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Hans Magnus Enzensberger wird 90:Zeigen, wo's langgeht

Hans Magnus Enzensberger; Hans Magnus Enzensberger

"Wir sind ja durchweg sehr zählebig": Hans Magnus Enzensberger, bekannt und verehrt für seinen ironisch-lässigen Stil.

(Foto: Regina Schmeken)
  • Hans Magnus Enzensbergers neuester Erzählband "Fallobst" enthält Gedankenexperimente und Erinnerungen an die eigene Jugend.
  • Statt eines Spätwerks liefert er Notizen, Aphorismen, Gedankenexperimente und versammelt, was ihm in seinem Leben wichtig war und ist.
  • Am Montag wird Hans Magnus Enzensberger 90 Jahre alt.

Wie der Privatmann seinen neunzigsten Geburtstag verbringt, sei dahingestellt. Für Interviews, heißt es, stehe er nicht zur Verfügung. Der Autor Hans Magnus Enzensberger aber ist so ungreifbar nicht. Leicht ließe sich aus seinen Büchern eine Homestory herausschreiben. Ein Bild zeigt ihn beim Spaziergang durch den Englischen Garten in München, das Lob der Fußgänger singend. Beiseite sprechend fügt er hinzu, wie sich im Alter sein Aktionsradius verengt hat, Flugreisen wegen ihrer Unbequemlichkeit kaum mehr in Betracht kommen. Auf einem anderen Bild, in seiner Wohnung aufgenommen, blättert er im Grimmschen Wörterbuch. Noch immer ist die deutsche Sprache nicht zu Ende entdeckt. Auf welchen Eintrag er gerade stößt, verrät er nicht. Aber wer eine Wette darauf abschließt, dass ihm ein Wort wie "Spätrot" gefallen muss, in dem sich Abendrot und Weinlese begegnen, kann kaum verlieren.

Die Homestory mag voranschreiten zu den Wonnen der Gewöhnlichkeit, zu HME beim Zornesausbruch gegen das Finanzamt, seinem Ärger über die Endloswarteschleifen in den Callcentern, beim Spott über Begriffe wie "Gender Mainstreaming". Wir aber blättern weiter im Grimmschen Wörterbuch und stellen überrascht fest, dass darin der Eintrag "Spätwerk" fehlt. An diese Leerstelle hat sich Enzensberger gehalten. Verlässlich produziert er Jahr für Jahr neue Bücher, aber schon ihre Titel - "Eine Handvoll Anekdoten" (2018), "Eine Experten-Revue in 89 Nummern" (2019) - lassen erkennen, dass sie kein Opus magnum sein wollen, kein Gipfelsturm im Abendrot, hinauf in jene Regionen, in denen der Künstler ins Unauslotbare verschwindet. Stattdessen herrscht beim späten Enzensberger Business as usual. Nachträge werden gemacht, Aperçus aktualisiert, verschwundene Berufe erinnert, Kragenformen in eine nicht existierende Wissenschaft vom Hemd eingetragen.

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Nun also, pünktlich zum 90. Geburtstag an diesem Montag, statt Lebensernte "Fallobst" in drei Körben, mit einem dieser nie ganz ernst zu nehmenden Understatement-Untertitel (Fallobst. Nur ein Notizbuch. Mit Zeichnungen von Bernd Bexte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2019. 368 S., 32 Euro). Statt des verweigerten Spätwerks die Bekräftigung von Vorlieben, etwa die für die Form des Albums, des Scrapbooks oder der "Sudelbücher" Georg Christoph Lichtenbergs. Statt des großen Gedichtbandes beiläufige Verse: "Fallobst kann man nicht ernten./ Oft wird es liegengelassen./ Vielleicht taugt es als Dünger... Manche sammeln es auf,/ wenn sie sonst nichts/ zu tun haben, solange/ es nicht verfault ist."

Das einzige Kollektiv, dem er treu blieb: seine Familie

Notizen, Aphorismen, Gedankenexperimente, Lesefrüchten von Augustinus über Edith Sitwell bis zu Donald Rumsfeld, und natürlich hat Denis Diderot das erste Wort. Die Vorliebe für die Enzyklopädisten der französischen Aufklärung, für den literaturnahen Philosophen Diderot wie für den Mathematiker d'Alembert ist eine Enzensberger-Konstante. Sie verbindet den jungen Mann, der im Deutschland der Nachkriegszeit Furore machte, mit dem neunzigjährigen Lexikonliebhaber, der das Wortfeld mustert, in dem neben dem Vorschlaghammer die winzigen Hämmerchen der Uhrmacher und Goldschmiede liegen: "Ein Dichter, der sich vom Vokabular der Handwerker nicht bezaubern ließe, wäre nicht konkurrenzfähig".

Der junge Enzensberger taucht in "Fallobst" häufig auf, etwa als Autor des Lebenslaufs, den er im Juni 1951 für die Studienstiftung des deutschen Volkes verfasste. Der 21-Jährige schildert darin seine Herkunft aus dem bayerischen Allgäu, die Übersiedlung der Familie nach Nürnberg, das Gymnasium und die Sirenen des Luftkriegs, die ersten Lektüren und die frühe Begeisterung für das Theater. Vor allem wird deutlich, dass das einzige Kollektiv, dem der erklärte Individualist bei allen Positionswechseln zeitlebens treu blieb, seine Familie war und ist. In den "Fallobst"-Körben sind die Eltern und die Brüder enthalten, und wer hier wie in den früheren Büchern die Porträts des Vaters liest, der weiß, dass im Universum ihres Herausgebers die Zeitschrift Kursbuch ihren Titel mindestens so sehr der Fahrplanobsession des Vaters verdankte wie dem Anspruch, der Gesellschaft zu zeigen, wo's langgeht.

D'Alembert und Diderot, Sohn eines Messerschmieds, gaben ihrer Enzyklopädie ein Tafelwerk bei, dessen Kupferstiche die Dingwelt des mechanischen Zeitalters vor Augen führten. In den Baukästen zur Medientheorie, die der junge Enzensberger konstruierte, in seinem Blick auf Zeitung, Radio, Fernsehen oder den Neckermann-Katalog ist es ähnlich. Enzensbergers "Mausoleum" (1975) verdankte die Anregung zu seinen prosaischen Balladen über den Fortschritt und seine Erfinder Sigfried Giedions Standardwerk "Herrschaft der Mechanisierung". An die Treue zu den Dingen des mechanischen und elektromechanischen Zeitalters hat sich die Lust am Computer angelagert, soweit er Schreibgerät ist und Zugänge zu Enzyklopädien und Konversationslexika eröffnet.

Der Smartphone-Generation widmet Enzensberger gleich mehrere Porträts

Der späte Enzensberger aber ist ein hartnäckiger Skeptiker gegenüber den Universalitätsansprüchen der digitalen Welt. Gleich mehrere liebevoll-bösartige Porträts widmet er den Smartphone-Usern: "Sie entwickeln die Feinmotorik ihrer Finger, um winzige Tasten zu drücken und auf ihren Bildschirmen herumzuwischen. Für andere Formen der Kommunikation sind sie unerreichbar. Auch ihr Blickkontakt mit Anwesenden ist gestört. Sie bleiben plötzlich auf der Straße stehen, bemerken andere Personen nicht und rempeln sie wie unbemerkte Laternenpfähle an. Ihr Orientierungssinn droht zu versagen, weil sie sich lieber auf ihr Navigationsgerät verlassen. Dass sie ausgebeutet werden, empfinden sie als Komfort."

Dass es Wikipedia avant la lettre schon beim jungen Enzensberger gab, zeigt die hinreißend illustrierte, in ihrer Bildsprache an die schwarzen Lithographien des 19. Jahrhunderts erinnernde Neuausgabe der an entlegener Stelle publizierten "Louisiana Story", deren Hörspielfassung 1957 der Hessische Rundfunk ausstrahlte (Andreas Thalmayr alias Hans Magnus Enzensberger: Louisiana Story. Mit Illustrationen von Hans Binder. Carl Hanser Verlag, München 2019. 80 S., 19 Euro).

In dieser Frucht der ersten Amerikareise ihres Verfassers sucht ein französischer Anwalt aus Boston im schwülen Süden nach möglichen Erben der nicht sehr weißen Geliebten eines gewissen Jean-Baptiste le Laurier. Immer, wenn es gilt, unbekannte Begriffe zu erläutern, meldet sich wie durch Mausklick herbeigerufen eine Stimme zu Wort, die "Aus dem Zettelkasten" heißt. Wer es sich gefallen lässt, dass sie die Sprache der Zeit spricht und das Substantiv "Quadroon" nicht nur allgemein als "Viertelmischling", sondern speziell als "Person mit einem Viertel Negerblut" erläutert, kann sich in eine Story hineinziehen lassen, die das Spiel mit Südstaatenklischees mit einer unmissverständlichen Kritik des alltäglichen Rassismus in den Vereinigten Staaten verbindet.

Das Paradies war ihm schon als Kind suspekt, denn dort galt: "Äpfel essen verboten"

Dem Sommer 1957, in dem Enzensberger durch die USA reiste, folgte der Herbst, in dem Jack Kerouacs "On the road" erschien. Im Februar 1957 hatte der Süddeutsche Rundfunk Enzensbergers schneidende Polemik "Die Sprache des Spiegel" ausgestrahlt. Dass hier ein Adorno-Schüler, aber kein Liebhaber der Rockmusik schrieb, war unverkennbar: "Wenn das Magazin über den amerikanischen Schlagersänger Presley schreibt, er sei ,sextraordinär' und ,transportiere' seine Zuhörer, von Dixieland nach Kinseyland', so ist das zwar miserables Deutsch, aber gewiss nicht ohne eine gewisse Komik, die der Primitivität des Gegenstandes entspricht." Die polemische Abgrenzung von der "Beat Generation", zumal die Verachtung ihres "Hohepriesters" Jack Kerouac ("der miserabelste Schriftsteller seiner Generation") ist wie das Unbehagen an Underground und Drogenkult eine Enzensberger-Konstante. In den "Aporien der Avantgarde" verband sie sich mit dem Spott über die Konkrete Poesie. In "Fallobst" taucht nun "der reichlich unintelligente Jack Kerouac" wieder auf. Umgeben von William Burroughs und Allen Ginsberg sorgt er dafür, dass sich etwas Giftiges in den berühmten ironisch-lässigen Enzensberger-Sound mischt: "Heute wirken diese Dichter wie bizarre Relikte aus einer amerikanischen Neurose, die durch den Triumph eines unzurechnungsfähigen Präsidenten nicht geheilt, sondern akut geworden ist." Jeff Koons und Damien Hirst kommen nicht viel besser weg, wenn Enzensberger eine Hommage an die altmeisterliche Kunst des Malers Jan Peter Tripp dem "Fallobst" zugesellt. Was übrigens das politische Amerika betrifft, so sind Enzensbergers Erinnerungen an seine Begegnungen mit Henry Kissinger aufschlussreich. Sie kreisen um Kissingers Reaktion darauf, dass Enzensberger ihn beharrlich als "Kriegsverbrecher" tituliert.

Überraschend poppig wirkt angesichts der strengen Verdikte gegen die Hippie-Kultur Enzensbergers bunt illustrierte Mark Twain-Übersetzung (Mark Twain: Aus den Erinnerungen von Adam und Eva. Ziemlich eingedeutscht von Andreas Thalmayr alias Hans Magnus Enzensberger. Mit Bildern von Francesco Ciccolella und einer Anmerkung des Übersetzers. Carl Hanser Verlag, München 2019. 88 S., 18 Euro).

Zwei Passagen aus dem "Logbuch" können als Einstimmung dienen. Zum einen die Erinnerung an die kindliche Erstbegegnung mit dem Paradies, an den Protest des kleinen Hans Magnus gegen die dort herrschenden Restriktionen ("Äpfel essen verboten") und an die Einsicht des älter Gewordenen: "Ohne die verbotene Frucht wäre dieser Ort ein Gefängnis gewesen. Von einem Paradies ist zu fordern, dass man es verlassen kann, wenn man genug davon hat." Zum anderen die Antwort des leidenschaftlichen Pascal-Lesers und "katholischen Agnostikers" auf die Gretchenfrage: "Eine wohlwollende Fee hat mir das Talent für den Glauben an den Monotheismus vorenthalten." Adam und Eva schlagen bei Enzensberger einen ziemlich lockeren Ton an, wenn es um Kain und Abel oder das "Seid fruchtbar und mehret Euch" geht.

Nicht nur für die Menschheit als Gattung, sondern auch für das Individuum Enzensberger scheint zu gelten, was Adam an einer Stelle notiert: "Wir sind ja durchweg sehr zählebig." Wir gratulieren.

Deutsche Gegenwartsliteratur Innen gegossen, außen lässig

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Innen gegossen, außen lässig

Hans Magnus Enzensbergers Buch "Eine Handvoll Anekdoten - auch Opus incertum" ist ein Dialog des Autors mit sich selbst. Er perfektioniert darin seine Kunst, sich nicht in die Karten blicken zu lassen.   Von Insa Wilke