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Deutsche Gegenwartsliteratur:Klavierlehrer eines Lebens

Warum aus dem fleißig übenden Hanns-Josef Ortheil doch kein Starpianist wurde, erzählt er in seinem jüngsten autobiografischen Roman.

Das Klavier ist ein großer Organismus, jede Taste ein Lebewesen. Und auch die zehn Finger des übenden Jungen sind Wesen mit eigenem Willen, eigenen Fähigkeiten und eigenen Zielen. Es dauert lange, sie dazu zu bringen, miteinander zu musizieren. Johannes ist noch keine fünf Jahre alt, als er sich das erste Mal ans Klavier setzt. Unter Anleitung seiner Mutter beginnt er vorsichtig die einzelnen Tasten zu drücken und Töne zu erzeugen. Bald spielt er schon kleine Etüden von Czerny, die er so lange poliert, bis daraus runde Kieselsteine aus Tönen geworden sind.

Johannes ist das Alter Ego in Hanns-Josef Ortheils musikalischer Autobiografie "Wie ich Klavierspielen lernte". Der Untertitel "Roman meiner Lehrjahre" lässt Goethes Wilhelm Meister anklingen und damit die Tradition des Bildungsromans. Wilhelm Meister allerdings begab sich ans Theater als der bürgerlichen Bildungsanstalt und damit hinein in ein gesellschaftliches Gefüge. Der Klavierspieler ist alleine. Er übt für sich und muss, wenn er es ernst meint, auf Freundschaften und Vergnügungen anderer Art verzichten. Der Weg zum Pianisten ist eine Passionsgeschichte, die mit Disziplin, Entsagung und Einsamkeit zu tun hat.

Ortheils umfangreiches Werk ist immer schon zu einem guten Teil autobiografisch geprägt gewesen. So hat er auch schon darüber berichtet, als Kind lange Zeit nicht gesprochen zu haben. "Wie ich Klavierspielen lernte" ist die musikalische Variation des Roman "Die Erfindung des Lebens" aus dem Jahr 2009, indem er alles, was das Klavierspiel nicht berührt, weglässt. Wieder reicht der zeitliche Rahmen von der Mitte der 50er-Jahre bis in die 70er. Schon damals erzählte er von der Mutter, die nach dem Verlust von vier Söhnen - zwei starben im Krieg, zwei in den Jahren danach - in Trauer verstummt war, sodass auch Ortheil selbst neben ihr verstummte und erst im Alter von sieben Jahren die ersten Sätze formulierte.

Musik ist mehr als bloß Klavierspiel. Sie ist eine existenzielle Entscheidung

Wie ihm und der Mutter die Musik zum Türöffner auf dem Weg zur Sprache wurde, schildert er jetzt in dieser hoch konzentrierten und bis zur letzten Seite spannenden Kindheits- und Jugendgeschichte. Die Töne durchströmen den Körper und öffnen die Sinne. Der Stau der Stummheit löst sich auf im Spiel. Nach dieser eminent leiblichen Urerfahrung ist klar, dass Musik mehr ist als bloß Klavierspiel. Sie ist eine existenzielle Entscheidung. Sie hat die Macht, verborgene Gefühlsschichten in Bewegung zu setzen. Sie spricht ihre eigene Sprache, direkt und unverstellt, sodass auf diesem Umweg schließlich auch das Sprechen mit Worten möglich wird.

Der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil, 1951 in Köln geboren.

(Foto: Lotta Ortheil/OH)

Die wichtigsten Figuren in dieser Welt sind folglich die Klavierlehrer mit ihren Marotten und besonderen Vorlieben. Die erste Lehrerin ist die Mutter, die in ihrer Kindheit in einem Internat am Rhein auf dem Flügel üben durfte, auf dem einst Franz Liszt seine Zuhörerschaft verzauberte. Sie spielt Schumann, Chopin und Liszt, nie etwas anderes, und will auch dem Sohn nur diesen musikalischen Raum eröffnen. Tagsüber arbeitet sie für eine Bibliothek, liest und sortiert Bücher, eine Arbeit, die sie stumm bewältigen kann. Mit ihrer traurigen Geschichte setzt Ortheil ein, denn musikalische Erziehung ist zunächst etwas Ererbtes, das von den Eltern auf die Kinder kommt. Am Klavier taucht er in die Geschichte der Mutter ein, um da hindurch zu seiner eigenen zu finden.

Bald kommen andere Lehrer mit eigenwilligen Methoden ins Spiel. Schon bei Frau Waigel, für die es nicht viel mehr als Tschaikowski und Rachmaninow gibt, entsteht der Wunsch, eines Tages einer der großen Konzertpianisten der Welt zu werden. Ihr folgt Herr Bergdorf mit der "Fundamentalphysik" des Klavierspiels, bei der es um Körperhaltung, Muskulatur und die Berechnung des Anschlags geht, ein Ansatz, der eher dem mathematisch orientierten Vater als der romantischen Mutter entgegenkommt. Walter Fornemann, der dritte Lehrer, ist für musikalische Bildung und Harmonielehre zuständig. Und immer sind auch die Eltern in Auseinandersetzungen verstrickt, was für den Sohn das Beste wäre, wie er schneller vorankäme.

All das aber wäre nichts ohne dessen Bereitschaft, zu üben, zu üben und nochmals zu üben. Was das bedeutet, macht Ortheil eindrucksvoll klar. Vor aller Kunst kommt das Training, ein Fitnessprogramm für Finger, Hände und Arme, Schulter und Rücken, eine Konzentrations- und Ausdauerübung für den Kopf, bis sich ein motorischer Automatismus einstellt, mit dem das freie Spiel erst beginnt.

Zu den Übungsstunden kommen theoretische Studien, und so wie alles Schreiben aus dem Lesen hervorgeht, geht das Musikmachen aus dem Musikhören und dem Eintauchen ins Universum der Klänge hervor. Bald führt Johannes ein Notizbuch, in dem er Konzerteindrücke festhält und Pianisten beschreibt: ihr Aussehen, ihren Anschlag, ihre Attitüde. Besonders beeindruckt ihn der damals, Anfang der 60er-Jahre, höchst umstrittene Glen Gould, den er bei einem Konzert in Salzburg erlebt: "Der Kopf lauert nur wenige Zentimeter über der Tastatur, und ich verstehe nicht, wie er es in solcher Position schaffen will, die Hände mühelos auf die Tasten zu legen. Er hebt sie jedoch einfach sehr hoch und lässt sie dann über den Tasten schweben, vorsichtig, als wären die Tasten rohe Eier." Da lässt sich aus der Beschreibung heraus tatsächlich hören, wie Gould spielte.

War diese Kindheit am Klavier eine glückliche oder eine unglückliche?

Ortheil erzählt die Geschichte seiner Lehrjahre aus doppelter Perspektive: Neben den häufig im Präsens gehaltenen Erinnerungen gibt es eine Gegenwartsebene, in der der ältere Schriftsteller sich nach Jahren wieder an den Flügel setzt und - wie einst - zu üben beginnt. Sein Kindheitswunsch, ein großer Pianist zu werden, scheiterte schließlich daran, dass der Körper rebellierte. Eine Sehnenscheidenentzündung machte die Fortsetzung der Karriere gerade dann unmöglich, als sie mit einem Stipendium in Rom endlich in Gang gekommen zu sein schien. Dass aus Ortheil deshalb ein Schriftsteller wurde und kein Pianist, ist die Konsequenz dieses durchaus tragischen Moments.

Hanns-Josef Ortheil: Wie ich Klavierspielen lernte. Roman meiner Lehrjahre. Insel Verlag, Berlin 2019. 318 Seiten, 24 Euro.

Hat sich das Exerzitium des Übens von klein auf gelohnt? War diese Kindheit am Klavier eine glückliche oder eine unglückliche? Ortheil stellt die Frage nur indirekt und lässt sie offen. Sicher ist, dass man seine Lehrjahre nicht von ihrem Ende her beurteilen darf. Auch eine große Freundschaft brachte ihm die Leidenschaft zur Musik ein: In einem Pianohaus, in das ihn der Vater mitnimmt, lernt er den Sohn des Flügelverkäufers kennen und in ihm einen Pianisten, der ihm selbst voraus und überlegen ist. Dieser Junge wird später auch den Schritt zur großen Solokarriere schaffen und verwandelt sich in einen dieser exaltierten Künstler, bei denen man nie weiß, ob das angekündigte Konzert auch stattfindet oder ob sie sich lieber unpässlich fühlen. Johann ist da dann schon raus aus dem Spiel.

Der alte Erzähler schließt am Ende ein wenig müde geworden den Klavierdeckel und verlässt das Musikzimmer. Als Kind stellte er sich vor, dass die Tasten sich in ihrer Höhle weiter bewegen. Jetzt weiß er, dass alles, was weiterklingt, aus ihm selber kommt, so wie dieser Roman als großes Echo eines Lebens mit der Musik.