Handke und kein Preis Die Selbstinszenierung der üblen Nachrede

Schlimmer hätte es für Peter Handke nicht kommen können: Wie man eine Jury, einen Preis und einen Autor beschädigt - und am Ende 50000 Euro spart.

Von THOMAS STEINFELD

So geht das nicht: Der Oberbürgermeister der Stadt Düsseldorf kann nicht bei Peter Handke anrufen, um ihm mitzuteilen, dass er in diesem Jahr den Heinrich-Heine-Preis erhalten wird, wenn wenige Tage später die Fraktionen des Stadtrats beschließen, die Vergabe zu verhindern. So geht das nicht: Der gewesene Historiker, Museumsdirektor und jetzige Politiker Christoph Stölzl kann nicht Mitglied einer literarischen Jury sein und sich, sobald öffentliche Kritik an deren demokratisch gefasster Entscheidung laut wird, in die Kulissen flüchten und erzählen, der zukünftige Preisträger sei nicht sein Kandidat gewesen. So geht das nicht: Dass sich jetzt Politiker reihenweise zu Wort melden und die Preisvergabe als ¸¸schäbig" , ¸¸nicht denkbar" oder ¸¸unsensibel" kritisieren, während sie zugleich keinen Zweifel daran lassen, die inkriminierten Schriften Peter Handkes nie gelesen zu haben. Wenn die Düsseldorfer Lokalpolitikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann behauptet, Peter Handke habe ¸¸Mord, Vertreibung, Massenfolter und Vergewaltigung" relativiert, dann irrt sie. Ebenso Fritz Kuhn, der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, wenn er kolportiert, Peter Handke habe Slobodan Milosevic verteidigt.

So kommt einiges zusammen: fehlende Sachkenntnis, Mangel an Anstand und Urteilsvermögen, Opportunismus.

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So kommt einiges zusammen: fehlende Sachkenntnis, Mangel an Anstand und Urteilsvermögen, Opportunismus. So groß ist der nun durch haltloses Quatschen eingetretene Schaden, dass es schon kaum mehr lohnt, nach einzelnen Fehlern zu suchen. Gewiss, es war eine schlechte Idee der Jury, die Auszeichnung für ein hohes Maß an ¸¸Eigensinn" zu verleihen. Denn Eigensinn ist nicht schon als solcher etwas Nützliches und Wertvolles. Der ¸¸Eigensinn" als solcher - das war der Kitsch des Widerständigen, mit dem sich der Spontaneismus der siebziger Jahre im intellektuellen Leben breitmachte. Aber sei"s drum. Die Jury hat sich nun selbst desavouiert, in Gestalt ihrer dissidenten Mitglieder, der Oberbürgermeister durch voreiliges Telefonieren, der Stadtrat durch haltloses Urteilen und Richten, und der Heinrich-Heine-Preis muss, der Erhöhung des Preisgeldes auf fünfzigtausend Euro zum Trotz, bis auf weiteres als Farce gelten. Und zu allem Elend kommt hinzu, dass Peter Handke, der doch an dieser Düsseldorfer Geschichte wirklich unschuldig ist, nun als der Dichter wird gelten müssen, der den Preis nicht bekam.

Peter Handke hat am Dienstag in einem kleinen Artikel für die Frankfurter Allgemeine Zeitung die drei wichtigsten Irrtümer richtig gestellt, die über sein Verhältnis zu Serbien, den Serben und zu Slobodan Milosevic im Umlauf sind: Es stimme nicht, dass er die während der jugoslawischen Kriege verübten Massaker verleugnet habe, auch nicht das von Srebrenica. Er habe Slobodan Milosevic nicht als Opfer bezeichnet, und den Vergleich zwischen Serben und Juden, der ihm, wie er sagt, in der großer Aufregung und in einer fremden Sprache unterlaufen sei, habe er umgehend als ¸¸Un-sinn" revidiert - und diese Revision zudem mehrfach wiederholt, zuletzt in einem Artikel für die französische Tageszeitung Libération vom 22. Mai dieses Jahres.

Das habe er getan, schreibt er, ¸¸im Bewusstsein (und aus der Erfahrung), dass jede Einzelne meiner Berichtigungen wieder eine Mehr- und Unzahl neuer und anderweitiger Irrtümer (hm) auslösen wird". Und auch damit hat er offenbar Recht. Nur: die Selbstberichtigung hilft ihm nicht. Selbst wenn er mehrfach erklärt, sich geirrt zu haben, werden die von ihm zurückgenommenen Formulierungen weitergetragen, als handele es sich um unerschütterliche Wahrheiten. Der Heinrich-Heine-Preis wäre eine Gelegenheit, wäre die Gelegenheit schlechthin gewesen, den Automatismus der üblen Nachrede zu unterbrechen. Leider ist diese Gelegenheit nun vertan.

Der Korrektur der landläufigen Irrtümer lässt Peter Handke in seinem kleinen Beitrag die Bitte folgen, man möchte die sechs Werke sorgfältig lesen, die er im Lauf der vergangenen fünfzehn Jahre zu Jugoslawien veröffentlicht hat. Ja, das sollte man tun, und man sollte auch die Interviews hinzuziehen, die er während dieser Zeit gegeben hat und in denen er oft auf Serbien zu sprechen kann. Und schließlich dürfte man auch die Bilder nicht vergessen, die Fotografien von seinem Aufenthalt in einer von Bomben zerstörten Fabrik und den Film, den es von seinem Auftritt beim Begräbnis von Slobodan Milosevic in PoZarevac gibt. Man wird viel Dichtung in diesem Werk finden, Episches, auch viel Wahres - und einiges, was irritiert. Handkes Texte und Gesten werden immer dann kritikwürdig, wenn sich in ihnen in die Zuneigung zu den Serben und ihrem Land eine, wenn auch subjektiv vorgetragene Treue zum serbischen Staat und zur Politik der Jahre von 1990 bis 2000 mischt.

Peter Handke ist einer der wenigen deutschsprachigen Schriftsteller nach dem Zweiten Weltkrieg von internationalem, bleibendem Rang, ein Dichter mit einem großen Werk, ein Schriftsteller von großer Wahrhaftigkeit, Akribie und Sprachgewalt. Das Offensichtliche an diesem Umstand hat zu einem sonderbaren Konsens im Urteil über seine Person geführt: ja, er sei ein wunderbarer Autor, lautet dieser faule Kompromiss, aber in seinen politischen Überzeugungen hänge er einer Privatmythologie an und sei gleichsam nicht zurechnungsfähig. Es ist an der Zeit, dieses bequeme Auseinander zu revidieren. Denn warum war Peter Handke beim Begräbnis? Um dem verstorbenen Präsidenten und mutmaßlichen Kriegsverbrecher die Treue zu bewahren? Gewiss, es gibt die fatale Symbolik einer solchen Szene, und sie befremdet. Und doch kennt man die Motive Peter Handkes nicht. Man sollte ihn danach fragen, und wenn man mit der Auskunft nicht zufrieden ist, dann sollte man noch einmal fragen.

Einige Tage vor seiner Reise nach Serbien war in Le Monde ein Artikel erschienen, der von PoZarevac als von einer ¸¸seelenlosen Stadt" sprach. Die abfällige Formulierung hat ihn aufgebracht. In einem Artikel mit dem Titel ¸¸Sprechen wir also über Jugoslawien", der in der Libération vom 10. Mai 2006 erschien, hat er sich mit solchen ¸¸ausschließlich präfabrizierten Worten, unendlich oft wiederholt, gebraucht wie automatische Waffen" auseinander gesetzt. Möglicherweise haben die Selbstgerechtigkeit und das pauschale Urteil, die in solchen Worten stecken, etwas mit seiner Abreise zu tun gehabt? Und mit all seinen Reisen nach Serbien, und mit den Werken, die daraus entstanden sind? Und wäre es nicht furchtbar, wenn die einzige Antwort, die er auf ein solches Insistieren bekommt, nur in präfabrizierten Worten wie ¸¸unerhört" , ¸¸skandalös" oder ¸¸unsensibel" bestehen? Der Suhrkamp Verlag spricht schon von der ¸¸Ächtung" seines Autors. Noch ist das übertrieben. Aber wie lange noch?