Süddeutsche Zeitung

Datensicherheit:Die kleine schmuddelige Schwester der Aufklärung

  • Der Fall des aktuellen Hackerangriffs zeigt im Brennglas, wie sich ein weit älteres Spiel fortsetzt:das zwischen Öffentlichkeit und staatlicher Gewalt.
  • Öffentliche Bloßstellung hat zum Sturz von Herrschern beigetragen, andererseits bespitzeln auch Regierende oft ihre Untertanen.
  • Wer von beiden im Internetzeitalter am längeren Hebel sitzt, ist vorerst noch offen.

"G0d" war doch nicht so groß wie gedacht. Es war ein Schüler, der offenbar nicht einmal selbst programmieren konnte. Die Behörden hatten ihn längst im Blick, als Internetexperten noch verkündeten, man werde ihn wohl kaum finden können. Politischer Ärger sei das Motiv des jungen Hackers gewesen, der die Daten mehrerer Hundert Medienleute und Politiker zu Weihnachten ins Netz stellte. Die Absicht war Bloßstellung, eine Art von Privatrache, emotional getrieben, nicht strategisch durchdacht. Der Zweck solcher Aktionen ist keine spezifische Botschaft, sondern Verunsicherung: Ihr werdet beobachtet, fühlt euch nicht sicher! Der Fall zeigt im Brennglas, wie sich ein weit älteres Spiel fortsetzt, das zwischen Öffentlichkeit und staatlicher Gewalt.

Öffentliche Bloßstellung, das Ausagieren von Hohn und Schadenfreude gegen Prominente und Regierende, hat eine lange Tradition in der bürgerlichen Öffentlichkeit. Seit diese sich im Schatten des absolutistischen Staates und im Widerstreit mit ihm entwickelte und begann, sein Handeln vor den Gerichtshof der Vernunft zu ziehen, hat sie ihr Augenmerk auch auf das persönliche Leben und die private Sittlichkeit von Herrschern gelenkt.

Der Historiker Reinhart Koselleck hat in seiner berühmten Studie "Kritik und Krise" analysiert, wie der potenziell grenzenlose Vernunft- und Moralanspruch der aufgeklärten Öffentlichkeit die friedenssichernde Funktion des Staates als Instanz oberhalb religiöser oder weltanschaulicher Parteien zu unterminieren begann. Das ursprüngliche Arrangement des aus den religiösen Bürgerkriegen des 17. Jahrhunderts hervorgegangenen, religiös neutralisierten Staates hatte in einem Ausgleich zwischen der Unbelangbarkeit des Staates und der Sicherung von persönlicher Gewissensfreiheit für die Regierten bestanden. Erst hier entstand die Privatsphäre als rechtlicher Raum. Öffentliche und private Sphäre sollten geschieden und zugleich ausbalanciert bleiben, um die Sprengkraft von Glauben und Moral aus dem Staatsleben zu entfernen, ohne den Bürgern ihre Sittlichkeit zu beschneiden.

Die Eröterung der Sittenlosigkeit der Regierenden war die schmuddelige Schwester der Aufklärung.

Diesen historischen Kompromiss stellte die Aufklärung mit ihrem universalen Vernunftanspruch infrage; sie habe damit der Revolution und erneuten Bürgerkriegen Vorschub geleistet, so Kosellecks bis ins 20. Jahrhundert ausblickende Diagnose. Der Historiker dachte dabei vor allem an die Geschichtsphilosophie, ein Fortschrittsdenken, das alle öffentlichen Einrichtungen unter den Vorbehalt "ewiger Revision" (um Jacob Burckhardts Formulierung aufzugreifen) stellte.

Die kleine schmuddelige Schwester solcher hoch gespannten Aufklärung war die Erörterung der Sittenlosigkeit der Regierenden. Hier war es nicht die Vernunft, die die Kriterien bereitstellte, sondern eine betont bürgerliche Alltagsmoral. Mätressenwirtschaft, Ehebrüche, sexuelle Abweichungen, Verschwendung, Ausschweifungen aller Art wurden durchgestochen und in meist anonymer Literatur auf dem Graumarkt unterhalb der Zensur verbreitet. Geschichtsphilosophisch war daran allenfalls ein Rousseauismus, der Zivilisation als Abfall von einer angeblich unschuldigen Natur brandmarkte.

Die letzten Jahrzehnte das Ancien Regime vor der Französischen Revolution waren eine Hochzeit solchen Shamings. Die junge Königin Marie Antoinette wurde als ausschweifende Partyqueen dargestellt, gar lesbischer Neigungen verdächtigt, was ihren Vertrauten in der Revolution besonders sadistische Behandlung bescherte. Voltaire war sich nicht zu schade, hämische Memoiren vom preußischen Hof zu publizieren, die die Homosexualität Friedrichs des Großen thematisierten. Den Höhepunkt erreichte die antihöfische Publizistik in der Affäre um einen fingierten Verkauf eines kostbaren Halsbands an Marie Antoinette. Sie versetzte der Reputation des Königshauses den Todesstoß.

Auch der Staat blieb in Sachen Bloßstellung nicht untätig

Goethe hat den europaweit beachteten Skandal als Krisenzeichen erster Ordnung erkannt: "In dem unsittlichen Stadt-, Hof- und Staatsabgrunde, der sich hier eröffnete, erschienen mir die greulichsten Folgen gespensterhaft." Die Monarchie als Hüterin von Recht und Frieden schien irreparabel beschädigt, und das hat zu ihrem Untergang fünf Jahre später viel beigetragen.

In gewissen Zeiten berichtete die Presse über erotische Abweichungen kaum, aber manchmal lösten sie Staatskrisen aus.

Die Kette solcher Enthüllungen ist seither nicht mehr abgerissen, und zwei Jahrhunderte lang brauchte man kein Internet dafür. Dabei ging es keineswegs immer um Korruption und Amtsmissbrauch, sondern auch um private Verfehlungen. Deren Wirkung freilich schwankt stark je nach moralischer oder religiöser Umgebung. Es gab Zeiten und Orte, an denen die Presse über erotische Sünden kaum berichtete, es gab andere, wo solche Abweichungen Staatskrisen auslösen konnten, wie in der Eulenburg-Affäre um angeblich homosexuelle Berater von Kaiser Wilhelm II. seit 1906.

Der Schutz der bürgerlichen Privatsphäre, den der moderne Rechtsstaat ausgebildet, dabei allerdings oft nur undeutlich kodifiziert hat, galt seit jeher nur eingeschränkt fürs leitende Personal, jedenfalls in Ländern mit freier Presse. Auch wechseln die Empfindlichkeiten. So werden sexuelle Zudringlichkeiten seit ein paar Jahren wieder schärfer sanktioniert als in der vorangehenden Epoche einer angeblichen Libertinage. Der Gerichtshof der Moral spricht seine Urteile nach wandelbaren Kriterien.

Vor allem aber blieb auch die andere Seite der Dyade Staat - Öffentlichkeit nicht untätig. Datenschutz und Sicherung der Privatsphäre wurde zunächst vor allem gegen den Staat nötig, nicht wie heute gegen Firmen und missbräuchliche Verwender ihrer Infrastrukturen. Bereits die Könige hatten ihre Minister und Untertanen bespitzeln lassen. Solches Sammeln von Informationen erreichte im Gefolge der Französischen Revolution einen ersten verstörenden Höhepunkt. Napoleons Polizeiminister Joseph Fouché errichtete einen Inlandsgeheimdienst, der schon an spätere totalitäre Systeme erinnert. Ihm folgte der österreichische Staatskanzler Metternich, der die Presse zensieren ließ, sich dafür Informationen über die Stimmung im Lande durch Spitzel und systematische Überwachung des Briefverkehrs besorgte, darin einer Praxis der napoleonischen Besatzung in Deutschland folgend.

Zweck solcher Datensammlungen, deren Dossiers in den Staatsarchiven heute unschätzbare Quellen darstellen, war gar nicht nur die Verhinderung von Aufständen oder Verschwörungen, sondern auch die Lenkung des nachgeordneten Personals: Jeder kleine Bordellbesuch machte Mitarbeiter, Konkurrenten oder ausländische Geschäftsträger, sogar Publizisten und Professoren, erpressbar. Metternich war darüber umfassend im Bilde, wie zuvor Fouché und dessen Chef Napoleon.

Wer in den Diktaturen Herr der Personalakten war, konnte sogar die Regierung regieren.

Eine neue Eskalation erreichte die Überwachung der Gesellschaft in den Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Die Dossiers der Staatssicherheiten sind dort die funktionalen Äquivalente zu den Recherchen der investigativen Medien in der freien Welt. Der Unterschied ist, dass die in Diktaturen gesammelten Nachrichten und Unterlagen ihren Wert nur bei Geheimhaltung bewahren. Der kommunistische Parteisekretär, der früher Nazi-Blockwart war, ist nützlich vor allem, wenn diese Information Gerücht bleibt. Wer Herr der Personalakten ist, der kann sogar die Regierung regieren.

Die Situation, die das Internet mit seinen global arbeitenden Diensten und Plattformen geschaffen hat, ist verwirrend und vorerst offen. Der Staat als Gegenüber der Öffentlichkeit erscheint geschwächt wie schon lange nicht mehr. Der Hebel, den IT-Partisanen bewegen können, ist beispiellos groß: Von jeder Dachkammer aus kann potenziell eine Krise ausgelöst werden. Und längst haben sich die traditionellen Geheimdienste mit ihren enormen Mitteln über diese Infrastrukturen gelegt. Sie sind, wie wir inzwischen wissen, imstande, scheinhafte Parallelöffentlichkeiten zu installieren, Unwahrheiten lauffeuerhaft zu verbreiten und Einzelne am globalen Pranger zu vernichten.

Von Anfang an war die Praxis des "Leakens" und das damit verbundene Ideal von "Transparenz" - die jüngste Gestalt der Aufklärung - doppeldeutig. Technisch gestütztes Selbsthelfertum überspielt die Umständlichkeiten des Rechtsstaats mit seiner Unschuldsvermutung, seinen langwierigen Ermittlungen und maßvollen Urteilen. Hass, das, was früher als Bürgerkriegsdrohung begriffen wurde, kann zu einer beliebigen Münze werden. Welche Auswirkungen der potenzielle Pranger auf die künftige Rekrutierung des politischen Personals hat, ist noch nicht abzuschätzen.

Vor allem aber ist das Spiel zwischen den Staaten und Öffentlichkeit noch nicht zu Ende. Es hat, auf dem Gebiet des Internets und seiner Strukturen, kaum erst begonnen. Dass Diktaturen sich deren Möglichkeiten umfassend bedienen werden, ist gewiss. China ist hier ein beunruhigender Vorreiter. Souverän wird künftig sein, wer die Netze beherrscht. Die kleinen Nerds mit ihren heimgewerkten Doxingaktionen sind womöglich nur die nützlichen Idioten für ganz andere Mächte. "G0d" hat sich vorerst ruiniert, wenn die Geschädigten mit Schmerzensgeldforderungen und Schadenersatzansprüchen auf ihn zukommen. Wer auf Dauer am längeren Hebel sitzt, die Staaten oder die Netze, ist durchaus offen.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4280634
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 10.01.2019/khil
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.