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Reaktionen zum Tod von Hans Magnus Enzensberger: "Er war eine intellektuelle Instanz, die wir schmerzlich vermissen werden"

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Hans Magnus Enzensberger prägte die geistige Landschaft der Bundesrepublik über Jahrzehnte. Auch hochrangige Politiker äußern sich zum Tod des Schriftstellers und Essayisten.

Er galt als einer der weltweit bekanntesten deutschen Intellektuellen: Der Publizist Hans Magnus Enzensberger ist im Alter von 93 Jahren in München gestorben. Das haben die Verlage Suhrkamp und Hanser mitgeteilt. Reaktionen zum Tod Enzensbergers, der in der deutschen Kulturlandschaft eine Lücke hinterlässt, kommen neben der Kultur- und Medienbranche auch aus der Politik. Unter anderem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigt sein vielfältiges Wirken.

Das Munzinger-Archiv nennt Enzensberger im Eintrag zu seiner Person "Tausendsassa". Bekannt wurde er indes vorwiegend als Essayist und Lyriker. Aber er war auch als Journalist, Kulturkritiker, Übersetzer, Medientheoretiker, Herausgeber und Kinderbuchautor tätig.

In einem Kondolenzbrief an Enzensbergers Witwe Katharina schrieb der Bundespräsident: "Ihr Mann hat sich nie gescheut, auch die scheinbar so einfachen Fragen zu stellen. Unerschöpfliche Originalität, überraschende Gedanken, Lust an Witz und Ironie waren die unverkennbare Signatur seiner Werke." Enzensberger habe "in Person die Gedanken- und Meinungsfreiheit, die unsere Demokratie wie die Luft zum Atmen braucht", verkörpert. Er habe seine Leserschaft "immer wieder neugierig gemacht, auf unerwartete Gedanken, Erfahrungen, auf fremde Länder und Kulturen". Er persönlich sei dankbar für die Begegnungen mit ihm, "die mich immer klüger gemacht und heiterer gestimmt haben", schreibt Steinmeier.

Auch der bayerische Kunstminister Markus Blume (CSU) hat Enzensberger als einen der bedeutendsten Intellektuellen und politischen Denker Deutschlands gewürdigt. Dieser sei ein "hellleuchtender, lebendig-rastloser, unabhängiger Geist" gewesen. Enzensberger habe Literaturgeschichte geschrieben. Mit seinen reflektierten Essays und Stellungnahmen habe er mehr als 60 Jahre lang "wortgewaltig und meinungsstark - oft gegenläufig zum Zeitgeist - politische wie literarische Debatten der Bundesrepublik kommentierend begleitet". Sein ehrlicher Blick auf den Menschen, die Gesellschaft und die Welt werde fehlen, schreibt Blume in einer Mitteilung.

Die Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) würdigt Enzensberger als "einen der vielseitigsten und bedeutendsten deutschen Intellektuellen". "Er hinterlässt uns ein überwältigendes Lebenswerk, das zahlreiche Gedichte und Essays umfasst, aber auch Kinderbücher, Dramen, Fachbeiträge über Mathematik und politische Statements", teilt die Grünen-Politikerin mit. "Hans Magnus Enzensberger war ein Solitär unter Deutschlands Dichtern und Denkern." Mit seinen Versen und kritischen Reflexionen habe er die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland begleitet, deren Gründung auf den Trümmern eines zerstörten Landes er als Zwanzigjähriger selbst miterlebt habe.

Enzensberger avancierte zu einer der Hauptfiguren der Gruppe 47

Der 1929 im Allgäu geborene, älteste Sohn einer Erzieherin und eines Fernmeldetechnikers wuchs in Nürnberg mit drei jüngeren Brüdern auf. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs wurde er zum berüchtigten "Volkssturm" eingezogen, einem Aufgebot des NS-Regimes aus Jugendlichen und alten Männern. Enzensbergers ausgeprägte Ablehnung der fortlebenden Nazi-Traditionen brachte ihm bald nach 1945 den Titel "zorniger junger Mann" ein. Prägend wurden seine Schriften für die Generation der 68er, die wie er gegen die fortdauernden Traditionen der NS-Zeit rebellierten. Außerdem avancierte er zu einer der Hauptfiguren der Gruppe 47 - einer Schriftstellergruppe, die im Kulturbetrieb der Bundesrepublik eine einflussreiche Institution bildeten.

Sein literarisches Debüt, der Lyrikband "verteidigung der wölfe" (1957), erschien in konsequenter Kleinschreibung und sorgte für Aufsehen. Ab 1965 gab Enzensberger die von ihm mitbegründete Zeitschrift Kursbuch im Suhrkamp Verlag heraus, die dem Diskurs um das Selbstverständnis der Bundesrepublik eine wichtige Stimme hinzufügte.

Für seine vielfältigen schriftstellerischen Tätigkeiten erhielt Enzensberger zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Georg-Büchner-Preis im Jahr 1963 und zuletzt den Frank-Schirrmacher-Preis 2015. Bis ins hohe Alter wirkte er als Redakteur, Herausgeber und Autor. "Er war eine intellektuelle Instanz, die wir schmerzlich vermissen werden", würdigt Bundespräsident Steinmeier Hans Magnus Enzensberger und sein Lebenswerk.

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