Harald Schmidt in "Hamlet"-Musical Bimmel und Bommel in Helsingör

Wenn Grüter mit wehem Timbre und welken Gesten die Beatles-Ballade "Girl" ins Mikro haucht und König Claudius, bei Martin Leutgeb ganz der joviale Faschings-König, mit dem Rolling-Stones-Heuler "Sympathy for the Devil" elefantös einfällt, ist die Feindschaft zwischen beiden auch musikalisch untermauert. Hamlet wartet dann mit Peter Maffays Zeile "Manchmal bin ich ohne Rast und Ruh'" darauf, dass der Geist seines ermordeten Vaters erscheint. Trockeneisnebel dampft, die Orgel schollert, und ein Fallreep senkt sich, als wäre ein Raumschiff gelandet. Dem Nebel entsteigt Harald Schmidt als Catweazle in Silber und Weiß, mit langem Zottelbart und den ersten Takten von Michael Holms "Tränen lügen nicht" auf den zitternden Lippen - schon schleudert einen der DJ in Ophelias Kemenate.

Harald Schmidt bei seinem "Hamlet"-Musical am Stuttgarter Staatsschauspiel.

(Foto: Foto: AP)

Konfettiregen, Klatschmarsch

Schmidt, nun als Polonius mit grauem Pagenkopf, verabschiedet sich von seinem Sohn Laertes (Sebastian Schwab) und mahnt ihn mit einem, im Sound der Schlegel'schen Shakespeare-Übersetzung gereimten "500 Milliarden? Nur einer nahm das Geld nicht an, unser Josef Ackermann" zur Sparsamkeit. Sodann räkelt er sich, viel Bein zeigend, als Nylon-Luder auf Ophelias Pfühl, die sich so viel Vaterliebe mit Madonnas "Papa Don't Preach" verbittet.

Claudius und Gertrud (Marietta Meguid) veredeln ihre schändliche Liebe mit einem Duett aus Mozarts "Zauberflöte", dann turnen Rosenkranz und Güldenstern als akrobatische Zwillingspagen mit "Volare" zur Tür herein. Aber erst, wenn Gertrud Harald Schmidts Darbietung mit den Worten "Mehr Kunst, wen'ger Inhalt" zusammenfasst, dieser sich daraufhin mit einem kurzen kulturkritischen Reich-Ranicki-Grummeln zur Ordnung ruft, kommt der Abend aus dem sturen Schema heraus, für alle und alles einen passenden Pop-Song aus dem Generator zu würfeln. Und erreicht pünktlich vor der berühmten 1. Szene im 3. Akt einen Höhepunkt. Schmidt heizt schon mal den Saal an mit einer Udo-Jürgens-Nummer, um die Umkleidepause für den doppelt besetzten Thomas Eisen zu überbrücken, dann singt Hamlet seinen "Sein-oder-Nichtsein"-Monolog mit wunderbar ironischer Innigkeit. Ein Feuerregen geht nieder, der ganze Hofstaat tanzt im Hintergrund.

Schwelgen in pappsüßer Klangsoße

"Touristenkompatibles Ranschmeißertheater", sagt Schmidt in vorauseilender Selbstanzeige und coacht den Prinzen: "Dies ist Shakespeare und nicht Ibsen, drum spiel ihn einfach wie Mel Gibson". Für "Die Mausefalle", das Stück im Stück, mit dem Hamlet seinen Onkel als Mörder entlarven will, lässt er Bimmel und Bommel, die beiden notgeilen Fingerpuppen aus seiner dunklen Vergangenheit beim Unterschichtenfernsehen, wieder aufleben. Er erklärt das Stück märchenonkelig, während Thomas Eisen den längsten Bühnentod in der Theatergeschichte spielt.

Doch so wie hier hebt der Abend nur selten ab, schnell gibt sich Regisseur Christian Brey wieder mit programmatischem Kuschelrock zufrieden. Claudius schwankt zwischen Reue und Mordlust, Freddie Mercury ("I'm the Great Pretender") und Michael Jackson ("I'm Bad"), seine Gertrud fühlt sich von Janis Joplin verstanden, und Harald Schmidt verabschiedet sich als Frankie-Boy mit "My Way" von der Bühne. Ophelia taumelt mit Rammstein in den Wahnsinn, und nach einem kurzen musikalischen Operetten-Abstecher zum Weißen Rössl entdeckt Hamlet am gläsernen Schneewittchensarg der Geliebten den Robbie Williams in sich. Nun müssen die Waffen sprechen, die Degen schwirren durch die Luft mit dem Dolby-Brummen der Laser-Schwerter aus "Star Wars". "Du warst meine Black Beauty", sagt Horatio an Hamlets Leiche.

Großes Finale mit leuchtender Showtreppe, Konfettiregen und Klatschmarsch. Das Ensemble schwingt geübt die Beine und singt Katja Ebsteins "Wunder gibt es immer wieder". Der Rest ist Schwelgen. Und die Hoffnung, dass der Abend noch wächst und mehr Schärfe in die pappsüße Klangsoße kommt.