bedeckt München 12°
vgwortpixel

Händel-Festspiele:Was für ein Mann, der so hoch singen kann

TOLOMEO, RE D'EGITTO

Sterbende Schwäne singen am schönsten: Shootingstar Jakub Józef Orliński als Tolomeo, lebensmüder König von Ägypten.

(Foto: Falk von Traubenberg / Staatstheater Karlsruhe)

Der polnische Countertenor Jakub Józef Orliński brilliert in Karlsruhe in Händels selten gespielter Oper "Tolomeo". Seine Stimme ist ein Ereignis.

Der Titelheld in Georg Friedrich Händels Oper "Tolomeo, Re d'Egitto" ist eine merkwürdige Figur. Schon zu Beginn will er sich ins Meer stürzen, und noch kurz vor Ende leert er einen Giftkelch, dem auch die bekannteste, in jüngerer Zeit von einigen Countertenören aufgenommene Arie der Oper gilt: "Stille amare" - bittere Tropfen. Drei Akte lang bleibt dieser Tolomeo, angeblicher König von Ägypten, des Lebens müde. Doch sterbende Schwäne, sagt man, sängen am schönsten, was auf jeden Fall gilt, wenn sie Jakub Józef Orliński heißen.

Der Pole gilt momentan als heißester Anwärter auf die Position des Shootingstars unter den Countertenören, der als neuer Typus des hoch singenden Mannes daherkommt. Das Musikvideo zu seiner kürzlich erschienenen Platte "Facce d'amore" zeigt ihn als lässigen, dezidiert männlich auftretenden Liebhaber, der sich heiße Kissenschlachten mit einer asiatischen Schönheit liefert. Dass Orliński auch Breakdancer ist, in Werbevideos von Konzernen mitgewirkt hat und über das entsprechende Äußere verfügt, hilft dabei.

Es wäre aber unerheblich, wenn seine Stimme nicht tatsächlich ein Ereignis wäre, wie man nun bei der Eröffnung der Internationalen Händel-Festspiele in Karlsruhe hören konnte. Orliński gestaltet die Partie des Tolomeo, die Händel für den Star-Kastraten Senesino schrieb, enorm farbenreich. Dass seine Stimme viriler klingt als die mancher Counterkollegen, liegt am Fundament in einer kraftvollen Mittellage. Ebenso dunkel wie warm ist der Stimmkern, den er auf einem schier endlosen Atem zu entfalten vermag. Das bringt auch jenen Effekt hervor, mit dem schon die Kastraten mindestens den weiblichen Teil des Publikums regelmäßig der Ohnmacht nahe brachten: das Messa di Voce, also das langsame An- und Abschwellen der Stimme auf einem Ton. Orliński zieht auch kürzere Noten gern derart auf, was auf Dauer zum Manierismus werden könnte, hier aber immer dem Ausdruck dient. Denn, und das ist wohl das Entscheidende, einfach nur schön klingen will Orliński nie, obwohl er es fraglos tut. Der junge Sänger ist von einem immensen Ausdruckswillen getrieben, der die umfangreiche Partie des Tolomeo nie langweilig werden lässt, jeder der vielen Arien Eindringlichkeit verleiht. Die leisen und langsamen lässt er mit feinsten Abstufungen im Pianobereich zu Studien über haltlos schweifende Sehnsucht werden, und in einer furiosen wie "Son qual rocca" verwandelt er die Koloraturen in die verzweifelte Anklage gegen eine Welt, die zu schlecht ist, um in ihr leben zu wollen. Tolomeo wird so zu einem Seelenverwandten Hamlets, was zweifellos auch der subtilen Figurenbeleuchtung durch den Regisseur Benjamin Lazar zu danken ist.

Es ist sicher nicht Händels beste Oper, aber Benjamin Lazar weiß damit umzugehen

Dabei ist die Oper, entstanden 1728 als letzte der zusammenbrechenden ersten Royal Academy of Music, sicher nicht Händels beste: Der zerfahrenen Dramaturgie dient ein Machtgerangel zwischen zwei Söhnen einer ägyptischen Königin als vager Hintergrund. Die Arien bleiben einander oft zu ähnlich, indem sie vor allem um diverse Facetten der Liebe kreisen. Lazar lässt gerade dieses Diffuse des Stücks zum Thema werden, indem er es in einen Seelenraum verlegt, der die Grenzen zwischen Traum und Realität, auch zwischen Leben und Tod auflöst. Im Bühnenbild von Adeline Caron wird ein von einem berühmten alten Hotel im französischen Trouville inspirierter Raum zur Insel, gegen die in den Videos von Yann Chapotel das Meer mal zarter, mal heftiger anbrandet.

Vor einigen Jahren hatte der französische Regisseur bei den Händel-Festspielen eine aufsehenerregende Inszenierung von Händels "Riccardo Primo" in historischer Aufführungspraxis vorgelegt. Bei "Tolomeo, Re d'Egitto" bleibt Lazar nun in einer zeitlosen Gegenwart, wobei das präzis gearbeitete Bewegungsrepertoire dennoch die Stilisierung des Barock aufgreift. Als schiffbrüchige Seelen begegnen sich die fünf Figuren auf der meerumtosten Rauminsel, streifen einander oft nur und scheinen sich kaum wahrzunehmen, finden dann wieder unerwartet zu Umarmungen, bis sie erneut auseinandergetrieben werden. Oft aber verweilen sie auch einfach nur laut- und regungslos im Raum, schauen starr aufs Meer hinaus. Das ewige Spiel vom Suchen und Finden der Liebe. Kaum glaubhaft, dass es mit dem barockobligatorischen Happy End tatsächlich an sein Ende kommt, wenn Tolomeo und seine drei nicht sonderlich spannungsreiche Akte lang gesuchte Geliebte Seleuce zueinander finden. Louise Kemény verströmt in der Partie das Unschuldstimbre ihres Soprans am schönsten in den langsamen Arien, wenn sie wie staunend in das eigene Unglück hineinlauscht.

Meili Li vermag in der undankbaren Rolle des zweiten, von Händel deutlich knapper gehaltenen Countertenors mit lyrischem, weich gerundetem Klang zu bestehen. Morgan Pearse verfügt über die baritonale Statur für den Bösewicht Araspe, der sich mit der anfangs koketten, aus verschmähter Liebe zunehmend mordlüsternen Elisa verbündet. Die entsprechenden endlosen Koloraturketten gestaltet Eléonore Pancrazi mit intensiver Phrasierung, das nötige dramatische Fundament für das Furienhafte aber geht ihr ab.

Im Graben leisten die Deutschen Händel-Solisten optimale Unterstützung mit einem nie dicken, vielmehr binnendynamisch reich aufgefächerten Klang. Wie der Stil dieses Orchesters überhaupt bemerkenswert geschlossen wirkt - es findet sich für die Karlsruher Händel-Festspiele alljährlich aus unterschiedlichen Originalklangensembles zusammen. Ihr präzises Zusammenspiel verleiht schnellen Passagen eine agile Wendigkeit, längere Linien zeichnen sie mit zartem Silberstift. Dabei treibt der Dirigent Federico Maria Sardelli die Tempi mit entschlossenem Elan voran, kommt aber dankenswerterweise ohne das hysterisch Rumpelnde aus, das man in vielen Barockaufführungen zu hören bekommt. Eher bewahrt er sich einen souveränen Überblick über die Gesamtarchitektur, womit er ähnlich wie die Regie dieser wahrscheinlich nicht zu Unrecht vernachlässigten Oper Händels die größtmögliche Geschlossenheit verleiht.

© SZ vom 17.02.2020
Zur SZ-Startseite