Kolumne "Nichts Neues":Endlich gleich groß

Lesezeit: 1 min

Nichts Neues
(Foto: Hans Hemmert)

Wie der Künstler Hans Hemmert mithilfe von Plateausohlen die Augenhöhe demokratisierte.

Von Johanna Adorján

Ich werde für immer bedauern, 1997 nicht dabei gewesen zu sein, als der Künstler Hans Hemmert in der Berliner Galerie Gebauer seine Arbeit "Level" zeigte. Hauptsächlich, glaube ich, kennt man ihn für seine riesigen gelben Ballon-Skulpturen, die sich bewegen können (weil er drinsteckt) und Dinge tun, die Menschen auch tun - Bierkasten tragen, Baby tragen, tanzen -, dabei nur viel netter aussehen, eben rund und gelb, weshalb man sie sofort ins Herz schließt. Bei "Level" ging es um etwas anderes.

Auf den Fotos, die es von dieser Ausstellung gibt, sieht es nach normalem Herumstehen aus, gerüchteweise soll es eine Party gewesen sein. Als "Same Height Party" ist die Sache jedenfalls im Internet bekannt. Sie ging so: Alle Besucher bekamen Plattform-Sohlen unter ihre Schuhe geschnallt, die sie jeweils auf dieselbe Gesamthöhe von zwei Metern brachten. Ein ein Meter 75 großer Ausstellungsbesucher bekam also eine Sohle von 25 Zentimetern, eine ein Meter 90 große Besucherin eine Zehn-Zentimeter-Sohle. (Entschuldigung, wenn ich das jetzt über-erklärt habe, ich musste es mir selbst nochmals verdeutlichen.) Alle Sohlen im selben eleganten Tiffany-Türkisblau. Und so sieht man auf den Fotos lauter Menschen, deren Gesichter auf derselben Höhe sind, auf unterschiedlich hohen blauen Blöcken in einer Galerie stehen, jeder sozusagen auf seiner eigenen Stufe.

Ob auch Besucher zugelassen waren, die über zwei Meter groß waren (für sie hätte es Versenkungen im Boden gebraucht), oder unter einem Meter 50, also etwa Kinder, ist nicht überliefert. Die höchsten Plateaus dieser Ausstellung waren jedenfalls einen halben Meter hoch und reichten damit an die Sockelschuhe heran, Chopinen genannt, die vornehme Damen im Venedig der Renaissance trugen: Sie waren bis zu 74 Zentimeter hoch, und um nicht rechts oder links in einen Kanal zu stürzen, mussten die Trägerinnen beim langsamen Voranschreiten von Bediensteten gestützt werden.

Auf den Fotos der Ausstellung sind keine Bediensteten zu sehen. Es wurde zu niemandem übertrieben aufgesehen und auf niemanden herabgeschaut. Es haben sich alle auf demselben hohen Niveau unterhalten. Was für ein schöner Abend muss das gewesen sein.

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