Nachruf auf Hans StimmannKlarheit und Haltung

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Polarisierend, aber prägend: der einstige Stadtbaudirektor Hans Stimmann, 1941–2025
Polarisierend, aber prägend: der einstige Stadtbaudirektor Hans Stimmann, 1941–2025
Kai-Uwe Heinrich TSP; IMAGO

Hans Stimmann hat als Senatsbaudirektor die Hauptstadt geprägt wie kein anderer. Jetzt ist er im Alter von 84 Jahren gestorben.

Von Peter Richter

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Architektenschreck, Bollwerk gegen Bausünden, konservativer Knochen oder kantiger Sozi im Kampf gegen die Megalomanie des Großkapitals, viel zu provinziell für die deutsche Hauptstadt und geradezu ein Segen für Berlin in den Glücksritter-Jahren nach der Vereinigung: Über Hans Stimmann konnte man schon zu seinen beiden Amtszeiten als Senatsbaudirektor denkbar konträre Bewertungen hören. Einig waren sich alle immer nur darin, dass der Mann mächtig und sich seiner Macht auch sehr bewusst war.

Stimmann selbst hat immer deutlich gemacht, dass sein Verständnis von Architektur wesentlich auf einer Maurerlehre in Lübeck fußte, wo er 1941 zur Welt gekommen und in einer Arbeitergegend aufgewachsen war. Auch sein Architekturstudium in Lübeck war nach eigenen Aussagen weniger akademisch geprägt als handwerklich. Es war aber ein akademisches Milieu, die Studentenbewegung um 1968 in Frankfurt, das ihn politisierte. Stimmann hatte dort eine Anstellung als Architekt gefunden und trat den Jusos bei.

Er hat oft betont, wie sehr die Reibung als junger Sozialdemokrat mit dem Establishment der Partei seine städtebaulichen Vorstellungen geprägt habe – vor allem ab den Siebzigerjahren in West-Berlin, wo er noch ein Studium der Stadtplanung drauflegte. Konkret ging es damals gegen den Flächenabriss von Kreuzberger Altbauten und innerstädtische Autobahnpläne, die unter Willy Brandt und Klaus Schütz als Bürgermeistern vorangetrieben worden waren.

Stimmann hat gern moniert, wie in der Schwamm-drüber-Mentalität der Nachkriegszeit etwa über alle Spuren des vom jüdischen Bürgertum geprägten Tiergartenviertels hinweg geplant wurde. Zur Zeit des Mauerfalls, als diese Randlagen wieder zur Mitte der Stadt wurden, war er allerdings zurück in Lübeck, um dort das Baugeschehen zu administrieren, nicht zuletzt die Rekonstruktion der Altstadt.

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Das alles spielte eine Rolle, als er 1991 als Berlins Senatsbaudirektor inthronisiert wurde. In den ersten Nachwendejahren wurde Berlin noch ein Wachstum auf 11 Millionen Einwohner prognostiziert, Investoren aus der gesamten Welt drängten auf einmal nach Mitte. Der Auftrag, mit dem er antrat, bestand klar darin, der drohenden Hypertrophien Herr zu werden.

Kleingearbeitet wurde unter Stimmann alles, was nach oben hinaus wollte

Und Stimmann machte sich sofort mit Nachdruck ans „Kleinarbeiten“ – ein Begriff, der von ihm selbst stammt. Kleingearbeitet wurde alles, was ein Hochhaus aus Glas und Stahl werden wollte. Die Horrorvision waren verspiegelte Burgen des Geldes, wie sie in so vielen amerikanischen Städten als Solitäre herumstehen. Stimmanns Ideal war sichtlich immer das Bürgerhaus wie aus den „Buddenbrooks“; zur Not wurden ganze Baublöcke zumindest optisch in vermeintliche Einzelhäuser aufgeteilt.

Kleingearbeitet wurde auch alles, was nach oben hinaus wollte. Abgesehen von wenigen Hochhaus-Standorten verfügte Stimmann dem Neu-Berliner Baugeschehen die Alt-Berliner Traufhöhe von 22 Metern als Oberkante. Über dieser sozusagen durch die ganze Stadt laufenden Regenrinne durften nur noch Dachgeschosse entstehen. Dass Stimmann für die Fassaden, wo es ging, als Material Stein vorschrieb, ist wirklich nur aus der Maurerlehre in dieser Radikalität erklärbar, aus einem ästhetischen Faible für sichtbare Tektonik – auch wenn das bei aufgeklebten Sandsteinplatten letztlich Schauspiel ist.

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Aber so wollte er die Tradition des „steinernen Berlin“ fortschreiben –  obwohl Werner Hegemann das, als er 1930 sein berühmtes Buch so betitelte, eigentlich kritisch gemeint hatte. „Kritische Rekonstruktion“ lautete dafür das Schlagwort, das unter Stimmann zu einer Art Theorem wurde: Heilung von Krieg und Nachkrieg durch vage Anmutung von Vorkrieg, nur leider ohne den Stuck und die hohen Decken.

Wegen seines rigiden Stein-Diktats wurde wiederum Stimmann von so vielen ausgesprochen kritisch gesehen. Eine ganze Phalanx internationaler Star-Architekten verzweifelte an dem sturen Maurermeister von Berlin. Aber Stimmann focht das nie an. Star-Architekten waren ihm ohnehin suspekt. In der alten Friedrichstraße, vor dem Krieg, hatte auch keiner an den Häusern die Baumeister erkannt. Unter Stimmann erkannte man dafür rund um die neue Friedrichstraße an den Häusern selbst weltbekannteste Architekten nicht wieder. Das musste man erst einmal schaffen: den eitlen Philip Johnson zum verkorkstesten Gebäude in seinem Gesamtwerk zu zwingen – oder den tsunamihaften Frank Gehry zum verschüchtertsten Auftritt in dessen Karriere.

Neben Stein und Traufhöhe gehörten historische Straßenverläufe, worunter auch die Beseitigung von Platzerweiterungen aus DDR-Zeiten fiel, zum strengen Dreisatz von Stimmanns beiden Amtszeiten, 1991 bis 1996 und noch einmal 1999 bis 2006. Als er abtrat, galt er manchen als heroischer Retter der Stadt, vielen anderen hingegen als hauptverantwortlich für deren Mittelmaß und Ödnis.

Aber zuletzt konnte man selbst aus deren Reihen oft hören: Wenigstens habe Stimmann Klarheit und Haltung gezeigt, man wusste, woran man war, konnte verlässlich mit ihm streiten. Zuletzt haben selbst erbitterte Stimmann-Gegner in Berlin angefangen, milder über ihn zu reden. Nun ist Hans Stimmann im Alter von 84 in Lübeck verstorben.

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