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Halbzeitbilanz in München:Die schäumende Lust an der Uneigentlichkeit

Ein Münchner Missverständnis? Das ist wohl das künstlerische Fazit der ersten Hälfte von Matthias Lilienthals Intendanz an den Kammerspielen.

Szene aus "The Virgin Suicides", Inszenierung Susanne Kennedy.

(Foto: Judith Buss)

Schon vor Beginn seiner Intendanz an den Kammerspielen in München spaltete Matthias Lilienthal das Theaterpublikum. Im Sommer 2015 ließ er unter dem Titel "Shabbyshabby Apartments" in der Münchner Innenstadt Hütten aufstellen, in denen man, während der Verkehr an einem vorbeirauschte, eine Nacht verbringen konnte, um sich Gedanken über den prekären Wohnungsmarkt zu machen. Die Aktion, von Lilienthal eineinhalb Jahre zuvor beim Festival "Theater der Welt" in Mannheim erfunden, zeigte bereits wichtige Parameter seiner folgenden Intendanz auf: Sie erregte Aufsehen, beruhte auf einem einzigen Gedanken, gab sich politisch, definierte den öffentlichen Raum als Bühne und benötigte keine Schauspieler. Und: man brauchte für "Shabbyshabby" nicht einmal ein Theater.

Als dieses, das Theater, dann endlich an den Kammerspielen einsetzte, scheiterte Nicolas Stemann an Shakespeares "Kaufmann von Venedig", brachte Peaches ein bisschen Berliner Cabaret auf die Bühne, lieferten Rabih Mroué und Alexander Giesche bedeutungsloses Zeug ab und erlitt Simon Stone die bislang einzige echte Niederlage seiner Regiekarriere in Europa.

Aber: Schon viele Intendanten hatten hier einen schwierigen Beginn ihrer Amtszeit verkraften müssen. Als Frank Baumbauer 2001 die Münchner Kammerspiele übernahm, war das erste Jahr auch eher durchwachsen. Irritierend an Lilienthals Beginn war jedoch nicht das Was, sondern das Wie. Denn nominell waren zumindest Stemann und Stone Künstler, von denen man Großes erwarten durfte. Doch ihre Arbeiten wirkten hier fahrig, nicht durchdacht - und das Publikum blieb ratlos.

Die Kammerspiele haben ein inhaltliches, kein ästhetisches Problem

Gerade bei einem Haus, das sich so sehr über die Dramaturgie definiert wie die Kammerspiele unter Lilienthal und dem Chefdramaturgen Benjamin von Blomberg, der sich alsbald aus dem Staube machte, verblüffte von Anfang an und verblüfft noch jetzt, wie wenig Gedankenleistung in manchen Produktionen steckte. Oft reichte eine Videobrille als Idee, für manche das Personenverzeichnis eines Romans. "War and Peace" nach Tolstois "Krieg und Frieden" von der Gruppe Gob Squad zeigte dazu noch exemplarisch auf, dass frei und selbständig arbeitende Theatergruppen nur mit viel Fürsorge in einen Stadttheaterbetrieb zu integrieren sind. Diese Fürsorge fehlte offenbar, und She She Pop, Philippe Quesne und eben Gob Squad blieben weit hinter dem zurück, was sie zu leisten imstande sind, wenn sie unter ihren sonst selbstdefinierten Produktionsbedingungen arbeiten. Dennoch: Es war nicht falsch, das Experiment der Zusammenarbeit mit diesen Gruppen zu wagen, darin sind die Münchner Kammerspiele längst nicht das einzige Haus, haben nicht einmal eine Vorreiterrolle inne.

Es war im Ergebnis halt einfach nicht gut genug. Und in den folgenden Spielzeiten ließ man es auch weitgehend bleiben und setzte stattdessen lieber auf eine Fülle echter Gastspiele, ohne damit ein eigenes Profil zu gewinnen.

Dass die Kammerspiele ein inhaltliches, aber kein ästhetisches Problem haben, zeigte bereits in der ersten Saison Nicolas Stemann mit seiner Inszenierung von Jelineks "Wut", einer furiosen Mischung aus Leseprobe, Performance, Satire, Albernheiten und dem gesellschaftspolitischen Clou, sowohl die Wut auf rechte Strömungen wie die darin enthaltene Entrüstung zu zeigen. Gleichfalls brillant: David Martons Opernneuerschaffung von Bellinis "Sonnambula". Beide Arbeiten zeigten, dass jenseits eines erzählenden oder dramatischen Theaters eine Form möglich ist, die zu erhellenden Ergebnissen führen kann. Nur muss man die Form beherrschen und sie mit Inhalt füllen. Manchmal passte beides nicht, wie jüngst beim lahmen "1968"-Kabarett. Oder die faszinierende Form verschluckte den Inhalt wie bei Susanne Kennedys "Virgin Suicides".

Je genauer man die zurückliegenden zweieinhalb Jahre betrachtet, desto stärker fällt eine irritierende Diskrepanz in der Wahrnehmung auf. Vorderhand verbindet man die Kammerspiele mit Partys, Popkonzerten, Gastspielen, kaum mit Theater oder gar mit Schauspielern. Tatsächlich gab und gibt es zahlreiche Tage, da findet überhaupt nichts statt, was man noch im weitesten Sinne unter Theater subsumieren könnte. Gleichzeitig jedoch bleiben einige sehr erfreuliche Inszenierungen im Gedächtnis wie Christopher Rüpings konsequenter und dichter "Hamlet", Stefan Puchers bilderstarkes Erzähltheater "America", Amir Reza Koohestanis poetische Nacherzählung "Der Fall Meursault" oder auch ein paar lustige Arbeiten von Toshiki Okada über verzweifelte Gegenwartsmenschen. Drum herum aber schäumte eine Lust an der Uneigentlichkeit. Vielleicht war Lilienthals Theater besser, als man es wahrnehmen konnte. Lilienthals Scheitern in der Gunst des angestammten Publikums ist kein Scheitern der Moderne, sondern eines in der Vermittlung. Neues muss sich legitimieren und dabei zwingend sein.

Da nützt es auch nicht viel, dass drei Arbeiten zum Theatertreffen eingeladen wurden, rätselhafterweise zwei Mal "Mittelreich" von Anna-Sophie Mahler, einmal mit weißen, einmal mit schwarzen Darstellern, und Brechts "Trommeln in der Nacht" von Christopher Rüping. Bei Rüping kann man Schauspielertheater sehen, eine Diskussion über Spielformen, verschiedene Inszenierungsstile und zwei verschiedene Enden. Das ist klug, vielleicht streckenweise virtuos, aber nie zwingend. Es wirkt, als solle sich ein Museumsbesucher die Farbe des betrachteten Bildes selbst wählen. Eine Haltung vermisst man dabei wie bei so vielen Arbeiten, die sich mit viel Ironie um Aussagen drückten. Auf Dauer ist das fad.