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Rezension von Harald Haarmanns Buch "Die seltsamsten Sprachen der Welt":Ist ein Flugzeug nicht ganz wie ein Bambusrohr?

Entgegen dem Klischee haben die Inuit nicht 200 Wörter für Schnee. Seine ganze Fülle offenbart ihr Wortschatz eher, wenn es um Wörter für das Eis geht, auf dem sie Robben jagen.

(Foto: mauritius images / Alaska Stock)

Der Linguist Harald Haarmann hat ein höchst lesenswertes Buch darüber geschrieben, wie andere Sprachen funktionieren.

Von Burkhard Müller

Das große Verdienst dieses Buchs liegt darin, dass es ein Gefühl dafür weckt, wie Sprachen auch funktionieren können. Die hierzulande üblicherweise erworbenen Fremdsprachen - Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Russisch, Latein - weisen alle die erhebliche Familienähnlichkeit der indoeuropäischen Idiome auf, und so verengt sich notwendig unser Blick auf die Möglichkeiten von Sprache überhaupt.

Der vergleichsweise schmale Band hat nicht den Raum und erwartet auch vom Leser nicht, sich komplett in fremde Sprachsysteme einzuarbeiten. Harald Haarmann konzentriert sich vielmehr auf einzelne Phänomene, die vom uns Bekannten weit entfernt sind. Und hier wächst der Kuriosität, der markanten Abweichung von dem, was wir gewohnt sind, augenöffnende Kraft zu.

Diese Abweichungen betreffen alle Aspekte, die eine Sprache ausmachen, Phonetik, Morphologie, Satzbau, Schrift, Register. Haarmanns Verfahrensweise muss man als anekdotisch bezeichnen, aber das ist kein Schaden, im Gegenteil: ist doch die Anekdote dem Gedächtnis verschwistert, und man merkt sich in der Zuspitzung, was man sonst gleich wieder vergessen hätte.

Die Inuit (früher Eskimos genannt) hätten 200 Wörter für Schnee? Unfug! Die Inuit interessieren sich überhaupt nicht für Schnee, der nämlich auf dem für sie unergiebigen Land liegt; desto mehr jedoch für das Eis auf dem Wasser, wo sie ihre Robben jagen. Da hat ihr Wortschatz seine ganze Fülle.

Kamadoh, der im Frühjahr gefallene Schnee, der leicht bricht

Der Schnee ist eher wichtig für die Saami (früher Lappen genannt), die mit ihren Rentierherden durch das Festland des hohen Nordens ziehen. 22 Varianten werden aufgezählt, etwa "seeli - Schnee, der vollkommen weich ist", "kamadoh - im Frühjahr gefallener Schnee, der leicht bricht", "ceeyvi - vom Wind hartgepeitschter Schnee, der so hart ist, dass Rentiere die Decke nicht mit ihren Hufen durchbrechen können, um Futter zu finden".

Das Deutsche braucht hier jeweils einen ganzen Lexikonartikel, um das Gemeinte wiederzugeben, während ein Same einfach früh aus der Zeltöffnung oder dem Fenster schaut und sagt: Oje, heute sieht's mal wieder ganz nach ceeyvi aus. Ähnliches wie von Schnee und Rentieren in Lappland gilt von den Realien der Kamelzucht in Somalia. Besonders schön auch der Golqaniinyo, ein "Gerät, womit das Kamel in die Flanke gezwickt wird, um es zum Melken stillzuhalten".

Wortschätze sind das für Nacherzählungen ergiebigste Terrain. Die anderen Sprachaspekte verlangen Autor und Leser mehr ab. Wie hat man sich die vielen Klicklaute der afrikanischen San akustisch vorzustellen, wie die 80 Konsonanten des Ubychischen? Dass es hier, im Ubychischen, vier verschiedene Ps gibt, nämlich ein einfach aspiriertes, ein verengt/pharyngalisiert aspiriertes, den einfachen Kehllaut und den verengten Kehllaut, nimmt man besser schweigend zur Kenntnis, denn wenn man spräche, brächte man am Ende die Vokabeln für "bitten, flehen" und "Schwein" durcheinander, mit wer weiß was für Folgen.

Harald Haarmann: Die seltsamsten Sprachen der Welt. Von Klicklauten und hundert Arten, "ich" zu sagen. C.H. Beck, München 2021. 206 Seiten, 18 Euro.

(Foto: C.H. Beck Verlag)

In Thai muss jedes Substantiv notwendig einer inhaltlich bestimmten Klasse zugeordnet werden, wovon es Dutzende gibt, in den Wörtern jeweils mit einer Bestimmungssilbe präsent. Solche Klassen sind etwa "hohles sphärisches Objekt - bai", wozu zum Beispiel der Kürbis zählt, oder "dünnes, flaches Objekt - _phèn", etwa ein Blatt. Taucht ein technischer Neuzugang auf, sagen wir ein Flugzeug, muss er irgendwo in diesem System untergebracht werden, und landet bei "lam", einer Kategorie, die er sich mit dem Bambusrohr teilt: hohles zylindrisches Objekt.

Wer das putzig findet, sei daran erinnert, dass im Deutschen jedes neue Fremdwort mit absoluter Notwendigkeit ein grammatisches Geschlecht erhalten muss, sodass wir nebeneinander haben: das Sofa, der Diwan, die Couch - für praktisch dasselbe Möbelstück. Neben solcher Willkür scheint das fliegende Bambusrohr geradezu ein Geniestreich.

In lange Studien versenken kann einen die Tabelle "Das System der Demonstrativpronomen im Sirenik-Eskimo" (das hier doch einmal wieder "Eskimo" heißt). Das Deutsche hat es ja noch nicht mal geschafft, das an sich sehr brauchbare zweipolige System von "dieser" und "jener" am Leben zu erhalten. Hier erblicken wir eine Matrix mit 28 Positionen. Wer braucht so was? Na, zum Beispiel ein Jäger, der einem anderen in aller gebotenen Kürze mitteilen will, dass sich die erhoffte Beute in mittlerer Entfernung befindet, aber sichtbar ist, wenngleich sie sich gerade vom Sprecher wegbewegt.

Man kann es eben doch auch ganz anders machen als wir

Wir kennen die vier Kasus Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ. Aber das Baskische weiß darüber hinaus von einem Delimitativ, Motivativ und Allativ, das Ungarische von einem Illativ, Elativ, Delativ und Essiv, letzterer nochmals unterteilt in einen formalen und einen modalen. Nachdem Haarmann die rund zwei Dutzend Kasus des Ungarischen (wie viel genau, scheint keiner zu wissen) jeweils mit Beispiel aufgelistet hat, fragt er scheinbar harmlos "Schwirrt Ihnen der Kopf?" und meint: Das brauchen Sie sich nicht zu merken. Sie sollten bloß zur Kenntnis nehmen, dass man es auch ganz anders machen kann als wir.

Wenn das Buch weitere Auflagen erleben sollte, wünscht man ihm, dass es mindestens doppelt so dick wird - und dass es ein Kapitel über Mark Twain gibt, der das Deutsche zu erlernen versuchte und es schließlich kopfschüttelnd aufgab: was für eine unmögliche Sprache!

Der letzte Mensch, der noch das Sirenikische mit seinen 28 Demonstrativpronomen sprach, war übrigens eine Frau mit Namen Vyjve. Sie starb 1997. Die anderen Mitglieder ihrer Gemeinschaft hatten sich ans Russische assimiliert. Soll man es bedauern? Es ging auf jeden Fall etwas verloren, nämlich ein komplettes Sprach- und das heißt auch Weltsystem. Die verbliebenen Mitglieder der Gemeinschaft haben allerdings auch etwas gewonnen: den Anschluss an eine größere Welt, in der arktische Jäger keinen Platz mehr finden, aber dafür Chancen anderer Art.

Der Turmbau von Babel, den die Bibel als Frevel darstellt, der mit der Verwirrung der Sprachen sowohl geahndet als auch gesühnt wird, ist immer ambivalent beurteilt worden. Pieter Bruegel hat ihn gemalt, als ein ebenso geordnetes wie chaotisches Zugleich von Baustelle und Ruine. So und nicht anders steht es mit der Sprachlichkeit der Menschen.

© SZ/crab
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