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100. Geburtstag von Hans Blumenberg:Bewusstsein für die verlorene Zeit

Hans Blumenberg

Hans Blumenberg im Mercedes des befreundeten Ehepaars Schorr, circa 1958.

(Foto: Archiv Bettina Blumenberg und Suhrkamp)

Technikaffin, brillant und ein unwiderstehlicher Monologisierer: Zwei Biografien zeigen das Leben des großen Philosophen Hans Blumenberg und das 20. Jahrhundert als seinen Schreibhintergrund.

Von Lothar Müller

Mehrfach taucht in den Schriften Hans Blumenbergs das Teleskop auf. Es holt das bis dahin Unsichtbare in die Sichtbarkeit hinein, beflügelt die Entgrenzung der Neugier und trägt zu dem Epochenbruch bei, als den Blumenberg "Die Genesis der kopernikanischen Welt" (1975) schildert. Galileo Galilei, der insgeheim seit Längerem dem kopernikanischen Weltsystem anhängt, sieht 1609 in Venedig im Fernrohr die Chance, die sinnliche Anschauung gegen jene Buchgelehrten in Stellung zu bringen, die das Weltbild des Aristoteles durch Zitate glauben verteidigen zu können, und richtet es gegen den Sternenhimmel.

Blumenbergs großer Essay "Das Fernrohr und die Ohnmacht der Wahrheit", der 1965 als Einleitung zu Galileis "Sidereus Nuncius" (1610) und Auftaktband der "sammlung insel" erschien, erzählt nicht die Geschichte eines Triumphs der Evidenz. Der Blick durchs Fernrohr in den Himmel wird verweigert, was Galilei sieht, wird bestritten, es braucht Zeit, Abstraktion und Mathematik, bis der Keil zwischen Sichtbarkeit und Wirklichkeit getrieben, ein neues Wirklichkeitsbewusstsein erschlossen ist. Erst im Zusammenspiel mit der theoretischen Anstrengung zeigt das technische Instrument, was in ihm steckt, wird die Erde Stern unter Sternen und tritt den leuchtenden Himmelskörpern an die Seite.

Weil seine Mutter Jüdin war, stuften ihn die Nationalsozialisten als "wehrunwürdig" ein

Seinem jüngeren Kollegen Kurt Flasch hat Hans Blumenberg um 1974 erzählt, wie früh sein Interesse an Teleskopen ausgeprägt war. Er war Jahrgang 1920, hatte 1939 in seiner Geburtsstadt Lübeck Abitur gemacht. Nach den nationalsozialistischen Rassegesetzen als "Halbjude" eingestuft, da seine Mutter jüdischer Herkunft war, war er "wehrunwürdig" und musste 1940 sein Studium an der Jesuitenhochschule St. Georgen in Frankfurt abbrechen, ab 1942 Arbeitsdienste leisten. So kam er, auf Vermittlung des Vaters, in die Draegerwerk AG. Dort habe er, so Blumenberg, Bücher über die Optik und ihre Geschichte gelesen, denn die Firma habe Teleskope für U-Boote produziert. Kurt Flasch hat diese Selbstauskunft an den Beginn seines großen Buches "Hans Blumenberg. Philosoph in Deutschland. Die Jahre 1945 bis 1966" (2017) gestellt.

Einer der Schlüsselbegriffe Blumenbergs ist "Geschichtlichkeit". Er dient dazu, in scheinbaren Kontinuitäten Brüche und Widersprüche aufzuspüren, zu markieren, was überhaupt in einer Epoche denkbar ist. Der Begriff führt dazu, dass die "Legitimität der Neuzeit" (1966) als Selbstbehauptung aus eigenem Recht erscheinen kann, dass der Absolutismus der einen, festgefügten Wirklichkeit dem Plural der "Wirklichkeiten, in denen wir leben" (1981) weicht. Nun, zum hundertsten Geburtstag, ist die erste umfassende Biografie des Philosophen erschienen. Rüdiger Zill, wissenschaftlicher Referent am Einstein-Forum, hat ihr den Titel "Der absolute Leser" gegeben. Das akzentuiert die Gelehrsamkeit des Philosophen, der nie den Eindruck erweckt, an einer Tabula rasa zu sitzen und nur aus dem Eignen zu denken, der seine Zitate nicht nur den Werken der Philosophen entnimmt, sondern ebenso häufig Romanen und Memoiren, Tagebüchern und Fabeln, Briefen und Broschüren. Der Untertitel - "Eine intellektuelle Biographie" - klingt nach Vorrang der Gedanken und theoretischen Entwürfe und nach Nebenrolle der Soziologie des Lebenslaufs. Aber was dann folgt, ist sehr viel mehr und schließt eine sehr genaue Erkundung der Lebensumstände und der Karriere eines erfolgreichen Universitätsprofessors und einflussreichen Akademikers ein.

Die nun erschienene, bisher unveröffentlichte, 1947 in Kiel vorgelegte Dissertation "Beiträge zum Problem der Ursprünglichkeit der mittelalterlich-scholastischen Ontologie" und die zwei Jahre später entstandene Habilitationsschrift "Die ontologische Distanz" liest Zill nicht nur als Einsatzpunkte der Auseinandersetzung mit den Schriften Martin Heideggers und Edmund Husserls, sondern zugleich als Laufbahnschriften, die mit Briefen an die akademischen Lehrer und Auseinandersetzungen mit den Gutachtern verbunden sind.

Der perspektivische Fixpunkt in Zills Darstellung des jungen Blumenberg ist die Deportation in das bei Dessau gelegene Arbeitslager Zerbst der Organisation Todt im Februar 1945. Als er nach zwei Monaten von dort entkam und sich nach Lübeck durchschlug, fand er dort Unterschlupf in einer Dachkammer der Schuhmacherfamilie Heinck, deren Tochter wenig später seine Frau wurde.

Der Zettelkasten war für ihn so wichtig wie für Galilei das Fernrohr

Die Abiturrede, die der junge Blumenberg, obwohl Jahrgangsbester, 1939 nicht halten durfte, der nationalsozialistische Direktor, der ihm sogar den Handschlag verweigerte, die Behinderung seines Studiums gehören zur Vorgeschichte der Lagererfahrung. Minutiös präpariert Zill heraus, wie das Bewusstsein der "verlorenen Zeit", die es aufzuholen gilt, in die Eile eingeht, mit der Blumenberg seine Laufbahnschriften so rasch wie möglich unter Dach und Fach bringen will. Die Biografie beginnt mit dem Verlust der gesamten bis dahin aufgebauten Bibliothek bei der Bombardierung Lübecks Ende März 1942. En passant korrigiert Zill ein Detail der von Flasch berichteten Teleskop-Anekdote Blumenbergs. Die Draegerwerke produzierten nicht Fernrohre, sondern Belüftungsanlagen für U-Boote.

Von den Ruinenstädten Kiel und Hamburg führt die akademische Karriere Blumenbergs in die Gelehrtenwelt der alten Bundesrepublik, von Gießen über die Neugründung Bochum bis nach Münster, das 1970 seine letzte Station wird. Ein Strang dieser Geschichte der Geisteswissenschaften in Deutschland handelt vom Umgang des als "Halbjude" verfolgten Blumenberg mit denjenigen Kollegen, die vor 1945 sporadisch oder dauerhaft den Verfolgen nahegestanden hatten.

Wie die Infrastrukturen und Netzwerke, die Konkurrenzen und Rivalitäten des akademischen Lebens treten in Zilles Biografie die inneren Schichtungen und kommunizierenden Röhren der Autorschaft dieses Philosophen hervor, auch seine Verlagsbeziehungen, nicht zuletzt seine Konflikte mit Siegfried Unseld. Lange war Blumenberg ein Mann der Aufsätze, ehe er voluminöse Bücher veröffentlichte, schon als junger Mann publizierte er Feuilletons unter dem Pseudonym "Axel Colly".

Es gibt im Prozess der theoretischen Neugier des Philosophen Hans Blumenberg ein Instrument, das für ihn so wichtig ist wie für Galilei das Fernrohr: den Zettelkasten. Es ist vielleicht kein Zufall, dass er nicht nur in Zills Biografie eine prominente Rolle spielt, sondern auch in ihrem Gegenüber, Jürgen Goldsteins nicht minder umfangreichem Buch "Hans Blumenberg. Ein philosophisches Portrait". Es verhält sich zum Leben des Porträtierten sehr diskret, ohne es auszublenden, und ist ein luzider, in einem überaus klaren und unangestrengten Stil geschriebener fortlaufender Kommentar zum Gesamtwerk in allen seinen Facetten, von den Bemerkungen zu Kafka und den "Nihilismus", das Modethema der Nachkriegszeit bis zur lebenslangen Faszination durch Goethe wie durch die Technik. Beide, Zill wie Goldstein, porträtieren den Hochschullehrer Blumenberg, der seit dem Sommersemester 1978 keine Seminare und Kolloquien mehr, sondern nur noch Vorlesungen anbot, als so unwiderstehlichen wie gegenüber dem Publikum rücksichtslosen Monologisierer. Als junger Student hat Goldstein Blumenberg noch erlebt.

Zill erläutert den Zettelkasten Blumenbergs im Rückblick auf Schreibprozesse, in denen kurz vor ihrer Abdankung die Techniken analoger Gelehrsamkeit noch einmal kräftig aufblühen. Ein Bravourstück ist sein close reading der Lektürespuren, mit denen Blumenberg den kurz zuvor erschienenen Aufsatz Niklas Luhmanns über dessen Zettelkasten versehen hat. Zills Fokus ist nicht nur hier das Archiv samt der penibel geführten Lektüreliste, die produktive Zone, in welcher der "absolute Leser" seine Autorschaft vorantreibt.

Blumenberg ist am 28. März 1996 gestorben, aber er führt seitdem als Autor ein überaus reiches Nachleben. Jürgen Goldstein kennt die Archivexistenz Blumenbergs, aber sein Fokus ist die Bibliothek, aus der die Lektüren kommen und in die sie eingehen. Zu Recht mag er ihn auf eine Formel nicht festlegen, etwa die von Odo Marquard in seinem Nachruf ins Spiel gebrachte, sein Zentralmotiv sei die "Entlastung vom Absoluten" gewesen: der mythischen Gewalt, des christlichen Willkürgottes, der Übermacht des Politischen.

Sein Hang zum Virtuosentum erregte auch Misstrauen

Und er nimmt Blumenbergs Hang zur Anekdote gegen das Misstrauen in Schutz, hier suche einer Erholung von den Anstrengungen des Begriffs im Spiel mit den Formen der Literatur. Das Misstrauen traf einen gewissen Hang zum Virtuosentum, aber nicht den Kern von Blumenbergs Interesse an Metaphern und an einer "Theorie der Unbegrifflichkeit". Es zielte nicht auf Ermäßigung begrifflicher Anstrengung oder Flucht in die Anschaulichkeit, sondern auf die Vervollständigung und Selbstaufklärung der Begriffsgeschichte durch eine Überprüfung der Metaphern, die unvermeidlich und notwendig zur Geschichte des Denkens gehören. Für die Lektüre von Blumenbergs nun aus dem Nachlass herausgegebenem Buch "Realität und Realismus" ist Goldstein der ideale Begleiter. Nicht nur, weil er Blumenbergs Deutungen der Wirklichkeitsauffassungen in Antike, Mittelalter, Neuzeit und Moderne so gut kennt, sondern vor allem, weil er die "Geschichtlichkeit" in Blumenbergs Denken und Werk mit der konkreten Zeitgeschichte verknüpft. Durch die Bücher von Zill und Goldstein tritt die Geschichte als Schreibhintergrund hervor, vom Nationalsozialismus über die Atomdebatten bis zur Mondlandung. Man lese in "Realität und Realismus" die Passage, in der Blumenberg die Lebenserinnerungen des Anklägers im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess, Robert M.W. Kempner, kommentiert.

Hans Blumenberg: Beiträge zum Problem der Ursprünglichkeit der mittelalterlich-scholastischen Ontologie. Herausgegeben von Benjamin Dahlke und Matthias Laarmann. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 232 Seiten, 28 Euro.

Hans Blumenberg: Realität und Realismus. Herausgegeben von Nicola Zambon. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 230 Seiten, 30 Euro.

Jürgen Goldstein: Hans Blumenberg. Ein philosophisches Porträt. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2020. 624 Seiten, 34 Euro.

Rüdiger Zill: Der absolute Leser. Hans Blumenberg. Eine intellektuelle Biographie. 816 Seiten, 38 Euro.

© SZ vom 13.07.2020

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