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Henze-Uraufführung:Die Entdeckung

Hans Werner Henze

Hans Werner Henze machte sehr schnell Karriere, als Komponist, aber auch als Dirigent, hier 1969.

(Foto: Erich Auerbach/Getty Images)

Mit 17 Jahren komponierte Hans Werner Henze am Ende des Zweiten Weltkriegs eine poetische Konzertmusik. Jetzt wurde sie uraufgeführt.

Von Egbert Tholl

Dann sagt Peter Tilling: "Jetzt kommt der Hammer", und der Dirigent hat recht. Obwohl die Musik nur aus Tillings Laptop tönt, nimmt sie sofort gefangen. Gerade dieser zweite Satz, der ungeheuer schön ist. Eine Melodie schwebt unbestimmbar frei, mit größter Elastizität weit auseinandergezogen, die Trompete spielt mit Dämpfer, ein wenig assistieren die Streicher, die Posaune gesellt sich dazu. Sanft und bezwingend exakt verschieben sich die Klangfarben, die Sologeige beginnt, den Klangraum zu erkunden, verfällt in ein Grübeln, der Satz wird dichter, die Flöte befreit sich daraus, solo, unendlich poetisch. Man denkt ein bisschen an Charles Ives, an Gustav Mahler oder Alban Berg, was alles stimmt und auch wieder nicht, denn diese Musik hört man zum ersten Mal. Weil sie zum ersten Mal gespielt wurde.

Hans Werner Henze war 17 Jahre alt, als er sein Opus 1 schrieb, die "Konzertmusik für Violine und kleines Kammerorchester", bestehend aus fünf Streichern, Flöte, Oboe, Trompete, Posaune. 2017 übergab Kurt Stiers Witwe das in bemerkenswert sauberer Handschrift verfasste Manuskript der Henze-Stiftung. Bei den Salzburger Osterfestspielen 2020 wollte es deren Leiter Peter Ruzicka zur Uraufführung bringen, dann kam Corona. Daraufhin wurde Peter Tilling, seit Langem mit Henzes Werk vertraut, mit der Uraufführung beauftragt.

Die "Konzertmusik" besteht aus drei Sätzen. Der erste ist flott, hat ein bisschen Zwanzigerjahre-Aroma, ist aber im Kern genau die Musik, die Anfang der Vierzigerjahre in Deutschland hätte entstehen können, wäre sie nicht verboten gewesen, perfekt schwankend zwischen Zugänglichkeit und Schrägem. Der zweite ist die oben beschriebene Poesie, fünf Minuten im Tempo, frei notierte Musik auf fünf Notenblättern, der dritte erinnert an die brüchige und dabei lyrische Virtuosität Dmitri Schostakowitschs.

Anfang der Fünfziger floh er vor der Engstirnigkeit nach Italien

Henze schrieb die Konzertmusik im Winter 1943/44, damals war er Student der Staatsmusikschule Braunschweig, für seinen Kommilitonen Kurt Stier, der später Konzertmeister an der Bayerischen Staatsoper wurde. Man probte über Weihnachten im Waschraum der Schule, doch sein Werk hat Henze nie gehört: Die Kommilitonen wurden zum Kriegsdienst eingezogen, er selbst kam am 8. Januar zum Reichsarbeitsdienst nach Ostpreußen. Nach dem Krieg machte Henze enorm schnell Karriere, 1947 wurde seine erste Symphonie uraufgeführt, doch Anfang der Fünfzigerjahre floh er vor der ideologischen Engstirnigkeit eines nun einsetzenden radikalen Fortschrittsglaubens in der zeitgenössischen Musik nach Italien und blieb dort. Die Konzertmusik hatte er im Kopf immer dabei, auch in seiner Autobiografie erwähnt er sie.

Die Uraufführung hätte nun im Dezember in der Elbphilharmonie stattfinden sollen. Doch noch immer herrschte die Pandemie, weshalb es nun zu einer Premiere im Radio kommt: An diesem Donnerstag sendet BR-Klassik um 22 Uhr die Uraufführung des Opus 1, aufgenommen im Dezember im Studio des Bayerischen Rundfunks durch Tilling, dem Ensemble Risonanze Erranti und der Geigerin Michaela Girardi. Wer sich fragt, weshalb es einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk braucht: genau deshalb (hier ist ein kurzer Ausschnitt zu hören).

Henze wollte immer Musik schreiben, die jeder verstehen, mitempfinden kann, knüpfte bei dem Komponieren an, das den Nazis zum Opfer fiel, musste nicht auf Teufel komm raus unabdingbar neu klingen. Das hört man bereits in seinem ersten quasi offiziellen Werk. Ähnliches treibt auch Tilling um, als Dirigent, Cellist und Pianist. Einerseits dirigiert er an Häusern in Zürich, Stuttgart oder Wien das Kernrepertoire der Oper, war stellvertretender Generalmusikdirektor in Nürnberg und sprang 2011 für Thomas Hengelbrock beim "Tannhäuser" in Bayreuth ein. Andererseits gründete er 2010 das Ensemble Risonanze Erranti, welches sich vor allem Uraufführungen widmet, dirigierte bei der Reihe Musica Viva des BR oder bei der Münchner Musiktheaterbiennale, erfand im Corona-September ein Festival für Neue Musik in Kirchen in der Pfalz. Er liebt an Musik deren expressive Kraft. Ohne Ideologie. Wie Hans Werner Henze.

© SZ/rjb
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