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Hari Kunzru:Weiß wie Knochen

Da gedeiht so einiges: Von der Wüste als Zentralmetapher der amerikanischen Geisteshaltung erzählt Hari Kunzrus fabelhaft vielschichtiger Roman "Götter ohne Menschen".

Die Leere beginnt wenige Autostunden von Los Angeles entfernt. In der Mojave-Wüste zwischen den Salzebenen des Death Valley und der amerikanisch-mexikanischen Grenze gibt es Straßen, die 40 Meilen und länger geradeaus verlaufen - nicht bis zur nächsten Stadt, sondern nur bis zur nächsten Kreuzung. Reiseführer empfehlen, Benzin und Wasser für mehrere Tage dabei zu haben. Handyempfang gibt es nicht, oft begegnet man stundenlang keinem anderen Lebenwesen, außer einsamen Joshua-Trees und staubigem Gestrüpp. Menschen scheinen in dieser Ecke der Welt nicht vorgesehen.

In Hari Kunzrus großem USA-Roman "Götter ohne Menschen", der schon 2011 im Original erschienen ist und nun endlich in deutscher Übersetzung vorliegt, wird eine eigenartige Felsformation in genau dieser kalifornische Wüste das Scharnier einer Vielzahl von Geschichten. Ein junges Paar, Lisa und Jaz, die Eltern des kleinen Raj, der auf unerklärliche Weise verschwinden wird, versuchen in einem heruntergekommenen Motel ihre durch die Geburt des autistischen Sohnes belastete Ehe zu retten. Ein abgewrackter, britischer Rockstar checkt im selben Motel ein. Warum er durch die Wüste fährt, weiß er selbst nicht so ganz genau. "Die Straße war kreideweiß, der Himmel airbrushblau, und er auf dem Weg zum leersten Fleck auf der Landkarte."

Jedes Kapitel hat eine eigene Theorie, mit der das Unerklärliche erklärt werden soll

Im 18. Jahrhundert versuchten hier christliche Missionare ihren Glauben zu verbreiten und 100 Jahre später fand eine brutale Hetzjagd auf einen vermeintlichen indianischen Kindesentführer statt. Mitte des 20. Jahrhunderts entstand am Fuß der Felsen eine Ufo-Sekte, die sich bis in die Siebziger zu einer Hippie-Kommune weiterentwickelte. Eine interessante Nähe, die der Roman hier suggeriert. Im Jahr 2008 muss Laila, ein irakischer Teenager, deren Vater ermordet wurde und die vor der Gewalt in ihrer Heimat geflohen ist, bei Rollenspielen der amerikanischen Armee so tun, als sei sie ausgerechnet eine junge Irakerin, deren Vater ermordet wurde. Und ständig verschwinden Kinder in dieser Gegend. Für die Ureinwohner begann hier das Land der Toten. Im englischen Original ist die Straße, die aus LA herausführt, "white as a bone" - weiß wie ein Knochen.

Gemeinsam ist all diesen Geschichten, von denen manche nur wenige Kapitel umfassen, andere über die ganze Länge des Romans erzählt werden, dass sie je eine ganz eigene Theorie vorstellen, mit der das Unerklärliche erklärt werden soll. Wie das Verschwinden und Wiederauftauchen der Kinder in dieser Gegend. Lisa denkt "dass im Herzen der Welt, hinter, jenseits, über und unter allem, ein Geheimnis liegt, das wir nicht durchdringen sollen". Versucht wird es trotzdem ständig, denn die Leere scheint für die Menschen unerträglich, sie provoziert geradezu mit irgendetwas gefüllt zu werden, und wenn es nur die absurdesten Verschwörungstheorien sind, wie sie sich der Hippie-Ufo-Kult zusammenspinnt oder die Nutzer sozialer Netzwerke, als die Suche nach dem kleinen Raj nicht so richtig vorankommen will. Oft lässt der Roman diese Tiraden seitenlang für sich sprechen. Er schwingt sich nicht zum Urteil auf, sondern zeigt. Die Geschichten sind Schnappschüsse aus Jahrhunderten amerikanischer Kultur, arrangiert nach einer Gemeinsamkeit: Der Leere, die meist mit etwas Transzendentem gefüllt wird. Das nimmt aber immer eine andere Form an und muss gar nicht unbedingt religiös oder verschwörungstheoretisch sein.

Auch das groteske Rollenspiel in der Wüste, zu dem sich die junge Laila verpflichtet hat, ist, wenn man so möchte, die Simulation einer Welt als Vorbereitung auf die Unberechenbarkeit einer anderen Wüste am anderen Ende der Erde. Der verzweifelte und zugleich rührende Versuch, der Ungewissheit mit den schier endlosen Mitteln des amerikanischen Militärapparats zu begegnen. Mancher denkt, die (vermeintliche) Leere müsse erobert werden. "Unter die Demonstranten hatten sich Aufständische gemischt, deren Ziel es war, Unruhe zu stiften. Im Gegensatz zu den normalen Dorfbewohnern wurden sie von amerikanischen Soldaten gespielt, die sich willkürlich Gewänder, Kandoras und Bandanas umgewickelt hatten und aussahen wie auf der Toga-Party einer Studentenverbindung. Als der Aufstand in Fahrt geriet, zündete einer von ihnen wie geplant eine Sprengfalle und tötete damit einen Haufen Leute. Die Streitkräfte reagierten, indem sie noch ein paar mehr töteten. Der Major brach sein Treffen ab und kämpfte sich zurück zur Basis. Danach gab es für alle Kaffee und Kuchen."

Die Klasse dieses Romans zeigt sich nicht nur darin, wie er in der erzählerischen Eindeutigkeit solcher Passagen die immer mit etwas zu viel Sicherheit angenommene Grenze zwischen Spiel und Wirklichkeit demonstrativ ignoriert. Er zeigt, wie Religion und Aberglaube, genauso wie wissenschaftliche und militärische Modelle und besonders auch die Menschen Gegenstand eines unbändigen Drangs zur Sinnstiftung werden, wenn den im Irak geborenen Amerikanerinnen irakische Biografien angedichtet werden müssen und die Amerikaner sich wie die Karikaturen Aufständischer verkleiden, die sie in ihren Augen sind.

"Gute Schriftsteller überschreiten, ohne zu überschreiten."

Identität ist nicht das zentrale Thema des Romans, aber der in Großbritannien als Sohn eines Inders und einer Britin aufgewachsene, in New York lebende Hari Kunzru verhandelt sie selbstverständlich mit, nicht nur als Frage der Herkunft, der Nationalität oder der Religion, sondern als transzendentes Konstrukt, als etwas, woran man glaubt oder es genauso gut lassen kann. Im Guardian schrieb Kunzru einmal über kulturelle Aneignung: "Gute Schriftsteller überschreiten, ohne zu überschreiten, teilweise, weil sie demütig gegenüber dem sind, was sie nicht wissen. Sie behandeln ihre eigene Welterfahrung als provisorisch." Der Roman zeigt auch, wie es aussehen kann, über Dinge zu schreiben, die außerhalb der Erfahrung des Autors liegen. Geschrieben werden kann natürlich alles von jedem - es sollte nur einfühlsam und bitte durchdacht sein. Falsch wäre es, so zu schreiben, wie die amerikanische Armee ihre Rollenspielchen in der Wüste betreibt.

Denn das ist der andere Effekt der Leere, wie er in der Form des Romans zum Tragen kommt: Die Leerstellen, und "Götter ohne Menschen" ist voll von solchen Lücken, sind kein Problem, sie sind zentral. Was ist mit den verschwundenen Kindern passiert? Wurden sie überhaupt entführt? Oder ganz profan: Kommt Laila mit dem Soldaten zusammen, den sie gut findet? Diese Fragen könnten beantwortet werden, müssen sie aber nicht. Sie können, wie das Land um die Felsformation in der Mojave-Wüste, immer wieder neu bearbeitet werden. Die Geisteshaltung der USA scheint in dem Roman die einer Wüste zu sein, in der allerlei Unsinn gedeiht, und in der sich unschön die militärischen Verwicklungen des Landes spiegeln, die aber genauso für den Frontier-Mythos steht und die Selbstverwirklichung, die das Land im besten Fall geflüchteten irakischen Teenagern bietet. Die Wüste als Universalmetapher für alles Amerikanische, im Guten wie im Schlechten.

Lisa denkt gegen Ende des Romans, dass man dieses Geheimnis der Welt, das man ihrer Ansicht nach nicht ganz durchdringen sollte, Gott nennen könnte. Der Roman ist voller Götter, wenn man so will: Propheten, Rockstars, Menschen und Familien füreinander, der Glaube an die Idee eines neuen Lebens auf einem anderen Kontinent. Götter sind hier etwas, das keiner weiteren Erklärung bedarf, ein Wert für sich. Der Titel ist aus einem dem Roman vorangestellten Zitat Balzacs, in dem es heißt, in der Wüste gebe es alles und nichts. Für Menschen ist dieser Ort nicht gedacht. Was bleibt da, als zum Gott zu werden?

Hari Kunzru: Götter ohne Menschen. Roman. Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner. Liebeskind, München 2020. 416 S., 24 Euro.

© SZ vom 10.03.2020
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