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Klassik:Den Seelen auf der Spur

Regisseur Hans Neuenfels

Der Regisseur, Schriftsteller und Filmautor Hans Neuenfels bei einem Interview-Termin in Berlin.

(Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Max Ernst nannte ihn den "komischen Vogel aus Krefeld": Der Regisseur, Schriftsteller und Filmautor Hans Neuenfels wird achtzig. Zum Geburtstag eines Bühnengenies.

Von Wolfgang Schreiber

Was für ein Auftakt! Dass ein Theatermann an Hochschulen Schauspiel und Regie gelernt hat, in Wien und in Essen, gehört zur Pflicht. Nur die Kür des jungen Hans Neuenfels war ungewöhnlich, ja bizarr: Der angehende Regisseur aus Krefeld ging für ein Jahr nach Paris, um dem großen surrealistischen Maler Max Ernst als Sekretär zu dienen. Diese Nähe gab seiner künstlerischen Entwicklung einen Schub und bewirkte, "dass ich dank Max Ernst in der Welt des Bildes zu leben begann". Daran erinnert sich Neuenfels in seiner Autobiographie "Das Bastardbuch". In Max Ernst habe er seinen "geistigen Vater" gefunden, dieser nannte den Jungspund "Komischer Vogel aus Krefeld".

Neuenfels begann als enfant terrible der Regietheaterkunst, in Trier, Krefeld und Heidelberg, als Avantgardist stemmte er sich gegen die überkommene Klassizität der Dichter. Oper inszenierte er zum ersten Mal 1974 in Nürnberg, Giuseppe Verdis "Il trovatore". Da zeigte Neuenfels dem perplexen Publikum mit satirischem Trieb seine Entdeckung von Verdis politisch aufsässiger Menschenliebe. Die Frankfurter Oper des Musikdirektors Michael Gielen wurde der Hauptspielplatz, Verdis "Aida" 1981 dort seine geniale, heiß debattierte Bühnentat, der Opernskandal des Jahrzehnts.

Publikumsbeschimpfung? Seine "Aida"-Inszenierung in Frankfurt wurde zum Skandal

"Glücksfall" hat Neuenfels seine Zeit in Frankfurt genannt, seine Verbündeten dort: die zwei Intellektuellen des Hauses, der Dirigent Michael Gielen und der Dramaturg Klaus Zehelein, der spätere Stuttgarter Opernintendant. "Da wurde ich mit Analysen und theoretischen Auseinandersetzungen fit gemacht", reif für eine vehemente Neudeutung der "Aida".

Verdis pompöses Kriegs- und zartes Liebesdrama, vom Staat Ägypten zur Eröffnung des Suezkanals vertrauensselig bei dem berühmten Komponisten bestellt, der ein antiklerikaler Kritiker religiös verbrämter Staatsmacht war, erfuhr durch Neuenfels gnadenlos die Demaskierung: Die schöne äthiopische Königstochter Aida, Sklavin am Feindeshof, in Frankfurt Reinemachefrau, die die Böden schrubbt. Der ägyptische Hof- und Priesterstaat, Hort brutalen Religionsmilitarismus. Die bombastische Triumphmarsch-Szenerie im zweiten Akt, eine rasende Trash-Demütigung der besiegten Äthiopier. Die ägyptische Luxusgesellschaft der Siegermacht entpuppt sich, in einer Art fiktiver Spiegelung, als Double des Opernpublikums auf der Bühne. Es war eine latente Publikumsbeschimpfung. Spätestens hier explodierte der Skandal im Opernhaus.

Zu Mozart gelangte Neuenfels spät, mit der "Entführung aus dem Serail" in Stuttgart. Er verwarf die Konvention des "Singspiels", stellte den beiden Liebespaaren je einen sprechenden Doppelgänger an die Seite, ihre Psychoschatten des Unbewussten. Sein "Idomeneo" 2003 an der Deutschen Oper Berlin mündete in ein Ideologie-Desaster. Neuenfels' Opernfinale: König Idomeneo krönt seine vom Meeresgott diktierte Abdankung rabiat mit den abgeschlagenen Köpfen der großen Religionsgründer - auf vier Stühlen die blutigen Häupter von Poseidon, Jesus, Buddha, Mohammed. Drohbriefe an die Oper führten zur Entfernung vom Spielplan.

Der Regisseur Shakespeares, Goethes, Kleists, Wedekinds, der Musiktheatermann Mozarts, Verdis, Wagners, der Schriftsteller und Filmautor Hans Neuenfels, dessen verwundbare Emotionalität und Lust auf Durchdringung seelischer Befunde oft als Provokation empfunden wird, er hat 70-jährig sein autobiographisches "Bastardbuch" schreiben können, die selbstironische Erzählung einer Theaterepoche. Zehn Jahre ist das her. An diesem Montag feiert er seinen 80. Geburtstag. Was Neuenfels von den Dichtern und Komponisten gelernt hat: "Der Mensch ist disparat, fragmentarisch, beeinflussbar. Er ist das einzige garantiert Unzuverlässige in der Natur."

© SZ/dbs
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