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Hygiene und Coronavirus:"Lange war Händewaschen ein symbolischer Akt"

Waschzwang in Zeiten von Corona

Kann man's auch übertreiben, mit der Handhygiene? Eigentlich nicht, mit Seife ist man bei Corona aber gut bedient.

(Foto: dpa)

Professor Nils-Olaf Hübner von der Universität Greifswald hat zum Thema Handhygiene promoviert und habilitiert. Im Interview spricht er über den Zusammenhang zwischen religiösen Waschungen in der Geschichte und der medizinischen Entstehung der Handhygiene, die ausschlaggebende Idee eines berühmten Wiener Gynäkologen und die Frage, ob man es mit dem Händewaschen übertreiben kann.

Interview von Selma Badawi

Herr Hübner, wo beginnt die Geschichte der Handhygiene?

Das Reinigen der Hände ist uralt. Lange war es vor allem ein symbolischer Akt. Man findet vieles darüber zum Beispiel in der Bibel und in der antiken Geschichte. Die prominenteste Ikone dafür ist wahrscheinlich Pontius Pilatus, der seine Hände in Unschuld wäscht. Reinigungszeremonien gibt es in nahezu allen Kulturen und dazu gehört natürlich auch das Reinigen der Hände.

Rituelle Waschungen hatten also einen Einfluss auf die Entstehung der Handhygiene?

In gewisser Weise ja, nur ging die rituelle Praktik nicht direkt in die hygienische Praktik über.

Sondern?

Der entscheidende Punkt in der Entstehung der Handhygiene in der Medizin ist der, an dem man sich von der tradierten Waschung entfernte und mit der Desinfektion begann. Man ging also vom mechanischen Entfernen zum Abtöten der Erreger direkt auf den Händen über. Und diesen Fortschritt, den verdanken wir in erheblichem Maße Herrn Ignaz Semmelweis ...

Prof. Nils-Olaf Hübner von der Universität Greifswald.

(Foto: Privat)

... den man als Laie womöglich nicht kennt.

Das wäre schade. Semmelweis war ein Visionär.

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Semmelweis war Gynäkologe und leitete als Oberarzt in Wien eine der beiden Geburtenkliniken des Allgemeinen Krankenhauses (AKH). 1847/48 machte er eine Entdeckung: Es beschäftigte ihn sehr, dass jede zehnte Wöchnerin in seiner Klinik starb - eine Quote von zehn bis zwölf Prozent also. Wie drastisch das war, sieht man, wenn man die Zahlen mit heute vergleicht: 2015 war das Land mit der höchsten Müttersterblichkeit Sierra Leone. Da lag die Quote bei 1,6 Prozent. Semmelweis beobachtete aber, dass in der zweiten Geburtenklinik wesentlich weniger Wöchnerinnen starben als bei ihm.

Was war der Unterschied?

In der zweiten Klinik arbeiteten nur Hebammen. In der ersten wurden auch Studenten ausgebildet. Und die rannten zwischen den Toten im Seziersaal und den Müttern im Kreißsaal direkt hin und her. Als der Pathologe der Klinik beim Sezieren von einem der Studenten versehentlich geschnitten wurde und daraufhin an einer Blutvergiftung starb, ging Semmelweis ein Licht auf: Die Symptome des infizierten Pathologen waren die gleichen gewesen, die er bei seinen Wöchnerinnen beobachtete. Sein Schluss: Die Studenten übertrugen durch ihre Hände ein Gift von den Kadavern auf die Mütter.

Und daraufhin führte Semmelweis die Desinfektion ein?

Nun, er versuchte es. Leider glaubte ihm damals noch kaum jemand. Er bemühte sich sein Leben lang, aber wirklich erfüllt hat sich seine Vision erst nach seinem Tod.

Warum hat es so lang gedauert?

Wie viele Menschen, die gegen den Strom schwimmen, ist auch Semmelweis massiv angegriffen worden. Man hat ihm nicht geglaubt, Mikroorganismen waren noch nicht bekannt, Semmelweis selber sprach von "zersetzten organischen Stoffen", nicht von Bakterien als Erkrankungsursache. Zudem hätte man, wenn seine Lehre anerkannt hätte, ja auch einsehen müssen, dass die Ärzte und Studenten durch die eigenen Hände schon Dutzende, vielleicht Hunderte Frauen zu Tode gebracht haben. Auch deshalb wehrte man sich und verdrängte Semmelweis von seiner Position.

Gab es damals überhaupt schon Desinfektionsmittel?

Natürlich nicht so wie heute. Semmelweis musste erst mal ein Mittel finden, das sich entsprechend eignete. Er fand heraus, dass Chlorkalk recht gut funktionierte, und konnte das bei seinen Studenten auch umsetzen. Bald sank die Sterberate der Mütter auf zwei Prozent ab. Aus dieser empirischen Erkenntnis leitete er viel von dem ab, was wir heute an hygienischen Maßnahmen durchführen.

Wann kam der Alkohol ins Spiel?

Der Alkohol kam erst lange nach dem Tod von Semmelweis zum Zug, Ende der 1880er. Dazu muss man sagen, dass einer der großen Hygieniker dies stark verzögert hatte - nämlich Robert Koch.

Ausgerechnet.

Nun, zu seiner Verteidigung: Er hatte es getan, ohne es besser wissen zu können. In Versuchen mit bakteriellen Sporen hatte er herausgefunden, dass Alkohol diese nicht abtötet. Das übertrug man fatalerweise auf Bakterien im Allgemeinen. Es dauerte bis in die 1890er, bis man in Deutschland merkte, dass sich Alkohol eben doch sehr gut zur Desinfektion eignet. Diese Neuerung wurde wiederum aber von den angloamerikanischen Kollegen zunächst nicht übernommen. Wissenschaft und Medizin waren in der Vergangenheit sehr nationalistisch geprägt.

In den vergangenen Monaten sind wir über die empfohlene Handhygiene zu einem fast exzessiven Desinfektionsbedürfnis gelangt. Übertreiben wir?

So eine Krise, wie wir sie jetzt haben, kann natürlich dazu führen, dass wir übertreiben. Sicher ist aber, dass wir die Händedesinfektion im medizinischen und im pflegerischen Bereich brauchen. Ansonsten sind wir gerade bei Corona eigentlich auch mit der normalen Seife gut bedient. Das finde ich in jedem Falle besser als ein schlechtes Desinfektionsmittel, das irgendwelche unverträglichen Stoffe enthält.

© SZ.de/tmh
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