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Ausstellung zu DDR-Fotografie:Der Chronist der späten DDR

Harald Hauswald DDR Fotografie

Konzert von Big Country, Radrennbahn, Weißensee, Berlin, 1988

(Foto: © Harald Hauswald/OSTKREUZ)

Die Bilder von Harald Hauswald, verraten den warmen Blick eines großen Fotografen - aber auch die fast heiter anmutende Paranoia der Staatssicherheit.

Von Gustav Seibt

Eine Fotoausstellung mit einer Art Dunkelkammer zu beginnen, mag ein naheliegender Einfall sein. Doch in dem lichtgedämpften Raum am Beginn der Werkschau, die das Ausstellungshaus C/O Berlin jetzt dem ostdeutschen Fotografen Harald Hauswald gewidmet hat, sieht man nicht Kontaktbögen und Fixierbäder, sondern Fotokopien. Auszüge aus Hauswalds Stasi-Akten kleben an den Wänden. Minutenprotokolle der Überwacher, geheime Schnappschüsse aus dem Hinterhalt, sogar ein Grundriss einer seiner Wohnungen zeigen den geheimdienstlichen Nouveau Roman, den die späte DDR so vielen widmete, die sie als Gegner im Verdacht hatte. "8.40 verließ 'Radfahrer' das Objekt mit dem Kind und begab sich über die Kastanienallee zur Eberswalder Str. / 8.47 betrat er die Eberswalder Str. 10 mit dem Kind und kam kurze Zeit später ohne das Kind heraus. Auf dem Rückweg betrat er in der Eberswalder Str. einen Bäckereiladen und eine Fleischerei und begab sich über die Kastanienallee zum Objekt zurück."

Die DDR leistete sich Staatskünstler - und einen hochkreativen Untergrund

Tausend Seiten Berichte vermeldet das Katalogbuch. Von 1977 bis 1989 stand der 1954 geborene Hauswald unter Observation, mit ein paar Lücken, nachdem er aus Sachsen an den Prenzlauer Berg gezogen war. Dort konnte er vorübergehend vom Radar verschwinden. Der Grundriss seiner Wohnung in der Choriner Straße verzeichnet Regale, Sitzgelegenheiten und "Video", muss aber im nächsten Raum kapitulieren: "Arbeitszimmer (Chaos)".

Warum die Mühe?

Hauswald hatte bei seinem Vater Fotografie erlernt, begann den Beruf allerdings erst Ende der Siebzigerjahre auszuüben. Er lebte meist von Gelegenheitsjobs, darunter für eine kirchliche Pflegeeinrichtung, was ihm Gelegenheit zu einigen seiner ergreifendsten Fotoserien gab. Er gehörte also zu der inzwischen legendären Bohème des Prenzlauer Bergs, die in dem endlosen Riff vor sich hin bröckelnder Altbauten hauste, unbegrenzt Zeit für Kunst und Debatten, für verqualmte Treffen und gelegentliche Widerstandsaktionen mit Kerzen und Flugblättern hatte.

All das unter den Augen des Geheimdienstes, der es nach der fürs Ansehen der DDR verheerenden Ausbürgerung von Wolf Biermann im Jahr 1976 vorzog, die im Kern vollkommen harmlose Szene nicht zu zerschlagen, sondern unter Beobachtung zu halten, mit Schikanen einzuschüchtern oder mit Vergünstigungen zu locken. Das war weniger lustig, als es die belanglosen Berichte erscheinen lassen. Aber von heute aus muss man doch sagen: Die DDR leistete sich nicht nur Staatskünstler, sondern auch diesen hochkreativen Untergrund.

Im Fall der Literatur ist das ironieträchtige Wechselspiel von Lyrik und Geheimdienst, von Roman und Denunziation ausführlich debattiert worden. Die Hauswald-Schau erlaubt jetzt einen analogen Einblick für die Fotokunst, auch wenn die Ausstellung darin nicht aufgeht - dafür ist Harald Hauswald ein zu großer eigenständiger Meister.

1987, zum 750. Berliner Stadtjubiläum, gelang es ihm zusammen mit dem Lyriker Lutz Rathenow, im Münchner Piper-Verlag einen Bild-Text-Band herauszubringen, der "Ostberlin - Die andere Seite einer Stadt" hieß. Er regte das Regime enorm auf. Schon weil er überhaupt zustande gekommen war, an den offiziellen Genehmigungskanälen vorbei. Die Protokollanten von 8.47 Uhr hatten es nicht gerafft. Vor allem aber, weil Bilder und Texte ein depressives Bild der Hauptstadt der DDR zu vermitteln schienen, das dem offiziösen Optimismus in der teils massiv aufgehübschten Geburtstagsstadt widersprach. So kam es, dass sich sogar Minister wie Erich Mielke (Staatssicherheit) und Kurt Hager (Kultur) mit Hauswald und Rathenow beschäftigten. Man entschied sich am Ende gegen Verhaftung und Abschiebung, dafür wäre das Aufsehen im Westen - die DDR hing längst am Kredittropf der BRD - zu groß gewesen. Immerhin nahm man dem alleinerziehenden Hauswald für ein paar Monate sein Kind weg.

In diesem Zusammenhang entstanden nun Gutachten zum "Ostberlin"-Band (der seither mehrfach wieder aufgelegt wurde), die den Zensurvorgang nachholten. Auch sie kann man in der C/O-Dunkelkammer jetzt nachlesen. Der paranoide Blick gebiert Einsichten. "Das Titelfoto: Nichts gegen ein technisch interessantes Detail wie der Dom in der Spiegelung der Palastfenster. Aber als Titel - da dominiert die Vordergründige (sic) Aussage: Ostberlin hinter Gittern!" Dabei hatte Hauswald nur fotografiert, wie sich der Berliner Dom und ein paar Fahnen in den gegliederten Glasfronten des Palasts der Republik spiegelten. "Trübe Pfützen im Vordergrund" werden moniert, ein Fahrrad vor dem Reiterstandbild Friedrichs des Großen unter den Linden: "Ein Gag? Könnte sein, wenn nicht der Text und viele andere Fotos darauf angelegt wären, Primitivität vordergründig zu machen." Auch die abgebildeten Menschen missfielen: Skinheads! "Er fand sie so schön, dass sie gleich im halben Dutzend großformatig abgebildet wurden."

Wenn man so gebrieft die eigentliche Ausstellung mit ihren 250 Stücken betritt, darunter viele aus dem Band von 1987, wird man von Aufsässigkeit kaum etwas verspüren. Hauswalds Fotos sind nachdenklich, beobachtend, voller Menschenliebe, von eher sanfter Ironie, die meist nur entsteht, weil er die offiziellen Wandsprüche und Weisheiten in ihrer alltäglichen Umgebung zeigt. "Das Beste, was wir von der Geschichte haben, ist der Enthusiasmus, den sie erregt. Goethe" steht über einer Szenerie Kaffee trinkender und tanzender Rentner. Ein mäßig futuristisches Weltraumkarusell darf man "nur bei Stillstand" betreten. Wie alle die großen Fotokünstler, die die letzten Jahre der DDR vornehmlich in Schwarz-Weiß begleitet haben - voran Roger Melis, der vor einem Jahr seine Werkschau in Berlin-Schöneweide erhielt -, nutzt Hauswald die tausend Stufen Grau des Altbauverfalls für schönste Grisaillen.

Hauswald wurde auch Begleiter der vom Staat misstrauisch beäugten Jugendkultur

Er zeigt einen öffentlichen Raum fast ohne Öffentlichkeit. Da er gern am Werktag unterwegs ist, sind die oft leeren Straßen vor allem von Kindern, Alten und jungen Müttern bevölkert. Die Alten sind noch alt wie früher, düster-still gebeugt und verhutzelt, nicht so bunt und fit wie heute. Für die Kinder ist die teils bröckelnde, teils frisch aus dem Boden gestampfte Stadt ein Abenteuerspielplatz.

Öffentlichkeit ist hier offiziell, in den Parolen und im gelangweilten Herumgestehe der Aufmärsche mit Fahnen und Schrifttafeln. Licht, Grau, Schwarz, spiegelnde oder raue Flächen sind die Helden neben den immer aufmerksam liebevoll gezeigten Menschen. Am Wochenende, wenn sich die städtische Gesellschaft im Hinterhof trifft, sieht sie übrigens nicht wesentlich anders aus als gleichzeitig in Westdeutschland: lässig individualisiert.

Die berühmte Egalität der DDR, ihre unbürgerliche Informalität, ja Wärme, die nach 1989 die ersten Besucher aus dem Westen so bezauberte, geht bei Hauswald einher mit der Freude am Individuellen und Besonderen, einer Liebe zum Einzelnen, die ihren Höhepunkt bei den Bildern von eingeschränkten Menschen in der Stephanus-Stiftung findet. Man sieht eine unzackige, vom Regime unbeeindruckte Gesellschaft, in der Gleichheit auch die Möglichkeit zum Besonderen, Nicht-Gestylten bedeutete. Das galt natürlich vor allem für die vom Staat misstrauisch beäugte Jugendkultur, deren Begleiter Hauswald wurde. Leider wurde diese skeptisch ironische Urbanität auch in Berlin bald vom Bild des Jammerossis und Wutbürgers verdrängt.

Den Moment des Übergangs zum Westen 1990, als die Uhren auf Touren kamen, wie Durs Grünbein damals dichtete, hat Hauswald auch festgehalten. Die Bilder werden voll, die Konturen verwischen, Nacht, Kerzen, Gewimmel von Demonstrationen, rennende Menschen, dicht gedrängte Konzertbesucher übernehmen die zuvor oft so leeren Bildräume. Der veränderte Tonus ist fast körperlich zu spüren. Das viele Warten und Herumsitzen ist zu Ende, der Stress der Neunzigerjahre beginnt, samt ihren Partys. Längst hatte Hauswald mit Farbfotografie begonnen, die in dieser Ausstellung fehlt.

Mehr als 230 000 Einzelaufnahmen hat Hauswald zwischen 1976 und 2016 belichtet. Sie werden jetzt von der Agentur Ostkreuz und der Bundesstiftung Aufarbeitung erschlossen und digitalisiert. Hier findet sich ein gewichtiger Teil der großen Comédie humaine des Übergangs, die die Kunst Ostdeutschlands hinterlassen hat. Möge sie bleiben.

© SZ vom 02.10.2020/khil
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