Haneke-Remake von "Funny Games"Folter, die zweite

Lesezeit: 3 Min.

Er will die Medien kritisieren und die Menschen provozieren. Dazu kopiert Michael Haneke sich selbst und bringt sein Gewalt-Experiment "Funny Games US" ins Kino.

Gabriela Herpell

Man tendiert nach den jüngeren Ereignissen dazu, Österreicher in Sippenhaft zu nehmen. Und wenn man einen Schritt weitergeht, zum Beispiel der österreichischen Schriftstellerin Elfriede Jelinek hinterher, die auf ihrer Homepage geschrieben hat: "Österreich ist eine kleine Welt, in der die große ihre Probe hält" - dann kommt man auch schon ganz schnell bei dem Regisseur Michael Haneke an. Der gerne Schwarz trägt und einen weißen Bart, der unbändig lachen kann und auch sonst ein ganz reizender Mann ist. Der aber leider Filme dreht, die Kritiker und Jury-Mitglieder hoch erfreuen und gut gelaunte, ausgeglichene, aber unvorbereitete Menschen quälen sollen, wie zum Beispiel seine bedrückende Verfilmung des bedrückenden Jelinek-Buchs "Die Klavierspielerin", für die Haneke mehrere Preise erhielt.

Meister der Provokation: Michael Haneke.
Meister der Provokation: Michael Haneke. (Foto: Foto: ddp)

Sein neuer Film heißt "Funny Games US", gedreht im Jahr 2007 mit Naomi Watts und Tim Roth in den Hauptrollen. Und er ist ein Remake von "Funny Games", gedreht im Jahr 1997 mit Susanne Lothar und Ulrich Mühe in den Hauptrollen. Beide Versionen stammen von Haneke. Und schon die erste war mal wieder kaum auszuhalten.

Die Handlung: Eine junge Familie - Vater, Mutter, Kind - wird von zwei weißbehandschuhten, über alle Maßen höflichen jungen Männern zunächst bedroht, dann gequält und schließlich, einer nach dem anderen, umgebracht. Die Typen haben nicht nur kein Herz, sie haben auch offensichtlich überhaupt keinen Grund dafür, die Leute zu massakrieren. Es ist ein lustiges Spiel für sie, und weil sie offenbar von einer Familie zur anderen ziehen und morden, haben sie ihr Vorgehen mit der Zeit so perfektionieren können, dass sie die maximale Angst und das maximale Leid provozieren.

So ist es in der ersten Version passiert. Und genauso passiert es auch in der zweiten Version. Warum also gibt es die? Einen neuen Anlauf zu machen ist zwar durchaus löblich, aber es wirkt doch immer wie ein Eingeständnis, wie eine Korrektur... Hier, muss man wohl sagen, nicht. Haneke hat an der Inszenierung nichts korrigiert. Er hat sein eigenes Werk kopiert, bis in die kleinste Einstellung hin abgepaust. Warum? Österreich, wo der erste "Funny Games" spielte, ist nur die kleine Welt, Haneke aber will der großen etwas zeigen.

Eine Medienkritik will der 66-Jährige formulieren: Vor Internet und Fernsehen kannte sich der Mensch aus in seiner Welt, habe dort über "jeden Baum und jedes Blümelein Bescheid gewusst", aber vom Krieg im Irak, von hunderttausend Toten in Birma, von Amstetten hätte er nicht einmal etwas geahnt. Heute sitzt er in seiner Stube und hat das Gefühl, die Welt sei voller Gewalt. Und stumpft, glaubt Haneke, möglicherweise ab gegen das, was in seiner Nähe passiert.

Dieses Remake drehte Haneke nur, weil "der erste Film aufgrund der deutschen Sprache das Publikum, für das er eigentlich gedacht war, nicht erreicht hat. Er ist in den englischsprachigen Ländern, insbesondere in den USA, natürlich nur in diesen kleinen Kunstfilmkinos gelaufen. Und das war absolut nicht die Absicht, die ich hatte." Und warum überhaupt muss es noch mal so gewalttätig zugehen darin, warum müssen die Figuren so unnachvollziehbar gewissenlos sein? Ach ja: Der klassische Genre-Film würde dem Zuschauer doch nur eine beruhigende Erklärung liefern, so etwas wie: Die Mörder wurden als kleine Jungs von ihren Müttern verprügelt. Und so eine beruhigende Erklärung sei doch nur "ein Alibi für den Zuschauer, durch das er die Gewalt dann genießen darf."

Es gehe in dem Film aber nicht um die Psychologie von Mördern, sondern darum: Wie er, Haneke, den Zuschauer so bei der Stange hält, dass er ihn überall dorthin bringt, "wo ich ihn haben will, und mit ich meine ich in diesem Fall: das Medium. Mein Film ist ein Spiel mit dem Zuschauer, um ihm vor Augen zu führen, wie ich ihn manipulieren kann. Und wie sehr er bereits an Gewalt gewöhnt ist."

Haneke will also die Medien kritisieren. Er will die Menschen provozieren, und zwar viele Menschen. Die bitte trotzdem nicht an Kunstfilm denken sollen. Interessant, denn: Banaler als dieser Anspruch könnte ein Happy End doch gar nicht sein. Und trotzdem denkt man auch bei diesem Haneke wieder: Kunst. Kunstfilm. Kunstfilmkino. Wo sind die anderen? Will ich vielleicht ein Eis?

Vielleicht stumpfen wir ja wirklich ab.

© SZaW vom 24./25.05.2008/ehr - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite
  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: