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Hannah Arendt:Dem  Irrtum in die Augen schauen

"We Refugees" ("Wir Flüchtlinge") war 1943 als eine der ersten englischsprachigen Veröffentlichungen Arendts in der Zeitschrift "Menorah Journal" erschienen.

Sie lag auch mal falsch: Hannah Arendt (1906-1975).

(Foto: dpa)

Über die "Denkerin der Stunde" hat Richard J. Bernsteins ein grandioses Buch verfasst.

Von Thomas Meyer

Die Zuschreibung, jemand verfüge über "intime Kenntnis" eines Werkes, ist aus der Mode gekommen. Im Falle von Richard J. Bernsteins Wissen über Hannah Arendts Denken wird man aber nicht um die Phrase herum kommen, allenfalls das Wort "inwendig" könnte sie ersetzen. Dass der seit 1989 an der New School for Social Research in New York lehrende Bernstein und Arendt einander sehr gut kannten und kollegial schätzten, verschweigt der Philosoph aus guten, hermeneutischen Gründen. Das Buch ist nämlich kein Freundschafts- oder Verehrungsdokument, sondern eine pointierte und auch kritische Auseinandersetzung mit ihrem Schaffen.

Man sollte sich nicht vom leicht missverständlichen Titel oder kleineren Fehlern ablenken lassen: die "Denkerin der Stunde" ist Arendt nämlich gerade deshalb für Bernstein, weil sie sich selbst der jeweiligen geistigen und politischen Situation der Gegenwart, ja, der "Stunde" aussetzte. Arendt intervenierte, wenn sie es für nötig hielt. Dass sie dabei auch immer wieder falsch lag, etwa bei ihrer äußerst schematischen Analyse der Unruhen in Little Rock 1957, als neun schwarze Schüler für einen ganzen Tag eine "weiße" Schule nur mit Hilfe der Polizei und der Armee besuchen konnten, verschweigt er nicht. Ebenso wenig, dass Arendt Adolf Eichmanns Auftritt bei dessen Prozess falsch einschätzte oder sich historisch und moralisch gegenüber den Judenräten irrte. Doch er belässt es nicht dabei. Indem er auf Distanz zu Arendts Fehlern und Zuspitzungen geht, sieht er auch die Klischees, die sich aus ihnen gebildet haben. Dadurch wird ein freierer Blick auf ihre Argumente möglich.

Warum er sich nun erneut mit Arendt beschäftigte fasst Bernstein in drei Punkten zusammen: Ihr Verständnis von Politik war nicht rein theoretisch, sondern immer auf die Praxis und die Verwerfungen des Konkreten in der Politik abgestellt. Zudem durchzog ein "revolutionärer Geist" Arendts Denken, das sich weder der immer bloß konstruierten Tradition unterwarf, noch das Neue um des Neuen willen guthieß. Und schließlich liest er Arendt als Zeitgenossin, nimmt ihren Hinweis ernst, Wirklichkeit nicht mit einem "Image" davon zu verwechseln und Öffentlichkeit als Ort zu verstehen, wo Politik entsteht und verhandelt werden muss.

Wichtig ist zudem, dass Bernstein erst gar nicht auf die dämliche, aber immer wieder thematisierte Gegenüberstellung einlässt, wonach der in der Öffentlichkeit Engagierte der schlechtere Denker oder Künstler sein müsste. Arendts Wachheit verdankte sich dem Müde-sein gegenüber dem Unrecht und der Gewalt in der Welt. Bernsteins glänzend von Andreas Wirthensohn übersetztes und mit hilfreichen Bemerkungen angereichertes Buch bietet ein engagiertes Plädoyer für ein offenes, dem Irrtum in die Augen schauendes Denken. Es reiht sich damit in die Liste kluger Einführungen zu Arendt ein, die in jüngerer Zeit von Jana V. Schmidt (Metzler Verlag), Maike Weißpflug (Matthes & Seitz) und vor allem von Stefania Maffeis (Campus) vorgelegt wurden.

Richard J. Bernstein: Denkerin der Stunde. Über Hannah Arendt. Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn. 141 Seiten, 14 Euro. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020.

© SZ vom 10.11.2020

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