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Håkan Nesser:Ideenhistoriker am Steuer

Håkan Nesser: Barbarotti und der schwermütige Busfahrer. Roman. Aus dem Schwedischen von Paul Berf. btb Verlag, München 2020. 414 Seiten, 22 Euro.

In seinem neuen Barbarotti-Krimi verewigt Håkan Nesser einen Busfahrer.

Von Rudolf Neumaier

Busfahrer, was für ein wunderbarer Beruf für eine Kriminalromanfigur! Der Beruf des Polizisten mag anstrengend sein, auch Chirurgen arbeiten immer am Limit, ganz zu schweigen von den Pflegekräften, keine Frage. Aber dann kommen auch gleich die Busfahrer, die entweder Kinder zur Schule oder in den Skiurlaub oder gar Kirchenchöre oder Fußballfans zu ihren Ausflugszielen befördern müssen - die Klientel der Busfahrer tritt oft stimmgewaltig, mitunter zudem durstig auf. Man kommt unter Menschen, ja, aber unter sehr stressige. In Schweden ist das nicht anders als in Deutschland. Busfahrer brauchen Nerven wie Drahtseile.

Bisher ist der Beruf des Busfahrers von den Kriminalliteraten dieser Welt weitgehend auf sträfliche Weise vernachlässigt worden. Jetzt hat ihn der schwedische Schriftsteller Håkan Nesser, 70, entdeckt und gleich im Titel seines neuesten Romans aus der Reihe der Barbarotti-Krimis verewigt: "Barbarotti und der schwermütige Busfahrer", was im schwedischen Original nach einem großen Mysterium klingt: "Den sorgsne busschauffören från Alster" - Schwede möchte man sein. Wer berufsbedingt in Bussen des öffentlichen Nahverkehrs unterwegs ist, gelangt immer wieder zum Eindruck, dass die Gelassenheit des Mannes am Lenkrad auf gerade noch gesunder Schwermut basieren muss. Schwermut bremst das Temperament aus, was im Chaos des Berufsverkehrs gewiss nur von Vorteil sein kann. Aber egal.

Ist Nessers Busfahrer Albin Runge ein normaler Busfahrer? Ja und nein. Ja, weil ihm sein Job Spaß macht, bis er einen Unfall baut, bei dem 18 Menschen sterben. Nein, weil er Geschichte studiert und seine ideenhistorische Dissertation über Erasmus und Luther nie fertig bekommen hat. Wobei auch Soziologen und Philosophen in die Verkehrsbranche einsteigen, aber eher als Taxifahrer. Hätte er als Historiker reüssiert, würden die 18 Menschen noch leben. Sein Schwager schusterte Runge den Job zu, den Fahrkurs für den Busführerschein spendierte er ihm auch. So gesehen ist Albin Runge ein normaler Nesser-Busfahrer, eine typische Nesser-Figur.

Denn Nesser beschäftigt in seinen Krimis gern intellektuelles Personal. Also seinesgleichen. Er hatte an der Uni in Uppsala Literatur, Philosophie und Geschichte studiert, ehe er Lehrer an einem Gymnasium und später, in den Neunzigern, Bestseller-Garant wurde. Im neuen Roman macht er einen verehrungswürdigen alten Lehrer spät zur Schlüsselfigur. Das könnte eine Reminiszenz sein.

Auf dem grauenhaften Unfall, bei dem der Ideenhistoriker Albin Runge den Bus lenkte, baut die Geschichte auf. Runge wird bedroht: An einem Jahrestag des Unglücks werde er zur Rechenschaft gezogen. Die Polizei überwacht ihn zu seinem Schutz. Doch Runge verschwindet - und ein Jahr später wird er für tot erklärt.

Kommissar Gunnar Barbarotti und seine Kollegin und Lebensgefährtin Eva Backman wären keine guten Krimifiguren, wenn dieser Fall sie kaltließe. Sie ermitteln von Anfang an mit einer Akribie, die ein wenig übertrieben wirkt angesichts der Umstände.

Wer sich bei der Lektüre allzu früh allzu detektivische Gedanken über die Drahtzieher des Verschwindens von Runge macht, kommt auch allzu früh auf die Beteiligten. Aber ein Krimi, der als Literatur verstanden werden will, ist kein Kreuzworträtsel mit einem Lösungswort, das möglichst schnell geknackt werden soll. Das heißt: Bei Nesser kommt es nicht nur oder in erster Linie auf den Kriminalfall als solchen an, sondern auf seine Erzählkunst.

Barbarotti und Beckman und ihr Kollegium sind so liebevoll und bissig charakterisiert, dass jede Teambesprechung zu einem Dramolett gerinnt. Barbarottis Chef zum Beispiel ist ein wunderbarer Trottel. Er bringt keine Wortmeldung zustande, in der er sich nicht selbst wiederholt, keine einzige Wortmeldung.

Was diesen Schweden-Krimi der Barbarotti-Reihe von anderen Skandinavier-Krimis unterscheidet, ist die überschaubare Zahl an Mordopfern, das Maß an geflossenem Blut und der Verzicht auf Brutalitäten. Damit geht Hakån Nesser ebenso sparsam um wie mit Politik, wenngleich er sich Bemerkungen über "den Irren im Weißen Haus, den Irren in Nordkorea, die zerfallenden Demokratien in Ungarn und Polen, Erdogan, Putin, den Brexit, den Teufel und seine Großmutter" nicht verkneift. So gesehen ist Nesser manchem der in Deutschland prosperierenden Regionalkrimis näher als den Erzeugnissen seiner Landsleute Mankell und Larsson.

Er lässt Barbarotti mit seiner Gefährtin lieber mal um eine einstündige Fußmassage wetten und über Gefühle nachdenken: Sie "währen niemals ewig. Trauer nicht. Angst und Verzweiflung nicht. Freude nicht. Möglicherweise Zuversicht, aber das war möglicherweise gar kein Gefühl und außerdem schwer aufzutreiben." Außerdem pflegt Gunnar Barbarotti ein freundschaftliches Verhältnis zu Gott, das an den Beschwörer Don Camillo erinnert. Wie der katholische Priester spricht der protestantische Polizist mit dem Herrn im Himmel und hin und wieder, zum Beispiel auf Seite 137, spendet ihm der Kumpel von oben Aufmunterung. Dabei ist Barbarotti nicht einmal betrunken, sondern im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte, die trotz aller Trägheit auch den Fall des Busfahrers lösen.

© SZ vom 29.10.2020
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