch Künstler wie Wim Wenders mitträgt, die auf dieser großen Reise eigentlich nur sehnsuchtsvolle Zaungäste sind.

Am Freitag ist Harry Dean Stanton in Los Angeles gestorben. Er wurde 91 Jahre alt, und es passt zu ihm, dass selbst die New York Times nicht wusste, ob es Frauen oder Kinder gibt, die in diesem Moment besonders um ihn trauern.

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