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Handbuch zum zivilen Widerstand:Extinction Rebellion

(Foto: S. Fischer Verlag)

Von Meredith Haaf

Ein guter Sammelband ist schwer zu finden, einer mit politischem Anspruch erst recht. Thematische Sammelbände haben oft ein Wiederholungsproblem, die Beiträge ähneln sich in Aufbau und Richtung zu sehr. Und die Schwachstelle der politischen Publizistik liegt zwischen Analytik und Appell: Ein Text kann weder von dem einen, noch von dem anderen zu viel gebrauchen, Sammelbandtexte haben aber oft beides im Überschuss.

"Wann wenn nicht wir", das Handbuch der Aktions-Bewegung "Extinction Rebellion" (kurz XR, zu deutsch Rebellion gegen das Aussterben) ist ein Beispiel dafür, wie es besser geht. Der Schlüssel ist die Praxis. Die Programmatik von XR ist allgemein verständlich: "Die Regierung" jedes Landes wird aufgefordert, die Wahrheit über die Klimakrise zu sagen, jetzt zu handeln und Politik neu zu leben. Das wirkt erst mal ganz schön schlicht. Aber man soll das Buch auch gar nicht lesen, wenn man sich noch fragt, was die Politik tun soll. Es richtet sich an eine Leserschaft, die an der eigenen politischen Motivation und Tätigkeit interessiert ist.

XR ist als dezentrale Protestbewegung für eine effektive und gerechte Klimapolitik in Großbritannien entstanden und hat sich dem Prinzip des organisierten zivilen Widerstandes möglichst großer Menschenmengen ("idealerweise 50 000 Menschen") verschrieben. Inzwischen haben sich an Dutzenden Standorten weltweit Gruppierungen gebildet, die gern vor Regierungsvierteln aufsehenerregende, bewusst illegale Aktionen unternehmen. In dem durchillustrierten Handbuch liefern Autoren wie Susie Orbach, Sam Knights und Aleida Assmann dafür die theoretischen und politischen Grundlagen (und zeigt an diesen Stellen auch die üblichen Schwächen). Im zweiten Teil aber wird es richtig praktisch: Man kann hier in jedem Text etwas über gelebten Aktivismus und Alternativen lernen. Teil Drei ist ein wundervolles, übersichtliches Handbuch, darin unter anderem: Anleitungen für Straßenblockaden und lautlose Kommunikation wie sie etwa im Hambacher Forst praktiziert wurde, und ein Glossar der wichtigsten Demokratiegrundrechte. Wer wissen will, wie sich Klimaschutz-Aktivisten heute selbst sehen, wer nach einer gesunden politischen Haltung in Anbetracht klimabedingter Verzweiflung sucht, wer daran interessiert ist, eine politisch relevante Bürgerin außerhalb der üblichen Strukturen zu werden, kann dieses knallpinke Buch gut gebrauchen.

© SZ vom 28.09.2019

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