Weihnachtsgeschichte:Baumhaus im Schnee

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Weihnachten bei Truman Capote und Harper Lee, die sich nach langer Zeit wieder in Monroeville treffen und versuchen, an ihren Kindheitserinnerungen festzuhalten

Von Siggi Seuss

Die Geschichte ist einzigartig: Zwei der ganz großen amerikanischen Schriftsteller - Truman Capote und Nelle Harper Lee - teilen dieselben Kindheitserinnerungen. Und der amerikanische Autor G. (Greg) Neri lässt diese gemeinsame Zeit in zwei Romanen wieder auferstehen, in "Tru & Nelle" und nun in der Fortsetzung "Tru & Nelle - Eine Weihnachtsgeschichte". Truman und Nelle waren in den Ferien Nachbarn im Provinznest Monroeville, irgendwo im Süden Alabamas. Harper Lees Welterfolg "Wer die Nachtigall stört" erzählt von diesen Sommern während der Great Depression. Trotz des von Rassismus und großer Not geprägten Alltags gelang es dem neunjährigen Tru, der siebenjährigen Nelle und ihrem Freund Big Boy, ihr Refugium aus Abenteuer und Fantasie mit Leben zu füllen. Nicht zuletzt von ihrem "Hauptquartier" aus, dem Baumhaus im Geäst eines uralten Zedrachbaums.

Der zwölfjährige Truman tauchte kurz vor Weihnachten wieder bei seiner Kinderfreundin Nelle auf

Dieses Zentrum der Welt gibt es zwar noch 1935, als der junge Schnösel Truman kurz vor Weihnachten in den Ort zurückkehrt und sich im Gericht entscheidet, mit seiner Mutter und ihrem neuen Mann in New York zu leben. Doch 1937 taucht Truman erneut kurz vor Weihnachten in Monroeville auf. Diesmal scheint nichts mehr so zu sein, wie es einst war. Der Zwölfjährige floh aus einer Kadettenanstalt, in die ihn die Mutter steckte, damit aus ihm "ein richtiger Mann" wird. Und er muss als Erstes erleben, dass das Haus seiner Großcousinen, vor allem seiner geliebten Tante Sook, bis auf die Grundmauern niederbrennt und vom Zedrachbaum nur noch schwarze Stümpfe stehen.

Die Brandkatastrophe, Trumans Flucht und viele Ereignisse in Neris Roman (wiederum souverän übersetzt von Sylvia Bieker und Henriette Zeltner-Shane) beruhen auf Tatsachen (ein ausführliches Glossar im Anhang). Der Autor mischt sie so geschickt mit seiner fiktionalen Erzählung , dass das Milieu vor den Augen der Leser lebendig zu werden scheint: Not, Rassismus, Ungerechtigkeit, Angst und Mut, die Enge der Gedanken der Erwachsenen und die unendliche Weite kindlicher Fantasie. Zwar befinden sich Tru und Nelle an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Doch krampfhaft versuchen beide, diese einmalige und inspirierende Epoche ihrer Kindheit festzuhalten. Landschaften, Düfte, lieb gewonnene Rituale und vor allem Sooks köstliche Weihnachtsspezereien tragen dazu bei (Rezept für Sooks Pekanus - Früchtekuchen im Anhang. Genauso das erste Schneetreiben am Heiligabend in Monroeville seit Menschengedenken, das wahrscheinlich dem Einfall des Autors zu verdanken ist. Was in den Weihnachtstagen 1937 in einem Hin und Her an Unfrieden und Frieden, Tragödien und hoffnungsvollen Wendungen geschieht, entspringt in dieser dramaturgischen Dichte der Erzählkunst des Autors. Die nähert sich im Stil bisweilen einem Kolportageroman, findet allerdings wieder zurück zu einer Balance von Dichtung und Wahrheit, die den prägenden frühen Ereignissen im Leben von Truman Capote und Nelle Harper Lee gerecht wird. (ab 12 Jahre)

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