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Hans-Haacke-Retrospektive in New York:Ein Hauch von Apokalypse

Hans Haacke beschäftigt sich in seinem Werk oft mit der Verflechtung von Wirtschaft, Politik und Kunst. Seine große Retrospektive im New Museum in New York zeigt aber, dass seine Kunst auch Spaß machen kann.

Das vielleicht Letzte, was man von einer Ausstellung von Hans Haacke erwartet, ist, dass sie Spaß machen könnte. Haackes Arbeiten sind oft sperrig, kompliziert, kompromisslos, manchmal nerven sie. Ganz selten sind sie sogar etwas plump. Aber es gibt eben auch viele Installationen, die gewitzt und böse sind, die leicht und schwebend daherkommen, und wenn man sein Werk, wie jetzt bei der großen Retrospektive im New Yorker New Museum, fast in seiner Gesamtheit begutachten kann, dann scheinen diese Arbeiten auf eine Art miteinander zu kommunizieren, die eine große, teils sinnliche, teils intellektuelle Freude bereitet. Und manchmal eben auch einfach Spaß.

Es hat mehr als 30 Jahre gedauert, bis Haackes Wahlheimat New York ihm wieder eine große Ausstellung widmete. 1986 war es ebenfalls das New Museum, damals noch im Astor Building in Soho untergebracht, das seinen Arbeiten Platz einräumte. Seit 2007 befindet sich das New Museum an der Bowery, unweit des alten Standorts, und diesmal sind seine Werke auf vier Stockwerken zu sehen, er hat beinahe das ganze Gebäude übernommen.

Der 1936 in Köln geborene Haacke kam 1961 mit einem Fulbright-Stipendium in die USA, vier Jahre später ließ er sich endgültig in New York nieder, und es dürfte eine besondere Genugtuung für ihn sein, an seinem Lebensabend mit einer derart umfassenden, von Massimiliano Gioni und Gary Carrion-Murayari liebevoll kuratierten Ausstellung geehrt zu werden. Carrion-Murayari erzählte, als das New Museum Haacke den Vorschlag zu einer Retrospektive unterbreitet habe, sei dieser ebenso überrascht wie glücklich gewesen.

Zu Haackes Hauptthemen gehören die Verflechtungen von Wirtschaft, Politik und Kunst. Das gefällt nicht jedem Museum, zumal amerikanische Museen sehr abhängig sind von reichen Gönnern. Auf eben diese nimmt Haacke keine Rücksicht. Im Gegenteil, oft sind sie Gegenstand seiner Kunst. In einer Arbeit namens "On Social Grease" (zu Deutsch etwa: Über soziales Schmierfett) hat er Zitate von Kunstmäzenen auf sechs Magnesiumplatten gedruckt. David Rockefeller wird dort zum Beispiel mit den Worten zitiert, dass es einem Unternehmen allerlei Nutzen bringe, in die Künste zu investieren: "Umfangreiche öffentliche Wahrnehmung und Werbung, einen freundlicheren Ruf in der Öffentlichkeit und eine verbesserte Außenwahrnehmung". Was Haacke damit offensichtlich zeigen will: Die Gönner handeln nicht aus altruistischen Motiven. Sie spenden, weil es ihnen zum Vorteil gereicht.

Haackes Themen gefallen gerade den Museen nicht, die von reichen Gönnern abhängig sind

Die Rockefellers gehörten und gehören zu den wichtigsten Unterstützern der Künste, unter anderem des Museum of Modern Art und des Metropolitan Museum. Man kann sich vorstellen, dass beide Häuser dreimal darüber nachdenken, ob sie sich Haackes Werke ins Haus holen und so womöglich ihre Geldgeber verärgern. Das New Museum hatte diese Bedenken nicht. Die Kuratoren sagen, sie hoffen, dass die Ausstellung Haacke als Künstler zeige, der "die Türen zur Welt geöffnet hat, und der Kunst nicht nur um der Kunst willen macht".

Eines der wichtigsten Werke der Schau trägt den sperrigen Titel "Shapolsky et al. Manhattan Real Estate Holdings, A Real Time Social System, as of May 1, 1971". Es besteht aus Tabellen, Fotos und Finanzdokumenten und beschäftigt sich mit undurchsichtigen Immobiliendeals in New York. Selbstverständlich gab es damals schon Immobilienhaie, die mit dubiosen Methoden reich wurden, und ebenso selbstverständlich ist es unmöglich, wenn man das Werk heute sieht, nicht an den US-Präsidenten Donald Trump zu denken, der als Immobilienhändler in New York, vorsichtig gesagt, nicht den besten Ruf genoss.

Es hat mehr als 30 Jahre gedauert, bis Hans Haackes Wahlheimat New York ihm wieder eine große Ausstellung widmete. Dafür sind seine Werke nun auf vier Stockwerken im New Museum zu sehen, er hat damit beinahe das ganze Gebäude übernommen.

(Foto: Dario Lasagni)

Im Jahr 1971 sollte Haacke eine Ausstellung im Guggenheim-Museum bekommen, doch als der damalige Direktor Thomas Messer erfuhr, dass das Immobilienstück eines der Exponate sein sollte, sagte er die Ausstellung kurzerhand ab und feuerte auch gleich noch den Kurator. Sein Museum, sagte er, werde eine solche Sensationsheischerei, ein solches Im-Schmutz-Gewühle (Messer benutzte das schöne englische Wort "muckraking") auf keinen Fall zeigen. Der New York Times erzählte Haacke neulich in einem seiner seltenen Interviews: "Etwas zu zeigen, das sich mit der sozialen und politischen Welt beschäftigt, in der wir leben - das war systemfremd." Er fügte hinzu: "Vielleicht war ich naiv, aber ich hatte nicht erwartet, dass das Probleme verursachen würde." Das Gute an der abgesagten Ausstellung war, dass Haacke in der Kunstwelt schlagartig bekannt wurde. Das Schlechte war, dass er anschließend länger Probleme hatte, seine Arbeiten zu zeigen und zu verkaufen.

Von dem Immobilienstück lässt sich nicht nur gedanklich der Bogen zu Donald Trump schlagen. Im Foyer des New Museum ist Haackes jüngste Arbeit zu sehen, die sich tatsächlich mit dem Präsidenten beschäftigt. Sie heißt "Make Mar-a-Lago Great Again" und ist leider das deutlich einfallsloseste Exponat der gesamten Ausstellung. Sie besteht aus einem hochkant auf einem Autoreifen stehenden Flachbildschirm, auf dem die jüngsten Tweets von Trump zu lesen sind, außerdem einem Poster, auf das allerlei Baseballkappen gedruckt sind und einem goldfarbenen Golfschläger. Man wünschte, dass sich Haacke in einer Ausstellung, die die gesamte Bandbreite seines Schaffens zeigt, diese Installation geschenkt hätte. Es fehlt ihr, anders als so vielen anderen seiner Werke, an Tiefe und an Schärfe.

Und wenn man schon bei den weniger gelungenen Exponaten ist: Was die Kuratoren dazu bewogen hat, die beiden Ölgemälde von Ronald Reagan und Margaret Thatcher aufzunehmen, erschließt sich auch nicht. Dann wiederum ist es in Anbetracht der Vielfalt der Werke fast egal, man kann sowohl über die Gemälde als auch über das fade Trump-Arrangement hinwegsehen.

Nicht alles in dieser Ausstellung ist politisch. Im zweiten Stock sind vor allem Arbeiten aus den 1960er-Jahren zu sehen, die nachgerade verspielt sind. Über Ventilatoren lässt Haacke Stoffe fliegen, mitten im Raum steht ein Grashügel, und wenn man diesem zu nahe kommt, wird man vom Aufsichtspersonal ermahnt: "Watch your step!" Bei der Skulptur "Wave" (Welle) ist das Berühren ausdrücklich erwünscht. Sie besteht aus Wasser in einem von der Decke hängenden Plexiglasbehälter, und erst, wenn man diesen anstupst, bewegt sich das Wasser als Welle. Unter Kindern, die von ihren Eltern mit ins Museum genommen wurden, schien das die deutlich beliebteste Skulptur zu sein.

Eine Arbeit, die er für London geschaffen hat, entfaltet in New York eine brutale physische Wucht

Das visuell eindrücklichste Exponat ist ein gewaltiges Bronzeskelett eines Pferdes, das fast ein ganzes Stockwerk des Museums dominiert. Haacke hatte es 2014 für den Londoner Trafalgar Square geschaffen. Dort stehen vor der National Gallery auf drei Sockeln die Statuen von zwei Generälen und einem König. Auf dem vierten, ursprünglich leeren Sockel werden in stetem Wechsel die Arbeiten von verschiedenen Künstlern ausgestellt. Haackes Pferd trägt den Titel "Geschenkter Gaul" (Gift Horse). Um das linke Vorderbein ringelt sich eine Leuchtschrift mit Börsenkursen. In London waren es die der dortigen Börse, nun in New York sind es die der Wall Street.

Das mag auch nicht Haackes subtilste Arbeit sein, aber während das Pferd in der Weite des Trafalgar Square ein wenig verloren wirkte, entfaltet es im geschlossen Raum im New Museum eine brutale physische Wucht. Haacke hat die Bronze mit einer schwarzen Patina überzogen, was dem Gerippe einen apokalyptischen Hauch verleiht, und wenn, wie ein amerikanischer Hedgefonds jüngst prophezeit hat, die Börsenkurse demnächst abstürzen sollten, könnte die Leuchtschrift diesen Hauch der Apokalypse noch verstärken.

Make Mar-a-Lago Great Again (2019)

Haackes jüngste - und leider auch einfallsloseste - Arbeit „Make Mar-a-Lago Great Again“ (2019) beschäftigt sich mit Donald Trump.

(Foto: Dario Lasagni)

Wer sich schließlich bis ins oberste Stockwerk des New Museum vorgearbeitet hat, sieht sich mit einer Haacke'schen Spezialität konfrontiert. Gern befragt er die Besucher seiner Ausstellungen. 1970 hat er zum Beispiel im Museum of Modern Art zwei durchsichtige Wahlurnen aufgestellt. Dazu hatte er die Frage formuliert, ob es für die Besucher ein Grund wäre, bei den nächsten Wahlen gegen Gouverneur Nelson Rockefeller zu stimmen, weil dieser sich nicht von der Indochina-Politik von Präsident Nixon distanziert hatte. Die Zahl der Zettel in der Ja-Urne wuchs deutlich schneller als die in der Nein-Urne. Bis heute ist das eine der bekannteren Installationen Haackes.

Im Jahr 2019, im New Museum, kommt Haacke ohne Zettel aus. Die Besucher sind dazu aufgerufen, allerlei Fragen auf einem iPad zu beantworten. Unter anderem will er wissen, ob die Befragten der Ansicht seien, dass die Reichen in Amerika genügend Steuern zahlten. Die Antworten werden live auf einem Bildschirm ausgewertet, und solche Fragen führen gemeinhin zu den erwartbaren Ergebnissen. Es war dann die vielleicht größte Überraschung dieser Ausstellung, dass ausgerechnet in der Gesamtschau des ebenso aktivistischen wie politischen Künstlers Hans Haacke mehr als 20 Prozent der Besucher bisher geantwortet haben: ja.

Hans Haacke: All Connected, New Museum, New York. Bis 26. Januar 2020, Infos unter www.newmuseum.org.

© SZ vom 03.12.2019

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