Popkolumne:So viel ist verbrannt hier im Paradies

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Neue Musik von Hannah King, DJ Lag, Swampp Dogg und Haiyti - und die Antwort auf die Frage, was die digitale Revolution aus dem Pop gemacht hat.

Von Jens-Christian Rabe

Der britische Guardian stellt in einem großen Artikel gerade fest, was es heute für jüngere Künstler wirklich bedeutet, Musik zu machen: Vermögenswerte für Social-Media-Konzerne zu schaffen. Bittere Wahrheit. Ohne nervenaufreibende ständige Pflege und Ausstattung der Social-Media-Präsenzen geht es nicht mehr. Gerade weil Popmusik durch die Streamingdienste weniger als früher Mittel zur Identitätsstiftung ist als anonymisierte Tonspur des Lebens. Wer da noch auffallen will, muss alles geben, jeden Tag. Dazu passen die jüngsten Meldungen, dass inzwischen erheblich weniger neue Musik gehört wird (also Songs, die jünger als 18 Monate sind), als noch vor wenigen Jahren. Das bedeutet allerdings nicht, dass überhaupt nichts Neues mehr passiert. Es ist nur nicht mehr ganz so häufig und es fällt einem nicht mehr zwangsläufig bequem direkt vor die Füße, zumal dann nicht, wenn man nicht mehr der Jüngste ist. Es ist insbesondere für alternde Hipster und sonstige Popnasen mitunter nicht ganz leicht, sich das einzugestehen. Aber es ist so. Man mache den Test mit der guten alten Frage: Ist die Welt so langweilig - oder bin ich Buddhist geworden? Man darf stattdessen aber natürlich auch einfach erst mal ins neue Album "Meeting With The King" von DJ Lag hineinhören. Der südafrikanische DJ und Produzent Lwazi Asanda Gwala alias DJ Lag ist Pionier von Gqom, der jüngsten, in den mittleren Zehnerjahren aufgetauchten, neuen Popmusik, einer so abstrakten, nervös ruckelnden und doch unwiderstehlich rollenden elektronischen Tanzmusik.

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Apropos neue Könige: Die Sängerin Hannah Merrick und der Gitarrist Craig Whittle aus Liverpool sind die Band King Hannah und ihr Debütalbum "I'm Not Sorry, I Was Just Being Me" (City Slang) ist ein wunderbar tagtraumhaft verwehtes Stück Indie-Pop geworden. Denkbar weit entfernt natürlich vom ganz Neuen. Weniger allerdings ein Beweis dafür, dass der alte Pop den neuen umbringt, als - im besten Sinne - dafür, wie fruchtbar das Neue das Alte macht. Man höre nur "A Well-Made Woman" oder "All Being Fine" oder "Big Big Baby". Düster dahingeraunt durch diverse zäh-verzerrte Gitarrenwolken, und doch nicht ohne Swing. Wie der Soundtrack zu einem David-Lynch-Neo-Noir-Film, in dem der Horror des Unterdrückten und Irrationalen unserer Existenz mal nicht zur Verzweiflung getrieben, sondern zum Tanz gebeten wird.

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Mehr als würdevoll zu Altern ist im Pop den wenigsten gegeben. Und das ist ja auch schon schwer genug in einer Kunst, in der es darum geht, dem Ehrwürdigen schön einzuheizen und derweil vor aller Welt mit voller Wucht so zu tun, als traue man keinem über 30. Was soll man da erst tun, wenn man jenseits der 80 ist und nicht aufhören muss oder möchte? Tja, sagen wir so: Zu Beispiel einfach mal das, was der 1942 geborene amerikanische Soulsänger Jerry Williams Jr. alias Swamp Dogg so tut: Im achtundsechzigsten Karrierejahr ein Album aufnehmen mit dem Titel "I Need a Job... So I Can Buy More Auto-Tune" (Don Giovanni Records) - und das dann aber nicht so grandseigneurhaft kritisch meinen, sondern wirklich mit ganzem Herzen mit Auto-Tune singen, diesem teuflischen Tonhöhenkorrekturprogramm. Der Geißel des modernen Pop. Ursprünglich erfunden wurde es, um Menschen, die nicht singen können, unbemerkt so klingen zu lassen, als könnten sie es. Wurde dann aber natürlich alles fröhlich übertrieben und der Gesang flatterte plötzlich gespenstisch roboterhaft kristallin in alle Richtungen. Cher machte den Effekt mit ihrem Hit "Believe" Ende der Neunziger weltberühmt. Kanye West gelang es 2008 auf seinem Album "808s & Heartbreak" sogar, ganz große Popkunst daraus zu machen. Im klassischen Oldschool-Soul kam der übertriebene Auto-Tune-Einsatz nie an, kein Popkunst verehrt die Stimme schließlich so sehr als Medium des Herzens. 2018 nahm sich Swamp Dogg der Sache auf "Love, Loss & Autotune" dann kongenial an. Nun also noch einmal und kein bisschen weniger gut. Man höre nur die Single "I Need A Job". Ewiger Zauber des Pop: Etwas sehr Lächerliches so ernst nehmen bis man mit ihm zusammen über sich selbst lachen kann. In einer besseren Welt wäre das jetzt schon der größte neue Sommerhit aller Zeiten.

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Und noch eine Empfehlung zum Schluss, auch weil diese Rapperin unter den wenigen wirklich bedeutenden deutschen Popkünstlern der Gegenwart sicher diejenige ist, die sich am konsequentesten den neuen Produktionsbedingungen unterwirft und neue Songs in einer Frequenz in die Welt entlässt als gäbe es keinen Morgen oder nein, eher als gäbe es immer nur noch den einen nächsten Morgen: Unbedingt gehört haben sollte man dieser Tage die neue Haiyti-Single "Bevor es endet". Famos dystopische Trap-Rap-Kunst, Depri-Größenwahn deluxe, Musik zu Zeit: "Gib mir Deine Hand, denn sonst fall ich tief/So viel ist verbrannt hier im Paradies/Spür', wie mich die Sonne blendet/Sag mir, wann ist es zu Ende?"

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