Hans-Thies Lehmann gestorben:Nach der Mimesis

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Hans-Thies Lehmann gestorben: Sah Theater weniger als Text, mehr als Praxis: Hans-Thies Lehmann, geboren 1944, lehrte bis zu seiner Emeritierung 2010 in Frankfurt am Main.

Sah Theater weniger als Text, mehr als Praxis: Hans-Thies Lehmann, geboren 1944, lehrte bis zu seiner Emeritierung 2010 in Frankfurt am Main.

(Foto: privat/ADK Berlin)

Er hat das Theater, wie es heute ist, geprägt: Hans-Thies Lehmann, Theoretiker des "Postdramatischen Theaters", ist tot.

Von Peter Laudenbach

Dass ausgerechnet ein Theaterwissenschaftler prägend für eine ganze Stilrichtung des Theaters und eine Generation von Theatermachern wird, ist eine rare Ausnahme. Hans-Thies Lehmann war diese Ausnahme.

Gemeinsam mit seiner früh verstorbenen ersten Frau Genia Schulz prägte er in den 1980er-Jahren die westdeutsche Rezeption des damals als skandalös geltenden Werkes von Heiner Müller. Mit seinem Buch "Postdramatisches Theater", gleichzeitig eine Bestandsaufnahme neuer Theaterformen und begriffsscharfe ästhetische Theorie, legte Lehmann 1999 eine Art Manifest vor. Es entwickelte fortan enormen Einfluss auf die Debatte und das Selbstverständnis junger Theatermacher, die sich von Drama und Theater als mimetischer Abbildung der Wirklichkeit und Spielern im Dienst ihrer fiktiven Rollen verabschiedet hatten.

Rimini Protokoll und She She Pop gründeten sich während ihres Studiums bei Lehmann

Als Professor des von ihm mitgegründeten Instituts für angewandte Theaterwissenschaft in Gießen beeinflusste Lehmann so unterschiedliche Theaterkünstler wie den Pop-Regisseur René Pollesch oder Hans-Werner Kroesinger, gemeinsam mit seiner Dramaturgin Regine Dura ein kluger Erneuerer des politischen Dokumentartheaters. Zwei der wichtigsten Konzept- und Performance-Gruppen der vergangenen Jahrzehnte, Rimini Protokoll und She She Pop, gründeten sich in Gießen während ihres Studiums bei Lehmann.

Mit seinem letzten großen Buch, "Tragödie und Dramatisches Theater", knüpfte der Theaterwissenschaftler an das Thema seiner Habilitation an, "Theater und Mythos", mit der er einen ziemlich radikalen, stark vom französischen Poststrukturalismus geprägten Blick auf die antike Tragödie eröffnet hatte.

Die Verbindung seiner Schüler zu ihrem Lehrer blieb eng. In der Nacht nach dem Bekanntwerden des Todes Lehmanns verschickte Daniel Wetzel von Rimini Protokoll den Videomitschnitt eines Vortrags dieses großen Lehrers. Am 16. Juli ist Hans-Thies Lehmann nach langer schwerer Krankheit im Alter von 77 Jahren in Athen gestorben.

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