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Literaturnobelpreis für Handke:Der Schmerz ist real

Ein Kosovo-Albaner protestiert vor der schwedischen Botschaft in Pristina gegen die Verleihung des Literaturnobelpreis an Peter Handke.

(Foto: AFP)

Mitglieder des Nobelpreiskomitees verteidigen ihre Entscheidung für Peter Handke - ihre Argumentation verfehlt allerdings den Kern der Debatte.

Im Svenska Dagbladet ist soeben ein Aufsatz des schwedischen Literaturwissenschaftlers Henrik Petersen erschienen, in dem es um die Frage geht, ob Peter Handke ein ideologischer Autor ist. Das ist aus zwei Gründen bemerkenswert. Zum einen wegen des Vorgangs selbst: Henrik Pedersen ist externes Mitglied jenes Komitees, das Peter Handke den Nobelpreis zuerkannt hat. Bislang hatte sich die Schwedische Akademie eher verhalten wie das Orakel von Delphi: In knappen Sätzen verkündete sie die Namen der Preisträger und ließ die Menschheit mit der Aufgabe, ihre Entscheidungen auszulegen, weitgehend allein. Diese Zurückhaltung trug zu dem Nimbus der Akademie als einer Instanz bei, die dem täglichen Auslegungsstress enthoben ist, die nicht in Saisons denkt, sondern in Jahrhunderten und Epochen. Deshalb ist die Veröffentlichung riskant. Zum ersten Mal lässt sich die Akademie in die Karten schauen und erlaubt auf diese Weise Einwände.

Zum anderen verteidigt Pedersen Handke gegen Vorwürfe, die mit der Kontroverse um die Preisvergabe nur am Rande zu tun haben. Die Frage, ob Handke ein politischer Autor ist, verfehlt den Kern der Debatte. Der Vorwurf gegen Handke lautet vielmehr, dass er in seinen Texten über den jugoslawischen Bürgerkrieg die unpolitische, rein poetische Dimension seines Schreibens so weit getrieben hat, dass am Ende eine Erzählung herausgekommen ist, die faktisch schlicht falsch ist. Dass er im Sinne der poetischen Subjektivität zur Auslegungssache erklärte, was sich nicht leugnen ließ: der Genozid der Serben an den Bosniaken.

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Nach scharfer Kritik erklären nun Mitglieder der Akademie, warum sie Handke den Literaturnobelpreis verliehen haben. Dieser sei ein radikal unpolitischer Autor, heißt es in der Erklärung eines Jurors.

Selbst wenn man Handke zugesteht, dass er der profanen Medienwirklichkeit seine poetische Wahrheit zur Seite stellen wollte, bleibt am Ende doch die Relativierung von Kriegsverbrechen. Der Dichter hatte sich verrannt. Weite Teile der Öffentlichkeit haben ihm die Fehler aus dieser Zeit, die er längst eingeräumt hat, nie verziehen. Alte Wunden brechen auf, in Kommentaren wird Handke jetzt als Faschist, Nazi und Kriegstreiber beschimpft.

Das ist absurd, doch der Schmerz, den Handkes Texte verursacht haben, ist real. Für viele Bosniaken und Kroaten, die den serbischen Massakern oft nur durch Glück entkommen sind und die heute in Deutschland oder Frankreich leben, hier Parlamentarier sind, Romane schreiben, Unternehmen führen, war die Zuerkennung des Nobelpreises an Handke niederschmetternd. Saša Stanišić hat diese Erschütterung in seiner Dankesrede für den Deutschen Buchpreis in Frankfurt zum Ausdruck gebracht: "Ich hatte das Glück, dem zu entkommen, was Peter Handke in seinen Texten nicht beschreibt."

Vor diesem Hintergrund gibt das Komitee in Henrik Petersens Aufsatz kein gutes Bild ab. Pedersen verteidigt Handke nur gegen die abwegigsten Vorwürfe. Aber er setzt sich nicht mit der Frage auseinander, ob die Auszeichnung für Peter Handke wirklich so unumgänglich war, dass sie eine erneute Verletzung der Opfer der serbischen Kriegsverbrechen rechtfertigt. Für diese Minderheit, die jetzt in der zweiten Generation in den Ländern Westeuropas lebt und sich hier eigentlich zu Hause fühlt, geht von der Entscheidung der Akademie zwangsläufig die Botschaft aus: Eure Geschichte spielt für uns keine Rolle. Pedersens Aufsatz erweckt den Eindruck, dass das Komitee über diese Frage nicht einmal nachgedacht hat.

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